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Dem neuen Look von OS X auf der Spur

29.05.2014 | 10:00 Uhr |

Wie immer vor großen Apple-Events schießen Geräte-Mockups, Montagen oder Design-Studien zu den jeweils anstehenden neuen Geräte- und Software-Generationen ins Kraut – so auch in diesem Jahr.

Diverse UI-Designer haben sich in den vergangenen Monaten Gedanken darüber gemacht, wie die nächste Generation von OS X aussehen könnte. Stets im Fokus: Die offensichtliche Inkonsequenz des UI-Designs von OS X Mavericks.

Auf der einen Seite steht beispielsweise das – selten genutzte – Game Center mit seinem forstallschen Filz, auf der anderen Seite System-Apps wie Kalender, Notizen oder Kontakte mit klaren, flachen Linien. Lasse Jansen vom Münchner Entwickler Eightloops (deren gelungene Mail-App Unibox haben wir uns in Ausgabe 4/2014 näher angesehen) denkt, dass Apple hier bald Abhilfe schaffen wird: „Wir vermuten, dass OS X 10.10 die UI-Inkonsistenzen lösen und sich insgesamt in Richtung iOS 7 bewegen wird.“ An iOS 7 angelehnt, sind auch einige der im Netz herumschwirrenden Design-Studien zum neuen OS X, beispielsweise der Syrah-Desktop des Designers Andrew Ambrosino.

iOS 7 in Reinform: Ambrosinos Studie zeigt ein komplett auf Ives iOS-Redesign fußendes Konzept für OS X.
Vergrößern iOS 7 in Reinform: Ambrosinos Studie zeigt ein komplett auf Ives iOS-Redesign fußendes Konzept für OS X.

"Wir denken: Flat-Design und Skeuomorphismus schließen sich keineswegs aus. (Karim Morsy von Algoriddim)"

Dass iOS 7 für dieses Design Pate stand ist wohl kaum zu übersehen. Die Icon-Sprache ist im Grunde Ives iOS in Reinform – und in dieser Form aus unserer Sicht eher unwahrscheinlich. Warum? Weil Apples Führungsriege im Gespräch mit unserem Macworld-Kollegen Jason Snell mehr als deutlich gemacht hat, dass iOS und OS X nicht verschmelzen werden. Wir gehen davon aus, dass Apple zwar an der Iconsprache des Mavericks-Nachfolgers arbeiten wird, jedoch nicht den extremen Weg einer Übernahme des iOS-7-Iconsatzes gehen wird.

„Es gibt unter OS X eine Game-Center-App? Im Ernst, ich kann mir gut vorstellen, dass sich einfach niemand darum kümmern wollte.“ (Markus Fehn von The Soulmen)

Der Transparenzeffekt, den Ambrosio in seiner Design-Studie für nahezu alle Menü-Flächen verwendet, wäre aus unserer Sicht schon eher ein Design-Element, das es in eine fertige Version des nächsten OS X schaffen könnte, vor allem, weil Apple bereits jetzt bei Dock und Menüleiste mit Transparenz und Spiegelung experimentiert. Dass die Menüleiste wie wir sie im Moment kennen komplett verschwindet und im Kontrollzentrum aufgeht, halten wir für ausgesprochen unwahrscheinlich.

Ebenfalls an iOS 7 angelehnt ist Edgar Rios Entwurf.
Vergrößern Ebenfalls an iOS 7 angelehnt ist Edgar Rios Entwurf.

In eine ähnliche Richtung geht auch Edgar Rios mit seinem Entwurf. Er arbeitet wie Ambrosino mit den Transparenzeffekten von iOS 7, baut aber eine eigene OS-X-Icon-Sprache in seinen Entwurf ein, die zwar Elemente der iOS-7-Icons enthält, trotzdem aber eigenständig wirkt.

„Für mich sind andere Faktoren für die Benutzbarkeit eines Systems wesentlich wichtiger, als ob das Ganze flat oder skeuomorph ist.“ (Oliver Breidenbach von Boinx)

Der Designer Stu hat sich bei seinen Designs, die er OS X Ivericks nennt, ebenfalls ausschließlich an iOS 7 orientiert, vor allem die Randlosen Icons von Apples mobilem OS scheinen es dem Designer angetan zu haben. Er verwendet beispielsweise im Finder Abwandlungen der Icons für „Vor“ und „Zurück“ aus dem mobilen Safari und die leichten, dunkelgrauen Listentrenner von iOS 7.

Insgesamt dominiert der helle und freundliche Look von iOS 7 – eine leichte Helvetica als System-Font inklusive. Die versuchte Verschiebung der Fotostreams aus iPhoto in den Finder hinein erachten wir aber für wenig wahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Apple die Optik der Finder-Schaltflächen etwas verändern wird und auf einen helleren Stil der Menüs setzt.

Relativ große Wellen im Netz schlug auch das Design-Konzept des deutschen UI-Designers Danny Giebe – auf Seite 14 lesen Sie ein Interview mit ihm. Anders als etwa Rios oder Stu setzt Giebe nämlich nicht auf Elemente aus iOS 7, sondern nimmt sich seine Anleihen von den Apps „Notizen“ und „Kontakte“, die in OS X Mavericks bereits einen flatten Neuanstrich bekommen haben. Auf Basis dieser beiden Apps entstand ein Syrah-Konzept, das vielleicht nicht in allen Details realistisch erscheint, aber doch einige interessante Anhaltspunkte enthält.

Eine neue Systemschrift? Um Besitzer von Alt-Hardware durch sanften Druck zum Umstieg auf Retina-Displays zu bewegen? Denkbar! (Florian Albrecht von Elgato)

Beispiel Finder: Giebes Ansatz, ohne die iOS-7-Zeilentrenner in der Seitenleiste zu arbeiten, fühlt sich sehr viel mehr nach OS X an, als beispielsweise das Konzept von Stu. Und auch die Transparenzeffekte, die Ambrosino recht exzessiv nutzt, sind hier deutlich reduzierter. Zugegeben, die Icon-Sprache dieses Designs dürfte es in dieser Form nicht in die finale Version des Mavericks-Nachfolgers schaffen, aber im Gegensatz zu den vielen Studien, die ausschließlich auf iOS 7 fußen, wirkt Giebes Ansatz seiner OS-X-Anleihen wegen sehr glaubwürdig und  in sich schlüssig.

Interview mit Danny Giebe – UI-Designer und Frontend-Developer

Macwelt Herr Giebe, fahren Sie zur WWDC 2014 nach San Francisco?

Danny Giebe Leider werde ich nicht an der Konferenz teilnehmen können. Jedoch fährt ein Freund und Kollege, mit dem ich gerade an unserer App confff arbeite, zur WWDC, weil er den WWDC Apple Wettbewerb gewann und ein Ticket geschenkt bekam. Die Infos bekomme ich also trotzdem aus erster Hand.

Macwelt Für uns war die Vorstellung von Mavericks eine zwiespältige Angelegenheit: Zum einen waren die Verbesserungen und Optimierungen im Unterbau von OS X überfällig und sinnvoll, zum anderen wirkte die Optik von Mavericks mit einem „flachen“ Kalender auf der einen und einem skeuomorphistischen Game Center auf der anderen Seite inkonsequent. Wie sehen Sie diesen Zwiespalt?

Danny Giebe Ich denke, die Inkonsequenz hat sich nicht nur im Kalender im Vergleich zu anderen Apps gezeigt. Auch die Kontakte-App und Notizen wurden überarbeitet und unterscheiden sich in einigen Punkten stark von anderen Apps, vor allem in der Seitenleiste. Besonders schön finde ich beide nicht, denn beide wirken auf mich unfertig. Vermutlich reichte die Zeit nicht mehr, um alle Apps umzugestalten. Ich denke, dass Apple damit aber schon erste Nuancen aufgezeigt hat, in welche Richtung es künftig  mit OS X gehen wird.

Macwelt Was hat Sie an OS X Mavericks am meisten überrascht?

Danny Giebe Am meisten überrascht hat mich, dass Mavericks kos­tenlos angeboten wurde, das war ein großer Schritt seitens Apple. Besonders nützlich und erfreulich waren für mich iBooks, die Tags, sowie die lang erwarteten Tabs im Finder. Da ich viel auf dem iPad lese, ist iBooks auf dem Mac sehr praktisch für die Organisation der eigenen Bibliothek.

Macwelt Gibt es einen Punkt, der Sie besonders genervt hat?

Danny Giebe Mich persönlich hat gar nichts an Mavericks genervt. Ich stehe Neuerungen immer sehr offen gegenüber.

Macwelt Apple hat mit iOS 7 sein bisheriges optisches Konzept für iOS ziemlich über den Haufen geworfen. Erwarten Sie für den Nachfolger von OS X Mavericks ähnlich tiefgreifende Veränderungen?

Danny Giebe Ich denke nicht, dass es vergleichsweise starke Veränderungen geben wird. Man kann wohl davon ausgehen, dass die hauseigenen Apple-Apps ihren Skeumorphismus verlieren werden und auch minimalistischer gestaltet werden. OS X ist und bleibt aber ein Desktop-OS. Ich glaube, dass ein komplett flaches OS X mit veränderter Struktur von einer Vielzahl der Nutzer eher abgelehnt werden würde. Diesen Eindruck bekam ich bereits, als mein Konzept durch die Welt ging.

Macwelt Wo müsste Apple mit Blick auf OS X 10.10 aus Ihrer Sicht noch Hand anlegen?

Danny Giebe Sie sollten auf jeden Fall das Dashboard überarbeiten oder komplett rauswerfen. Weiterhin sollten Sie dringend Mail überarbeiten, da es für mich wichtige Features wie Erinnerungen, Verschlüsselung und Tags nicht enthält. Da ich meine Fotos mit iPhoto verwalte, wäre eine Überarbeitung auch hier begrüßenswert. Dort vermisse ich doch stark die Möglichkeit, die Sammlung oder Teile der Sammlung mit iPhoto für iOS zu synchronisieren.

Macwelt Ihre Design-Studie von OS X 10.10 vereint den flachen Look von iOS 7 mit den klassischen Elementen von OS X, also Finder, Menüleiste und Dock. Was waren die Grundlagen, die Idee für ihre Design-Studie von OS X 10.10?

Danny Giebe Die Grundlagen für die Idee zum Design waren die Apps „Notizen“ und „Kontakte“. Ich hatte diese zufällig in Verwendung und dabei fiel mir auf, dass die beiden Apps vom Stil her doch reduzierter sind als beispielsweise der Finder. Obendrein spielte natürlich auch der Look von iOS 7 eine Rolle. Wie es schlussendlich wird, werden wir auf der WWDC sehen.

Macwelt Wie hat man sich die Arbeit an so einem Konzept vorzustellen und mit welchen Werkzeugen haben Sie gearbeitet?

Danny Giebe Die Idee kam recht spontan! Und da ich zu dem Zeitpunkt etwas Zeit hatte und einfach mal etwas anderes machen wollte, als nur Webdesign oder mobile Apps, fing ich an, meine Idee umzusetzen. Zum Einsatz kam hauptsächlich Sketch 2. Die Auswahl der Apps, die ich in dem neuen Stil umsetzte, war recht schnell getroffen, da ich diese am meisten verwende. Außerdem wollte ich möglichst viel von OS X abdecken, unter anderem auch die Dark-UI für iPhoto, um die Oberfläche derer von iMovie anzugleichen. Anfangs musste ich erst einmal entsprechende Screenshots der Apps anfertigen, um diese als Vorlage für meine Struktur zu nutzen. Anschließend fing ich an, den Desktop und die einzelnen Apps im neuen Stil zu bauen. Für die Icons im Dock habe ich mich hauptsächlich am Stil der iOS-7-Icons orientiert. Das Dock war mir für meine Idee eher unwichtig und ist deshalb nicht komplett zu Ende gedacht.

Macwelt Warum haben Sie sich OS X für Ihren Versuch ausgesucht?

Danny Giebe OS X war für mich natürlich die erste Wahl, da ich tagtäglich OS X nutze, sowohl privat als auch beruflich. Außerdem bot es sich für das Experiment an, da es bereits einige Gerüchte gab, dass die neue OS X Version etwas „flacher“ werden soll.

Macwelt Was schätzen Sie an OS X als Betriebssystem?

Danny Giebe An OS X schätze ich besonders die einfache Bedienbarkeit, die hohe Stabilität und die vielen guten Apps, die unter OS X erscheinen – vor allem für Designer und Developer.

Macwelt Glauben Sie, Apple könnte tatsächlich Lucida Grande in Rente schicken und stattdessen eine leichtere Schrift als Systemschrift verwenden? Ich lese schon die Facebook-Kommentare ...

Danny Giebe Ich denke Sie werden Lucida Grande nicht in Rente schicken. Sicherlich könnten sie auch auf alternative Schriftarten wechseln und beispielsweise Helvetica nutzen. Jedoch habe ich bereits in den Meinungen zu meinem Konzept erfahren, dass viele Nutzer doch eher Lucida bevorzugen.

Macwelt Wenn Sie eine Frage an eine beliebige Person bei Apple frei hätten – Was würden Sie wen fragen?

Danny Giebe Ich würde Jony Ive fragen, ob ich zusammen mit Ihm einen Nachmittag verbringen kann, um ihn als Mensch kennenzulernen, wie er über Design denkt, Inspiration findet und neue Projekte startet. Außerdem würde mich interessieren, wie er damals die Zusammenarbeit mit Steve Jobs erlebte und was er von ihm gelernt hat. Also wohl eine einfache Frage, um anschließend noch viel mehr Fragen zu stellen.

Macwelt Vielen Dank für das Gespräch!

Wie nahe einer der Entwürfe an dem neuen OS X ist, darüber können Sie nach der WWDC-Keynote am 2. Juni selbst urteilen – wir werden das spätestens in unserer digitalen WWDC-Sonderausgabe am 3. Juni kommentieren!

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