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Das war die Woche: Symptome und Phantome

04.04.2008 | 11:36 Uhr |

Das Internet lauert voller Gefahren: Kriminelle Phisher, gewalttätige Extremisten und skrupellose Verführer an jeder Ecke, warnen Kulturpessimisten. Risiken und Nebenwirkungen tragen aber vor allem unkritische Nutzer des Mediums.

Wikipedia Medizinportal
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Das Internet hat Risiken und Nebenwirkungen, zu denen man besser mal Arzt und Apotheker befragt. Der Aprilscherzerei vollkommen unverdächtig, hat die Deutsche Presseagentur (dpa) am Dienstag Abend eine Pressemitteilung versandt, die im deutschsprachigen Teil des Web viele Seiten veröffentlicht haben. Google mache Angst , heißt es da, Hypochonder haben dank der einfachen Recherchemethoden besser denn je Gelegenheit, zu vermeintlichen oder echten Symptomen eine Krankheit zu finden. Oder umgekehrt beim Streifzug über Medizinwebsites von der ein oder anderen schweren, unheilbaren und seltenen Krankheit erst zu erfahren, worauf man bestens neue Symptome entwickelt. Hypochondrie, respektive die erweiterte Form der „ Cyberchondrie “ darf man keineswegs als Spinnerei eingebildeter Kranker abtun, wie so oft macht die Dosis die Wirkung aus. An Krankheitsängsten oder Fehlinterpretation von Symptomen leide zeitweise fast jeder, meinen Ärzte, krankhaft werde das Verhalten erst dann, wenn man sich ein halbes Jahr oder länger mit nichts anderem als den virtuellen Tumoren oder Sklerosen beschäftigt. Das Web ist zu verführerisch, in den Zeiten vor dem Internet war man noch auf medizinische Artikel mehr oder weniger großer Fachkompetenz angewiesen, um über Krankheiten und ihre Anzeichen zu erfahren. Heute sind Gesundheitsinformationen nur einen Mausklick weg und nicht jede Website setzt Warnungen vor ihre Artikel, wie es bei Wikipedia der Fall ist. Macht „Doktor Google“ also wirklich krank? Die bloße Fülle des Web kann zu Überinformation führen, krank machen aber nur die fehlerhaften Interpretationen der Ratsuchenden. Vor Risiken und Nebenwirkungen wird gewarnt, aber eben nur vor den Nebenwirkungen.

Denn das Internet liefert nicht nur verwirrende, fehlerhafte oder bewusst irreführende Informationen, sondern ebenso viele nützliche und wertvolle. So haben wir diese Woche über eine Meldung zu einer Verbraucherklage gegen Apple erfahren, dass der Mac-Hersteller für die 20-Zoll-iMacs minderwertige Displays verbaut. Genau genommen, wir haben es wieder erfahren, denn schon im August war uns im Testcenter aufgefallen, dass der 20-Zoll-iMac nicht für farbverbindliches Arbeiten geeignet ist. Der Einblickwinkel ist geringer und der Farbraum kleiner, dennoch werbe Apple mit „Millionen von Farben“ , wie die Anwaltskanzlei Kabateck Brown Kellner dem Hersteller im Namen ihrer Klienten vorwirft. Minderwertige Bildschirmanzeige für einen Premium-Preis werfe Apple da auf den Markt. Die Aussichten auf finanziellen Erfolg der Klage sind nicht ohne, erst in der vergangenen Woche hatte Apple einen ähnlichen Fall, als es um die angeblich Millionen Farben von Macbook-Pro-Displays ging, in einem außergerichtlichen Vergleich beigelegt.

Aufgeschreckt haben die Vorwürfe aber keineswegs die Aktienhändler an der Wall Street - erstmals in diesem Jahr legte die Apple-Aktie wieder nennenswert zu - sondern die Cyberchonder unter den iMac-Besitzern. Jetzt, wo die Anwälte das sagen, stellt man fest, dass die Farben der alten Urlaubsfotos auf dem neuen Display doch seltsam blass wirken? An der sechs Jahre alten 2-MP-Kamera kann’s ja nicht liegen, die hat seinerzeit in allen Tests gewonnen. Und überhaupt, das ist doch lästig und eines Macs nicht würdig, wenn man das Display um fünf Grad kippen muss, wechselt man aus dem Arbeits- in den Freizeitmodus, vom Bürostuhl in den Fernsehsessel. Man ertappt sich dabei, über den Text und die Fristen des Fernabsatzgesetzes nachzudenken und die in den Keller verbannte Schreibtischlampe wieder einzusetzen, bis man einen 24-Zoll-iMac mit 8-Bit IPS-Screen sich angeschafft hat. Da fällt einem aber das Bonmot von Winston Churchill ein: „Wenn ein starker Raucher liest, dass Rauchen schädlich für die Gesundheit ist, hört er sofort auf - zu lesen.“ Bevor Doktor Google die Symptome des minderwertigen iMacs ausgespuckt hat, waren die Farben gut genug und es gehörte der Kippvorgang vor der Feierabendnutzung zum Ritual des Arbeitsendes. Außerdem erinnern wir uns gut daran, nach Lektüre der Macwelt 10/07 beschlossen zu haben, dass uns als privaten Nutzer der Aufpreis für ein 24-Zoll-Display nicht die Sache wert ist: Im Home Office brauchen wir keinen farbverbindlichen Monitor.

Fernsehen in neuer Generation

Als Zweitfernseher taugt der iMac 20-Zoll allemal, ganz im Gegenteil, durch das 16:9-Format sieht man Nachrichten- und Sportsendungen endlich wieder ohne schwarze Balken. Ärgerlich nur, dass sich gerade Privatsender nicht an die im EPG hinterlegten Zeiten halten und man ordentlich Puffer bei der Aufnahme von Sendungen einplanen muss, die außerhalb der Primetime laufen. Für das Problem bietet Apple wiederum seit dieser Woche die lang erwartete Lösung an: Die ersten TV-Sendungen sind im deutschen iTunes Store erhältlich. Das Angebot ist derzeit noch etwas rar, vor allem im Fundus von Pro Sieben und Sat1 hat sich Apple bisher bedienen können. Der Erfolg in den USA und in Großbritannien lässt aber auf ein steig erweitertes Angebot schließen, Leihfilme dürften auch nicht mehr fern sein. Wer nun mit einer digitalen TV-Lösung ausgestattet ist, hat nun die Wahl: Entweder rechtzeitig die Lieblingssendung programmieren, ordentlichen Puffer einplanen, nach der Aufnahme diesen mitsamt der Werbung wieder raus schneiden, für iPod oder Apple TV konvertieren und die Sendung auf DVD brennen oder zwei Euro investieren und die Folge aus dem iTunes Store laden, sobald dieser sie vorrätig hat. Klingt nach Fall-zu-Fall-Entscheidungen…

Gleich, ob man TV-Shows bei Apple kauft oder sie mit Eye TV oder The Tube aufzeichnet, irgendwann droht die Festplatte des Rechners überzulaufen. Hat man seine Daten halbwegs im Griff, weiß wann, was man löschen kann und was man behalten soll. Einige Softwareanbieter bieten Tools an, die automatisch aufzuräumen versprechen. Durchaus sinnvoll sind Lösungen wie Spring Cleaning von Allume Systems, doch Programme wie iMunizator oder Mac Sweeper gaukeln dem arglosen Anwender nur vor, ein Problem mit Daten zu haben. Man solle diese „Scareware“ also auf keinen Fall verwenden, warnt der Antivirensoftwarehersteller Sophos. Sonst geht es einem bald wie dem Cyberchonder, der sich gerade die schönsten Symptome seltenster Krankheiten ergooglet hat…

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