1003444

Das war die Woche: Zeitenwende

02.10.2008 | 15:58 Uhr |

Die Zeiten ändern sich: In Bayern verliert die CSU ihren Nimbus als unangefochtene Staatspartei und in Kalifornien lockert Apple die Verschwiegenheitsvereinbarungen für Entwickler.

Heuer fällt der 3. Oktober, der einst von der DDR-Volkskammer eher zufällig festgelegte Tag der Deutschen Einheit, auf einen Freitag. Wir müssen in dieser 40sten Kalenderwoche des Jahres 2008 also schon einen Tag früher Bilanz ziehen. Dabei könnte das "Beste" noch zum Schluss kommen. Denn wenn Apple seine vor etwa einem Jahr implizit geäußerte Drohung wahr macht, könnte der morgige 3. Oktober der Jüngste Tag für den iTunes Store werden. Der Grund: Die Musiker-, Produzenten- und Verlegerorganisation NMPA (National Music Publisher Association) will mehr von den im iTunes Store generierten Umsätzen abhaben und verlangt vom Gesetzgeber in Form des Copyright Royalty Board (etwa: Ausschuss für Urheberrecht und Lizenzen) eine Anweisung an Apple, von jedem Song in Zukunft 15 statt 9 Cent abzuführen. Was absolut wie eine Nichtigkeit klingt, liest sich anders, wenn man die Steigerung in Betracht zieht, immerhin verlangt der Verband 66 Prozent mehr für seine Mitglieder. Eine derartige Forderung ist hierzulande nicht einmal von der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) bekannt.

Laut eines Berichts des Wirtschaftsmagazins Fortune besteht größte Gefahr für den iTunes Store, wenn die Washingtoner Behörde heute wie erwartet die Lizenzen erhöht. Vor einem Jahr habe Apples iTunes-Chef Eddy Cue dem Ausschuss implizit damit gedroht, den Laden dicht zu machen. Zumindest hat er gesagt, dass man lieber die Geschäfte einstelle, als sie unprofitabel weiter zu führen, denn die Lizenzerhöhung mag man nicht an die Kunden weiterreichen. Man mag glauben oder nicht, dass der iTunes Store weniger als sechs Prozent Rendite einfährt, Apple weist seine Umsätze und Kosten mit Musik nicht so genau aus. Hat Apple aber die magische Grenze von einem US-Dollar respektive einem Euro überschritten, wären die Dämme gebrochen. Die Musikriesen, schon lange unzufrieden mit der einheitlichen Preisgestaltung des iTunes Store, würden ihren Druck auf Apple weiter verstärken, Preiserhöhungen für aktuelle Hits wohl unumgänglich. Dass Apple seine Drohung, die es nie so direkt ausgesprochen hat, wahr macht, müssen wir ins Reich der Fantasie verweisen. iTunes und sein angeschlossener Downlaoddienst sind für den Erfolg des iPod und des iPhone von höchster Wichtigkeit. Lieber würde Apple den Laden quer subventionieren als sein Alleinstellungsmerkmal aufzugeben. Der Doomsday ist für’s erste verschoben.

Die Dämme brechen anderweitig, im wasserreichen Norwegen. Der dortige oberste Verbraucherschützer Björn Erik Thon hat genug von Apples ewiger Hinhaltetaktik und will den Anbieter per Dekret von der Regierung dazu zwingen lassen, das Ökosystem iTunes-iPod zu öffnen . Nach wie vor lassen sich nicht alle im iTunes Store erhältlichen Songs auf anderen Playern als dem iPod abspielen, an der Initiative iTunes Plus ist von den großen Musikkonzernen nur EMI beteiligt. Universal, Time Warner und Sony BMG bestehen im iTunes Store weiter auf den Kopierschutz Fair Play, der den Norwegern solch ein Dorn im Auge ist. Nach ersten Erfolg versprechenden Schritten - gemeint ist der Verkauf DRM-freier Songs zum gleichen Preis - habe Apple nun seit Februar nichts mehr von sich hören lassen, klagt Thon. Der iTunes-Anbieter steckt in der Zwickmühle. Verschmerzbar wäre zwar der Verzicht auf Norwegen mit seinen nicht einmal fünf Millionen Einwohnern als Markt für iTunes, die Schließung der Niederlassung im Land der Fjorde dürfte aber Kreise ziehen. Solange, bis Apple den Forderungen der Musikmultis nachgibt, die Preise erhöht und dafür DRM-freie Songs bekommt, wie sie auch Amazon MP3 anbietet. Ob dann aber noch iPod und iTunes sich gegenseitig zu beinahe unangefochtenen Marktführern hochziehen, ist höchst ungewiss. Apples jüngstes Gericht tagt also nicht heute in Washington, sondern dieser Tage in Oslo.

Wer nicht auf den Markt oder den Wähler hört, wird heftig abgestraft. Der Wille des bayerischen Stimmvolkes ist nicht mit den Wünschen etwa von iPhone-Entwicklern vergleichbar, schließlich werden wir zwischen Spessart und Karwendel nur alle fünf Jahre nach unserer Meinung über die Staatsregierung gefragt. Apples Reaktion auf Beschwerden aus der Entwicklergemeinde über Gängelungen lässt aber hoffen, dass der iPhone-Hype nicht in einer Art und Weise zusammenbricht wie das Selbstverständnis der CSU als Staatspartei Bayerns. Die Heimlichtuerei, in Cupertino Tradition seitdem Steve Jobs wieder an Bord ist, hat Apple in Sachen iPhone bis dato mehr geschadet als genutzt. Den NDA für Entwickler so weit zu lockern, dass sie sich zumindest über bereits veröffentlichte Software und Entwicklungsumgebungen austauschen können, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Apple hat damit allerbeste Chancen, die Abwanderung von Wählern, nein, Programmierern in das Lager der Opposition, nein, der Android-Plattform abzuwenden. Und wenn Eddy Cue sich jetzt auch noch auf Adenauer beruft und sich nicht mehr um sein Geschwätz von gestern schert, ist gegen Apple auch keine Viererkoalition mehr möglich. Die CSU kann sich da nicht so sicher sein.

0 Kommentare zu diesem Artikel
1003444