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Deutsche Musikindustrie verliert weiter an Umsatz

23.01.2004 | 12:56 Uhr |

Der deutsche Tonträgermarkt erlebt eine dramatische Entwicklung. In den letzten Jahren wurden in der Musikindustrie Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut, der Handel verlor viele Geschäfte. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Der Umsatz des deutschen Tonträgermarktes wird 2003 nach Schätzungen aus den Firmen unter 1,8 Milliarden Euro fallen. 2002 waren es noch 1,97 Milliarden Euro. Das bedeutet eine Schrumpfung auf die Verhältnisse der 80er Jahre - Deutschland liegt damit nur noch auf Platz 5 des Weltmarktes, 2000 war es noch Platz 3. In den vergangenen vier Jahren sind die Umsätze auf dem Tonträgermarkt in Deutschland um über 40 Prozent zurückgegangen.
Die negative Entwicklung eskalierte in der letzten Woche mit den Entlassungen von zwei der profiliertesten Manager des deutschen Musikmarktes. Tim Renner, Chef von Universal Deutschland, musste am Donnerstag gehen. Am Freitag gab die Bertelsmann Music Group die Trennung von Deutschland-Chef Thomas Stein bekannt.
In den letzten drei Jahren hatten die Verantwortlichen in den Tonträgerfirmen, Musikverlagen und Studios versucht, mit deutlichem Personalabbau von insgesamt über 2000 Beschäftigten, mit der Reduzierung der Zahl der Künstler um teilweise 70 Prozent, sowie der drastischen Reduzierung von nationalen Produktionen den Gewinn zu halten. In den nächsten Monaten seien noch einmal über 400 Entlassungen zu erwarten, berichtete der Branchendienst «musik».
Nach Ansicht des Geschäftsführers der Peer Musikverlage in Hamburg, Michael Karnstedt, wird die deutsche Tonträgerwirtschaft erst dann wieder aus ihrer Krise herauskommen, wenn es ihr gelingt, mit langem Atem Talente aufzubauen, statt vorrangig auf Fastfood- Produktionen zu setzen. Charisma, emotional geladene Songs und Live- Auftritte seien angesagt. Das Hinterherlaufen nach dem Über- Nachterfolg habe in den vergangenen Jahren bei den Musikkäufern Frustrationen ausgelöst, sagt Karnstedt.
Der Geschäftsführer von Sony Domestic in Berlin, Boris Löhe, sieht als Chance für eine Genesung des Musikmarktes, dass die großen Unternehmen die kleinen unabhängigen Kreativzellen in Deutschland in ihre Arbeit einbeziehen. Es sei unbedingt notwendig, dass Produktionen aus Deutschland auch international platziert werden. Als Beispiel nennt er eine Kooperation der deutschen Sängerin Sarah Connor mit der New Yorker A-Cappella-Gruppe Naturally 7, von der über 300 000 Singles des Titels «Music Is The Key» verkauft und der jetzt europaweit veröffentlicht wird. Weitere Beispiele deutscher Musikkreativität seien Künstler Alex Christensen, Ferris MC, Die Fantastischen Vier, Laith Al-Deen, Oli P., Mr. President, Sabrina Setlur und Die Toten Hosen.
Der deutsche Musikmarkt ist seit Monaten auch gekennzeichnet durch ein dramatisches Sterben der Tonträgergeschäfte. So schätzen Vertreter der Verbände, dass im letzten Jahr über 200 kleine Geschäfte schließen mussten und dass man heute teilweise schon über zwei Stunden mit dem Auto fahren muss, um ein CD-Geschäft zu finden. «Da die Musikkäufer die CD-Preise offensichtlich als zu hoch empfinden, muss endlich eine Preisanpassung her, um die Kunden zurückzugewinnen, die wir in den letzten Jahren an Musiktauschbörsen und durch Selbstbrennen verloren haben», sagt Michael Huchthausen, Präsident des Gesamtverbandes Deutscher Musikfachgeschäfte (GDM). Auf der anderen Seite habe es die Musikindustrie noch nicht geschafft, die längst angekündigte Online-Plattform «PhonoLine» zu etablieren. Dies soll nun im März auf der Computermesse CeBIT in Hannover passieren.
Der frühere Deutschland-Chef von Universal und heutige Unternehmensberater, Wolf D. Gramatke, glaubt, dass der starke Druck der Amerikaner und Briten noch zunimmt. Er sieht die deutsche Musikindustrie noch bis 2010 im Rückwärtsgang. Dann würden sich neue Umsätze aus Online, Klingeltönen und DVDs ergeben haben, so dass der Markt wieder das Niveau der 90er Jahre erreiche.

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