983541

Der erste Blick auf Microsoft Office 2008 (Teil 2)

07.01.2008 | 14:00 Uhr |

Endlich liefert Microsoft mit Office 2008 eine für Intel-Macs optimierte Version. Doch wo sind diese Optimierungen genau? Im macnews.de-Test bleibt der messbare Geschwindigkeitsrausch aus. Vielleicht liegt es an den zahlreichen neuen Funktionen, die der Hersteller seinem Programm-Paket gönnt? Lesen Sie im zweiten Teil unseres Tests zur Mitte des Monats erscheinenden US-Version, wie sich die Textverarbeitung Word im Vergleich zur Vorversion schlägt und was Excel, PowerPoint und Entourage noch Neues zu bieten haben.

Hohe Erwartungen stellen Mac-Anwender an die neue Office-Version von Microsoft - und der Hersteller selbst zündet seit Monaten ein Marketing-Feuerwerk auf einer eigens eingerichteten Website zu Office 2008. Häppchenweise veröffentlicht Microsoft dort und im Firmenblog der Macintosch Business Unit (Mac BU) die Neuerungen in der Bürosoftware-Suite. Wie im ersten Teil unseres Schwerpunkt-Themas zu Office beschrieben, gehört die native Kompatibilität zu den Intel-Macs zu den wichtigsten Verkaufskriterien, mussten Anwender moderner Macs bislang Word, Excel und Co doch in der PowerPC-Emulationsumgebung Rosetta nutzen. Zwar merkt der User äußerlich nichts von dieser Emulation, die einen sanften Übergang von der einen zur anderen Architektur ermöglicht, aber rechenintensive Prozesse benötigen wegen der zwischengeschalteten "Übersetzung" deutlich mehr Zeit, als wenn sie gleich für die Intel-Chips optimiert würden vorliegen - Photoshop-Anwender wissen ihr Lied davon zu singen. Exemplarisch für alle Office-Programme haben wir die Textverarbeitung Word auf den Geschwindigkeits-Prüfstand gestellt und die Start- und Arbeitsgeschwindigkeit von Word in der 2004er (11.3.9 deutsch) und der neuen 2008er-Version (Beta / Golden Master englisch) gemessen - sowohl auf einem Intel-Mac als auch auf einem PowerPC-System. Konsterniert konstatieren wir: Der Speed-Flash bleibt aus. Die gemessenen Werte sind handgestoppt und aus mindestens zwei Messungen gemittelt, Wir haben Office 2004 und 2008 Beta auf einem Mac mini Core Duo 1,66 GHz mit 2 MB RAM sowie einem PowerBook G4 1,5 GHz mit 1,25 GB RAM installiert, die beide Mac OS X 10.5.1 als Betriebssystem nutzen. Basis aller Messungen ist ein 39.150 Zeichen langes Textdokument im Word 97-2004-Format (.doc), das wir für Gegenmessungen auch in das neue OpenXML-Format (.docx) überführt haben.  

Geschwindigkeitsmessung: Kein Turbo auf dem Intel-Mac

Nach komplett abgeschlossener Installation benötigt Word 2008 nach Neustart des Macs zum Programmstart und Öffnen des Testdokuments auf dem Mac mini 56 Sekunden und am PowerBook immerhin noch 33,4 Sekunden - verkehrte Welt, möchte man denken, ist doch der Intel-Mac deutlich leistungsfähiger. Die Vorgänger-Version mit ihrem letzten Update auf v.11.3.9 braucht zusammen mit dem Start der Rosetta-Umgebung am Intel-Mini 32,7 Sekunden, am mobilen G4-Notebook 28,2 Sekunden. Allerdings aktualisiert in Office 2008 ein Prozess die persönlichen Daten des Anwenders, was zusätzliche Zeit benötigt und diese Schlappe zumindest teilweise erklärt. Ist Word bereits einmal während der Arbeitszeit gestartet worden, dann sind, auch wenn das Programm beendet wurde, einige Cache-Dateien auf dem Mac vorhanden und Dienste aktiv, die den Start der Textberarbeitung deutlich beschleunigen - dazu zählt (für Word 2004 v.11.3.9) auch Rosetta. Der zweite Doppelklick auf unser Testdokument startet die Textverarbeitung messbar schneller und zeigt den Inhalt des Dokuments nach 6,8 Sekunden am Mac mini bzw. 12,6 Sekunden am G4-Notebook. Das sieht für einen Sieg des Intel-Macs aus - doch der eigentliche Sieger ist wieder Word 2004: Am Mac mini brauchen Programmstart und das Öffnen des Dokuments bloß eine Zehntelsekunde länger, am G4-System ist die Aufgabe sogar blitzschnell nach 2,5 Sekunden erledigt. Für die 2008er-Version bleibt zur Entschuldigung bloß anzuführen, dass diese offiziell noch eine Beta ist und erste Wartungsupdates das Verhalten zugunsten der neuen Version noch verändern können. Beim nächsten Test muss Word 5251-mal über dem "e" per Suchen/Ersetzen-Dialog einen Akzent setzen. Hier messen wir am Intel-Mac eine Durchschnittszeit von 4,0 Sekunden unter Word 2004, die neue Version ist beim ersten Mal mit einem Absturz an dieser Aufgabe gescheitert, zeigt danach aber mit einem Mittelwert von 2,0 Sekunden doppelt so viel Speed. Nahezu gleichauf sind beide Versionen am mobilen PowerPC, die neue Version ist eine Zehntelsekunde schneller (2,5 sec. vs. 2,4 sec), allerdings benötigt sie eine weitere Sekunde, um auch den Bildschirminhalt zu aktualisieren, Word 2004 hat beides in einem Durchgang erledigt. Als letzte Disziplin für die Textverarbeitung wartet der Scrolltest auf Word. Das Test-Dokument ist 27 Seiten stark - und am Mac mini sind wieder beide Versionen fast gleichauf: 5,1 Sekunden benötigt Word 2004, um mittels der Bildlauftasten von der ersten bis zur letzten Seite zu scrollen und dabei auch den Bildschirminhalt zu aktualisieren, etwas schneller mit 4,9 Sekunden schafft es die neue Word-Version. Diese Disziplin ist die einzige, in der sich das neue XML-Dateiformat von der bisherigen .doc-Datei maßgeblich unterscheidet: Liegt die Quelldatei im neuen .docx-Format vor, dann benötigt Word 2008 bloß 2,7 Sekunden für diese Aufgabe. Auch am PowerBook G4 ist dieser Vorteil messbar: Im neuen Dateiformat scrollt Word 2008 hier innerhalb von 6,1 Sekunden durchs Dokument, sonst sind es gemittelt 8,6 – am schnellsten am mobilen G4 ist aber wieder die bewährte 2004er-Version von Word: 4,9 Sekunden. In Sachen Geschwindigkeit enttäuscht am Intel-Mac wie auch am Power-PC die Leistung des neuen Word, ein schnelleres Startverhalten als bisher können wir nicht feststellen, beim Bearbeiten von Dokumenten hat Word 2008 nur am Intel-Mac die Nase vorn.  

Neu in Word 2008

Neben den Office-weiten Neuerungen wie der neuen Elements Gallery, dem OOXML-Dateiformat, des überarbeiteten Help Viewers und der erweiterten Werkzeugpalette mit dem Anmerkungsmanager ist die größte Neuerung in Word der Layout-Modus.Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Microsoft-Entwickler erneut von der Arbeit der Kollegen in Cupertino haben inspirieren lassen, denn Pages-Anwendern ist dieser Modus nicht unbekannt. Während Apple der aktuellen Version von Pages einen Textbearbeitungsmodus a la Word spendiert hat, geht das neue Office genau den anderen Weg. Mögen sich InDesign- oder XPress-Profis mit Vorurteilen abwenden, hat der Layout-Modus doch das Zeug, zum besten Verkaufsargument für Word zu werden: Geschäftsbroschüren, Jahresberichte oder optisch ansprechende Lebensläufe lassen sich so schnell gestalten, sofern der Anwender grundlegende DTP-Kenntnisse besitzt. Zahlreiche Vorlagen zeigen Einsteigern die Möglichkeiten auf und Microsoft hat alles beigefügt, was man als Gelegenheits-Layouter benötigt. Nur die aus Pages und iWeb geschätzte Möglichkeit, Bilder zu maskieren, haben wir nicht gefunden: Beim Beschneiden und Skalieren enden die Fähigkeiten von Word. Abwärtskompatibel zu älteren Word-Versionen sind so erstellte Dokumente nicht, sie nutzen das neue Dateiformat. Als Trost bleibt, dass jede Office-Anwendung das Speichern als PDF-Datei im Sichern-Dialog anbietet - Unterschiede zu der von Apple im Druck-Dialog integrierten Funktion können wir allerdings nicht einmal in der Dateigröße feststellen.  

Neu in Excel 2008

Zahlenspiele für Ungeübte und für Kalkulationsartisten - Excel 2008 kann beides: Die neue Version schließt zum Windows-Excel 2007 auf und ermöglicht wahrscheinlich die Berechnung des gesamten Bundeshaushalts. Controllern und Planern stehen Rechnenblätter mit 16.000 Spalten und einer Million Zeilen zur Verfügung. Wer als kreativer Freiberufler oder haushaltender Familienvorstand glaubt, in diesen 16 Milliarden Zellen den Überblick zu verlieren, für den hält Excel am Mac Vorlagen für so typische Aufgaben wie Rechnungsstellung oder Erfassung der Kreditkartenzahlungen bereit. Ein viel versprechender Weg, um Einsteigern die Vorteile von Excel näher zu bringen, doch sind diese in der englischen Version Ledger Sheets genannten Vorlagen nicht an deutsche Bedürfnisse ausgerichtet, zur Beurteilung müssen wir fairerweise auf die lokalisierte Fassung warten.Sehr gut gefallen die zahlreichen Möglichkeiten, Diagramme zu erstellen und zu bearbeiten. Dabei unterstützt Excel den Anwender auch mit Themes, so dass die Grafiken optisch ansprechend wirken und visualisiertes Zahlenmaterial nicht bonbonbunt, sondern wie aus einem Guss aufbereitet werden. Excel wäre aber nicht Excel, wenn nicht die zahlreichen Möglichkeiten der Formatierung und Beschriftung auch schnell Verwirrung stiften würden. Wieder zeigt sich hier die neue Werkzeugpalette als hilfreich, weil die zur Verfügung stehenden Befehle dort übersichtlich geordnet sind. Einsteigern in die Wunderwelt mathematischer Funktionen greift Excel mit dem neuen Formular Builder unter die Arme: Innerhalb der Werkzeugpalette ist ein eigener Reiter reserviert, über den der Anwender auf Zellen Rechenoperationen anwenden und die entsprechenden Bereiche definieren kann, wer geübter ist mit der Eingabe von Formeln, spart dank des automatischen Vervollständigen von Formeln Zeit und Nerven, weil Tippfehler in diesem sensiblen Bereich seltener werden.  

Neu in PowerPoint 2008

PowerPoint entdeckt den iPod: Wer seine Präsentationen unterwegs dabei haben möchte, kann die einzelnen Folien nun direkt an iPhoto weitergeben und dann mit iTunes auf dem iPod speichern. Für den sprichwörtliche Elevator Pitch steht damit PowerPoint-Anwendern ein ganz neues Instrumentarium zur Verfügung - bislang benötigten Anwender hierfür Zusatzsoftware oder mussten manuell die Daten in die iPhoto-Bibliothek tragen. Das ist - nicht verwunderlich - eines der Features, die ausschließlich Mac-Anwendern vorbehalten sind, Office 2007-User suchen diese komfortable Möglichkeit vergebens. Und noch mehr Apple-Hardware findet Anschluss an PowerPoint 2008: die Apple Remote. Die kleine, weiße Fernbedienung, die zum Lieferumfang der meisten Macs dazugehört, steuert den digitalen Vortrag. Es gibt nichts zu konfigurieren, nichts einzustellen - mit der Apple Remote navigiert der Vortragende vorwärts und rückwärts in seiner Präsentation und kann dazu noch die Lautstärke seines Rechners verändern - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass Apples Keynote diese Funktionen auch beherrscht, wollen wir nur der Vollständigkeit halber erwähnen. Langweilige Aufzählungen verwandelt PowerPoint wie auch die neue Windows-Variante mit wenigen Klicks in ansprechende Grafiken: SmartArtGraphics heißt dieses Feature, dass in allen Office-Programmen zur Verfügung steht, hier aber - neben Word - am sinnvollsten aufgehoben ist. Dazu gesellen sich neue - und zu Office 2007 kompatible - Animationseffekte und überarbeitete Referententools zur optimalen Planung des Vortrags. PowerPoint hilft bei der korrekten Ausrichtung und Verteilung einzelner Elemente auf der Folie - und wenn einem die optische Gestaltung der Präsentation nicht mehr passt - ein Klick genügt, um auf alle Folien ein neues Design zu übertragen.  

Neu in Entourage 2008

Unsensationell sind für Privatanwender die Neuerungen im Personal Information Manager (PIM) Entourage 2008. Die Dreifaltigkeit aus E-Mail-Client, Kalender und Adressbuch bekommt mit "MyDay" ein schwebendes Fenster als eigenständige Applikation zur Seite gestellt, das den Anwender wie auf einem Smartphone über aktuelle Termine und Aufgaben, nicht aber über neue Post auf dem Laufenden hält. Außerdem kann man die Symbolleiste von Entourage nun nach eigenem Geschmack verändern - was ebenso wenig sensationell klingt im Vergleich zu den Mitbewerbern in diesem Feld. Treu bleibt sich Entourage bei der Verwaltung der ganzen persönlichen Daten und nutzt für den gesamten Datenbestand eine einzige Datenbank. Apples Suchmaschine Spotlight hat - noch - Schwierigkeiten etwa beim Anzeigen von Kontakten, Virenscanner wie ClamXav scheitern an der Aufgabe, einzelne E-Mails mit verdächtigem Inhalt in Quarantäne zu schicken. Von der automatischen Sicherung per TimeMachine unter Mac OS X 10.5 bittet der Hersteller im Übrigen abzusehen, da stets die gesamte Datenbank und nicht nur die Änderungen von Apples Backup-Tool gespeichert wird. Der Großteil der Neuigkeiten in Entourage 2008 betrifft die Verwendung in Exchange-Umgebungen, also Firmennetzwerken, in denen Microsoft-Technologie für das kollaborative Arbeiten eingesetzt wird. Wir können das nicht testen - und so glauben wir dem Hersteller, dass die Planung von Meetings, Abwesenheitsschaltungen und die zentrale Archivierung von E-Mails deutlich verbessert worden ist. Deutliche Verbesserungen hätten sich sicher auch Privatanwender gewünscht: Entourage vermag es nicht, Kontaktdaten als vCard oder iCal-Kalender im .ics-Format zu importieren - hier muss der Anwender die integrierte Sync-Engine einsetzen, die in unserem Test den Kalender leer ließ, grundsätzlich aber den Datenabgleich über .Mac und iSync ermöglicht. E-Mails übernimmt das Programm im mbox-Format und auch Apples eigenes emlx aus Mail. Wer jedoch als Windows-Anwender zum Mac wechselt und glaubt, seinen Outlook Express-Datenbestand mittels Entourage weiter nutzen zu können, sieht sich auch in dieser Version mit dem kompletten Fehlen entsprechender Importfilter konfrontiert.  

Wer braucht Office 2008?

Diese Frage wollen wir im letzten Teil unseres Schwerpunktthemas beantworten, denn mit OpenOffice.org steht ein mächtiger Konkurrent aus dem Open Source-Lager quasi zum Nulltarif zur Verfügung. Mit der '08-Version der iWork-Suite hat auch Apple zum relativ günstigen Preis funktionale und elegante Werkzeuge zum Schreiben, Präsentieren und neu auch zum Rechnen auf Lager. Und schließlich bleibt auch die Frage zu beantworten, ob Microsofts Bemühungen, mit dem neuen OOXML-Dateiformat einen neuen Standard für kommende Office-Generationen zu schaffen, wirklich ein Dienst an der werktätigen Bevölkerung ist.

0 Kommentare zu diesem Artikel
983541