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Der Kaffee ist fertig

08.03.2001 | 00:00 Uhr |

Das Internet wird um eine Institution ärmer. Das Computerlabor der Universität Cambridge wird Ende des Jahres in ein neues Gebäude ziehen und dabei die "Trojan Room Coffee Machine" zurücklassen.

Angeblich haben faule Informatiker im Jahre 1991 den Siegeszug der Webcams zu verantworten. Im Computerlabor der altehrwürdigen Universität von Cambridge - so die Mär - verzweifelten Netzwerkspezialisten daran, dass sie nach weiten Wegen über die Korridore des Institutes öfter vor einer leeren Kaffeekanne standen. Innerhalb eines Tages will die Gruppe um Quentin Stafford-Fraser jedoch das Problem gelöst haben. Vor die im Flur stehende Kaffemaschine, an der sich 15 Teammitglieder bedienten, stellten die Forscher eine Kamera, die sie mit einem Computer in ihrem "Trojan Room" verbanden. Das Gerät war nicht mehr im Einsatz, verfügte aber über einen Video-Digitalisierer. Paul Jardetzky, der heute für Sun tätig ist, programmierte eine Software, welche die Kamera veranlaßte, alle paar Sekunden von der Kaffeemaschine ein Bild aufzunehmen und dieses an den Rechner zu schicken. Stafford-Fraser entwickelte ein kleines Programm namens xcoffee, das ein briefmarkengroßes Schwarz-Weiß-Bild von der Kaffeekanne auf die Monitore der Gruppe platzierte. Etwa dreimal in der Minute aktualisierte sich die Ansicht.

Im Jahre 1992 wandten sich die Erfinder des Systems anderen Aufgaben zu, und der eingesetzte Computer gab nach ihren Angaben "den Geist auf". Daniel Gordon nahm sich nun des "Trojan Room Coffee Pot" an, verband die Kamera mit einem neuen Rechner und stellte die Bilder in das gerade entstehende World Wide Web. Und da ist heute noch zu sehen, ob die Cambridger Computerspezialisten noch genügend Vorräte an "Hallo, wach!" haben oder bald neuen Kaffee aufsetzen müssen. Dank eines Artikels von Bob Metcalfe - mittlerweile Direktor und Vizepräsident der International Data Group (IDG) - in der Zeitschrift Comm Week (heute Internet Week) wurde die Seite zur virtuellen Pilgerstätte.

Doch bald wird es sich ausgebrüht haben, wie Spiegel Online heute berichtet. Ende des Jahres soll das Computerlabor in ein neues Gebäude ziehen, mit dem "alten, fehleranfälligen System" müsse man sich dann nicht mehr herumschlagen, bestätigte Gordon dem Hamburger Magazin. Ob man eine neue Webcam aufstellen werde, sei ungewiss. Fans aus aller Welt hätten zwar mit "ein paar Mails in den vergangenen Tagen" versucht, die Verantwortlichen umzustimmen, dank des zunehmenden Interesses der Öffentlichkeit könne sich Quentin Stafford-Fraser "vor Interviewanfragen kaum retten".

Mit dem Verschwinden des "Trojan Room Coffee Pot" wäre das Internet um eine Institution aus seinen Pionierzeiten ärmer, wenngleich die Seite kaum jemand wirklich braucht.

pm

Info: Spiegel Online , The Trojan Room Coffee Machine

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