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Der erste Blick auf Microsoft Office 2008 (Teil 3)

09.01.2008 | 13:30 Uhr |

Einsteiger, Umsteiger, Aufsteiger und Aussteiger - wer von ihnen braucht das neue Office-Paket von Microsoft? Noch nie gab es so viele potente Mitbewerber für Textverarbeitung, Kalkulation und Präsentation wie heute am Mac - und das zum Teil sogar gratis.

Unseren dritten Teil des Schwerpunktthemas zu Microsoft Office 2008 beenden wir heute mit einer Typberatung. Wer mit Kollegen im Windows-Lager nahtlos zusammenarbeiten möchte, kommt um die neuen Version von Word, Excel, PowerPoint und Entourage kaum herum, denn dort wie hier im Mac-Lager brechen mit dem neuen Dateiformat Office Open XML neue Zeiten an.

Groß war die Entrüstung bei Mac-Anwendern, als Microsoft vor einem Jahr mit der Auslieferung von Office 2007 für Windows-Anwender begonnen hat ( wir berichteten ). Stein des Anstoßes: das neue Office Open XML-Dateiformat (OOXML), das die in die Jahre gekommenen .doc, .xls und .ppt-Formate ablösen sollte. Man fühlte sich um ein Jahrzehnt in die Vergangenheit katapultiert, denn diese Dateien, die nun auf .docx, .xlsx und .pptx enden, konnten von Mac-Anwendern nicht mehr geöffnet und bearbeitet werden. Wer am Windows-PC die besonderen Befindlichkeiten der Mac-Anwender nicht berücksichtigte und Word- oder Excel-Dateien nicht in den älteren Formaten abspeicherte, zog Ärger auf sich und der Hersteller den Zorn des gesamten Mac-Universums. Soweit hätte es nicht kommen müssen: Für Anwender des älteren Windows-Office 2003 hat Microsoft Kompatibilitäts-Packs bereitgestellt, die das Öffnen, Bearbeiten und Sichern im neuen OOXML-Format ermöglichen und so aufschließen zu diesem aktuellen Standardformat. Den Mac-Anwendern mit Office 2004 hat der Hersteller dieses Angebot nicht gemacht und nur nach und nach rückte Microsoft Konvertierungshilfen heraus - Drittanbieter waren schneller. Das hat dem Konzern aus Redmond im expandierenden wie grundsätzlich kritischen Apple-Universum wertvolle Sympathiepunkte gekostet. Vermeidbar wäre auch das Gerangel um die internationale Standardisierung von OOXML gewesen: Beobachter sprechen von massiver Lobbyarbeit in den Gremien der ISO seitens Microsoft und Kritiker bemängeln die unzureichende Qualität. Deren Plattform noooxml.org ruft zu einer Online-Petition auf, um von Seiten der Anwender Druck auf die nationalen Zertifizierungsbehörden wie dem Deutschen Institut zur Normung auszuüben. Nicht ohne Erfolg : Eine ISO-Zertifizierung im Schnelldurchlauf hat Microsoft nicht erreicht und muss nachbessern .  

OpenOffice.org bedroht Microsofts Quasi-Monopol

Diese Verzögerung hat für den Konzern weit reichende Konsequenzen: Durch Gesetze sind Geschäftstreibende und öffentliche Stellen wie etwa Ministerien zur Langzeitarchivierung ihrer elektronischen (wie früher auch gedruckten) Dokumente verpflichtet und müssen sicherstellen, dass diese Dateien auch Jahre später noch gesichtet werden können. Microsoft ist bedroht von OpenOffice.org (OOo): Die kostenlose Alternative hat bereits die ISO-Zertifizierung und Organisationen wie die Europäische Union empfehlen den Einsatz dieser plattformunabhängigen Software nicht nur aus Kostengründen, sondern auch, weil das von OOo benutzte Open Document-Format (ODF) seit 2006 normiert ist. Ebenso verliert Microsofts Office-Paket an den OpenSource-Mitbewerber an Boden im wissenschaftlichen Bereich. Unter diesem Blickwinkel ist Microsofts OOXML überfällig und die Standardisierung im Interesse aller bitter nötig. Denn ab dem Zeitpunkt steht Microsofts Office-Format allen offen, die damit arbeiten oder dazu Kompatibilität herstellen wollen, das alte Format musste gegen Zahlung an den Konzern aus Redmond lizensiert werden. Problematisch ist jedoch der mehrere tausend Seiten starke Umfang der Spezifikation und das Ignorieren bereits bestehender Standards und Empfehlungen. Kritiker werfen Microsoft vor, es damit Dritten fast unmöglich zu machen, den neuen "Standard" in ihren Produkten umzusetzen.  

Welche Office-Version für wen?

Im zweiten Teil unseres Schwerpunktthemas haben wir Office 2008 auf den Geschwindigkeitsprüfstand gestellt und einige Tests mit Word durchgeführt. Das Ergebnis: Obwohl das Office-Paket zum ersten Mal als Universal Binary und damit optimiert für Intel-Macs vorliegt, sind die Geschwindigkeitszuwächse in den getesteten Disziplinen marginal. Solange Apple mit Mac OS X und der Emulationsumgebung Rosetta die Benutzung reiner PowerPC-Programme ermöglicht, gibt es deswegen keinen zwingenden Grund für die neue Version. Wer jetzt mit einem Wechsel zu OpenOffice.org liebäugelt, muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass das Verlassen eingetretener Pfade Zeit und auch Nerven kosten kann, zumal OOo am Mac noch nicht als native Version vorliegt. Dies wird sich wahrscheinlich im Laufe des Jahres mit OOo 3 ändern , solange bleiben zwei Auswege: Entweder greift man auf den optisch ansprechenden, aber Ressourcen-hungrigen Java-Fork von OOo NeoOffice zurück (und das am besten mit einem flotten Intel-Mac) oder man nutzt die ästhetisch wenig ansprechende X11-Umgebung, mit der auch die aktuelle OpenOffice-Version am Mac sehr passabel arbeitet.  

Office für den Aufsteiger

Als Aufsteiger von Office 2004 erhalten Sie mit der neuen Version 2008 ein Büro-Paket mit neuen Layout-Möglichkeiten und intelligenten Hilfen, das optisch modern und ästhetisch gestaltet ist, aber ohne messbaren Intel-Turbo auskommt. Arbeiten Sie ohne Exchange-Serveranbindung, dann ist die Home- and Student-Version ein richtig günstiger Deal. Ob dann aber Entourage mit seinem Alles-in-einer-Datenbank-Konzept der optimale persönliche Informationsmanager ist, müssen Sie besonders als Leopard-Anwender für sich prüfen. Vorsicht Excel-Profis: In der neuen Version fehlt - wie seit längerer Zeit angekündigt - die Unterstützung von Visual Basic Makros. Welche Stärken das Digital Asset Management der Special Media Edition von Office 2008 bietet, können wir anhand der vorliegenden Testversion nicht beurteilen.  

Office für den Einsteiger

Dem Privatanwender kann das Für und Wider zum neuen Dateiformat egal sein: Liegt Ihr Hauptaugenmerk auf der Textverarbeitung und ist intensive Teamarbeit mit WinWord-Anwendern nicht alltäglich, bleibt letztlich die Frage, ob das Update überhaupt notwendig ist. Briefe schreiben und Werbungskosten für Steuererklärung ausrechnen können Sie auch mit der Vorversion 2004. Haben Sie als Einsteiger bisher kein Office-Paket, dann empfiehlt sich das Ausprobieren von Apples iWork '08 zum günstigeren Preis - eine Testversion ist auf aktuellen Macs vorinstalliert.  

Office für den Umsteiger

Sie haben sich kürzlich entschlossen, der Windows-Plattform den Rücken zu kehren, möchten auf die gewohnten Werkzeuge aber nicht verzichten? Dann ist Office 2008 für Mac eine gute Wahl. Durch den Verzicht der Makro-Unterstützung in Excel werden Sie aber auf AppleScript umsatteln müssen oder sich der Automator-Aktionen bedienen, die allerdings erst in der Standard-Version zum Lieferumfang dazugehören. Eine Alternative ist, die Tür in die Windows-Welt nicht ganz zuzuschlagen, sondern Ihre bisherige Lizenz weiter zu nutzen: Die Virtualisierung von Windows macht auf einem gut ausgestatteten Intel-Mac für Sie durchaus Sinn. Solange Sie in Exchange-Umgebungen arbeiten, können Sie nicht auf die günstige Home-Version ausweichen.  

Office für den Aussteiger

Bei Ihnen ist die Entscheidung schon gefallen - aber was, wenn doch per E-Mail ein OOXML-Dokument eintrudelt und unbedingt geöffnet werden soll? Apples iWork-Paket kann passabel Microsofts neues Dateiformat interpretieren, ebenso NeoOffice 2.1 und selbst TextEdit bringt lesbare Informationen hervor. Mit der kommenden OOo-Version 3 wird sich die Kompatibilität ebenfalls verbessern - und Google bietet als Online-Lösung auch ein eigenes Office-Paket an : Das ist zwar nicht so umfangreich, dafür aber hervorragend geeignet, um mit mehreren Personen quer über den Erdball verstreut gleichzeitig an einem Dokument zu arbeiten.  

Fazit: Microsoft bleibt sich treu

Office 2008 ist in erster Linie die konsequente Weiterentwicklung von Office 2004 und die Umsetzung von Office 2007 auf der Mac-Plattform. Es ist - wenngleich hübsch anzusehen - kein Quell von Innovationen und bleibt eine Einbahnstraße: Der XML-Formatkrieg und die enttäuschende Anpassung von Entourage an Mac OS X 10.5 sprechen eine deutliche Sprache. Dass Microsoft Privatanwendern nun das runderneuerte Office zu dem Preis anbietet, den vor wenigen Jahren allein Word gekostet hat, ist ein Indiz für wegbrechende Marktanteile des einstigen Goldesels. Dort, wo der Bedarf an Office-Produkten stark ist, im schulischen und universitären Umfeld, bei Behörden und Verwaltungen, steigt die Anzahl der OpenOffice.org-Anwender - und in den Schwellenländern, in denen die Digitalisierung boomt, sind die Budgets für kommerzielle Softwareprodukte eher klein. Abseits dieser für viele Mac-Anwender wichtigen politischen Aspekte erscheint uns Office 2008 grundsolide und für langjährige Anwender empfehlenswert - insbesondere in Unternehmensnetzwerken mit Exchange-Infrastruktur. Bleibt für eine endgültige Empfehlung bloß noch, das Erscheinen der deutsch lokalisierten Fassung im Laufe des Frühlings abzuwarten, wir sind gespannt auf die Euro-Preise.

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