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Das war die Woche: Jede Menge Downloads

20.06.2008 | 13:55 Uhr |

Kann man mit Software die Welt verändern? Sicherlich - nur ist das wie jede andere Weltveränderung auch ein mühseliger und langwieriger Prozess. Der Anfang ist längst gemacht.

Die Welt zu einem besseren Platz zu machen, nichts weniger als das ist die Intention der Entwicklergemeinde des Open-Source-Browsers Firefox . Klingt ein wenig dick aufgetragen, zumal sich die freien Entwickler nun auch auf die Fahnen schreiben, die diese Woche veröffentlichte Software sei auch noch zu 100 Prozent Bio . Ja, man kann sich das dann so richtig vorstellen, während in Redmond Programmierer in Zehn-Stunden-Schichten an durch Kunstlicht erzeugten Zwanzig-Stunden-Tagen in ihren Legebatterien eine Codezeile nach der anderen fallen lassen, die zwar Nährwert, aber keinen Geschmack haben, scharren in den Hinterhöfen der Welt glückliche Firefox-Entwickler im Staub und glucksen ganz aufgeregt, wenn ihnen wieder ein neuer, gehaltvoller und wohlschmeckender Wurf gelungen ist.

Wir wollen nicht gegen das Open-Source-Konzept von Firefox lästern, ganz im Gegenteil seien Anstrengung und Ergebnis der Mozilla Org hier nochmals ausdrücklich gelobt. Der Begriff "Bio-Software" ist dann aber doch ein wenig dick aufgetragen, auch wenn Mozilla Org näher definiert, was damit gemeint ist: Offenheit, Gemeinnützigkeit statt Profit und freiwillige Entwickler.

So sehr man auch zu spotten geneigt ist, Mozilla hat insbesondere mit Firefox das Internet zu einem besseren Platz gemacht. Vorbei die Zeiten, in denen Browserinstallationen die Heft-CDs der Computermagazin fast vollständig ausfüllten, weil neben dem Internetseitenbetrachter auch noch Mail- und Chat-Clients oder gar HTML-Editoren mit in das Paket mussten. Firefox ist ein Browser, basta. Wer den Mail-Client aus der gleichen Schmiede benutzen will, kann gerne zu Thunderbird greifen und ansonsten das benutzen, was seinen Bedürfnissen am nächsten kommt. Von den Sicherheitsfunktionen und Bedienhilfen wie Tabbed Browsing, die der Mozilla-Browser mit als erster einführte, braucht man eigentlich gar nicht zu sprechen.

Mit einer Marketingaktion, wie sie wohl nur eine weltweite Open-Source-Gemeinde auf die Beine respektive Server stellen kann, hat Mozilla in dieser Woche einen wesentlichen Schritt dazu unternommen, einen höheren Marktanteil für Firefox zu erreichen. Innerhalb von 24 Stunden zählte die Organisation acht Millionen Downloads, selbst von den Internet-Explorer-Entwicklern Microsofts kamen Glückwünsche für den gelungen Rekordversuch. Dem Web als solchem kann es nicht schaden, wenn Firefox auf noch mehr Rechnern als bisher seinen Dienst verrichtet, denn das Quasi-Monopol des Internet Explorer, der immer noch für mehr als 90 Prozent aller Seitenaufrufe zuständig ist, schadet der Entwicklung des Netzes. Web-Entwickler sind in aller erster Linie daran interessiert, dass ihre Seiten von möglichst vielen Internetteilnehmern optimal zu sehen sind, da ist die Versuchung groß, sich nur auf die Voraussetzungen zu konzentrieren, die der Platzhirsch bietet. Nicht wenige Entwickler wünschen sich jedoch eine Umkehrung der Verhältnisse und Firefox als neuen Maßstab, proprietäre Techniken wie Active X könnten dann endlich aus dem Web verschwinden, offenen Standards und Frameworks auf Java- und XML-Basis würden für mehr Kompatibilität sorgen. Vielleicht ist das sogar mit Bio-Software gemeint: Einmal erzeugter Code kann immer und immer wieder verwendet werden, Anpassungen an bestimmte Voraussetzungen sind passé - Recycling pur.

Im Hype um die mittlerweile mehr als elf Millionen Downloads von Firefox 3 wäre ein anderer Rekord in dieser Woche beinahe untergegangen. Apple vermeldet fünf Milliarden verkaufte Songs , seit der iTunes Store vor etwas mehr als fünf Jahren an den Start ging. Die Plattform wächst immer weiter, trotz aller Angriffe von Microsoft, Real Networks, Amazon und Konsorten ist und bleibt Apples digitaler Musikladen der größte der Welt, in den USA lässt der iTunes Store mittlerweile jeden CD-Händler hinter sich. Auf Offenheit setzt Apple beim Vertrieb digitaler Musik jedoch nur bedingt, einzig EMI als einziges großes Label neben diversen Indies seine Musik auch ohne Kopierschutz bei Apple an. Universal, Time Warner und Sony BMG experimentieren lieber mit anderen Anbietern in Sachen MP3-Verkauf, über die Gründe lässt sich trefflich spekulieren. Vermutlich versprechen sich aber die Konzerne mehr eigenen Profit mit Amazon und Konsorten. Trotz der Abschottung von iTunes-Songs auf iPods können sich Musikfans wohl einigermaßen auf die Zukunftssicherheit des Modells verlassen. Die iPod-iTunes-Plattform ist über die Jahre, die man in der schnellen IT-Industrie vorausschauen kann, zukunftssicher. Wer sich heute einen iPod kauft, den er in drei bis fünf Jahren entweder ersetzen muss oder durch ein schickeres und größeres Modell ersetzen möchte, kann sich darauf verlassen, seine heute im iTunes Store gekaufte Musik auch noch darauf abspielen zu können. Kunden von Microsofts MSN Music werden spätestens 2011 beim Gerätewechsel in die Röhre schauen. Immerhin hat Microsoft diese Woche angekündigt, die Unterstützung für sein eigenes DRM "Plays for Sure" um drei Jahre zu verlängern , sonst wäre schon in zehn Wochen, am 31. August, Schluss gewesen. Wir erinnern uns: "Plays for Sure" sollte der große Gegenentwurf zu iTunes und Fairplay werden, das nur unter Windows nutzbare DRM sollte nicht nur Mietmusik ermöglichen, sondern auf allen zertifizierten Playern laufen. In der Theorie wären das doch immerhin die 20 bis 30 Prozent der Abspielgeräte gewesen, die nicht von Apple stammen, den Todesstoß versetzte Microsoft dem System dann aber lieber selbst mit der Einführung des Zune, des Zune Marketplace und des dazugehörigen DRM. Der Erfolg? Nicht gleich Null, aber von fünf Milliarden Songs kann man in Redmond nur träumen. Acht Millionen Downloads an einem Tag, fünf Milliarden Downloads in fünf Jahren - für Microsoft war das keine gute Woche.

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