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Das war die Woche: Der Trick mit dem Billig-Mac

18.04.2008 | 14:15 Uhr |

Die Klone kommen nicht zurück - weder mit Billigung Apple noch ohne. Das starke Echo, das der "Hackintosh" von Psystar ausgelöst hat, lässt jedoch über Zweck und Wirkung des Scheinangebots spekulieren.

Psystar Mac-Klon
Vergrößern Psystar Mac-Klon

Ein Mac, der nicht von Apple ist - geht nicht. Psystar - gibt’s nicht. Auch am Ende der Woche, zu dessen Beginn eine bis dato vollkommen unbekannte Firma namens "Psystar" die Rückkehr der Klone versprach, ist nicht ganz klar, welchen Zweck die Ankündigung eines "Open Mac" hatte. So wie es aussieht, ist Psystar rein virtuell , unter allen drei in dieser Woche auf dem Impressum der Site angegebenen Adressen in Miami findet sich - nichts. Man ist geneigt, an einen verspäteten Aprilscherz zu glauben, nur wird wohl kaum jemand deswegen einen Besuch der Apple-Anwälte riskieren, die schon wegen geringerer Markenvergehen gerne mal Abends vor der Tür stehen .

Wer auch immer hinter dem Projekt "Open Mac" oder "Open Computer" (war Apple Legal etwa doch schon mal vorstellig geworden?) steckt, er hat eine große Chance verpasst. Noch hält zwar Google den Suchbegriff "Psystar" für einen Tippfehler und bietet alternativ die Suche nach "Skystar" an, spuckt aber schon 274.000 Ergebnisse aus. Das weltweite Medieninteresse am 400 US-Dollar teuren Möchtegern-Mac (plus 155 US-Dollar für Leopard und dessen Installation) hätten findige Schwindler ausnutzen können, um anderweitig Billig-PCs zu verscherbeln. Etwa nach dem larmoyanten Motto: "Das böse Apple verbietet uns armer Firma nun doch, Leopard auf die Kisten zu installieren, aber, hey, wenn Ihr schon mal auf unserer Website seid, dann kauft doch den Open Computer mit Windows XP für die angepriesenen 400 Bucks und einen Zehner mehr für das verschimmelte Windows. Das verkauft Microsoft bekanntlich zwei weitere Jahre für Ultra-Lowcost-PCs ." Gewiss stünde ein solches Angebot am Rande des Betrugs, vor einem möglichen Rechtsstreit mit Mitbewerbern hätte eine echte Firma Psystar aber einen schönen Schnitt machen können. Warum hatten sich die womöglich in Miami ansässigen Bauernfänger nicht mit Billigramsch aus China eingedeckt, bis die Hochregale bersten?

Psystar Open Mac: Was ist der Zweck?

Über den Zweck des Psystar-Hoaxes lässt sich beliebig spekulieren. Vielleicht hatte ja tatsächlich ein windiger PC-Schrauber eine entsprechende Idee, ein Konkurrent hat von den Plänen Wind bekommen und die "Marketingidee" mit einer Scheinfirma verbrannt? Ein zweiter Versuch ist jetzt ausgeschlossen. Oder wollte jemand testen, wie solch ein Billig-Mac beim Publikum ankommt? Der Test hat jedenfalls ein klares Ergebnis geliefert: Die Rückkehr der Mac-Klone stöße auf Sympathie. Nicht nur fragten sich in zahlreichen Communities die Mitglieder untereinander, wer denn schon einen bestellt habe, auf eine Marktlücke weisen auch unsere Kollegen von Macworld hin. Ein "offener Mac" insbesondere für Gamer sei das fehlende Glied in Apples Perlenkette , meint Peter Cohen. Denn es sei nicht der Preis von 400 US-Dollar, der beeindrucke, sondern das Konzept, einen Mac mit Komponenten der freien Wahl weiter aufrüsten zu können. Um diese Vision wahr werden zu lassen, müsse Apple aber sein Konzept radikal ändern und nicht mehr als Gralshüter von Mac-OS X auftreten. Frommer Wunsch, möchte man meinen, da scheint ein Midrange-Tower , irgendwo zwischen den Mac Pro und den iMacs schon wahrscheinlicher. Den müsste Apple aber selbst herausbringen, es bleibt in Cupertino beim kategorischen Nein, was die Lizenzierung des Betriebsystems an Dritte betrifft. Aus Sicht Apples verständlich: Der Ruf nähme schnell schaden, zickte Mac-OS X auf Billigcomputern aus den Discountmärkten so herum, wie man es von Windows gewohnt ist. Außerdem verdient Apple an der Hardware weiterhin bestens, allein in den USA sind nach Schätzungen von JP Morgan im zweiten Quartal des Apple-Geschäftsjahres mehr als eine Million Macs über die Ladentische gegangen.

Apple sollte aber die Aufregung um den Psystar gut beobachtet und daraus wertvolle Erkenntnisse gezogen haben - wir wollen jedoch keineswegs unterstellen, der Fake sei mit Billigung oder gar auf Initiative des Mac-Herstellers geschehen. Macs sind in Bezug auf ihre Ausstattung nach wie vor teuer, insbesondere die Profireihen Macbook Pro und Mac Pro. Mit dem Intel-Switch hatte die Gemeinde gehofft, in Zukunft von den Komponentenpreisen des Massenmarktes zu profitieren und deutlich günstiger Macs einkaufen zu können - es muss nicht gleich für 400 US-Dollar sein. Die Apple-Hardware ist wie gehabt am oberen Ende der Preisskala zu finden, wo man aber auch Blu-Ray-Brenner oder Terabyte-Festplatten im Desktop oder Profi-Laptop erwartet.

Schon einmal hatte eine Vaporware unbestimmter Intention Apple aufgeschreckt: Im Jahr 2000 hatte eine schwedische Firma einen "Xtreme Mac" versprochen, dessen G4-Prozessor mit bis zu 1 GHz Taktrate rechnen sollte - etwa doppelt so schnell wie seinerzeit erhältliche Standard-Macs. Obwohl solch ein "Hackintosh" mit übertaktetem Prozessor und Wasserkühlung wohl technisch wie juristisch machbar gewesen wäre, blieb es bei der Ankündigung. Der extrem beschleunigte Mac ist komplett verdampft und keine Spur mehr von ihm auszumachen. Die damalige Reaktion des Marktes, die bei weitem nicht so extrem war wie die dieser Woche, dürfte aber dem letzten in Cupertino klar gemacht haben, dass die PowerPC-Schiene zu einem Abstellgleis führt. Bis zur Weichenstellung in Richtung Intel dauerte es dann noch fünf Jahre. Auf ein ähnlich attraktives Angebot, wie es der Open Mac zeitweise versprach, darf Apple nicht so lange warten lassen.

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