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Die Anwender sind gespalten

05.11.2003 | 13:40 Uhr |

Gestern hat der Netzwerkspezialist Novell den Kauf der Nürnberger Suse-Linux bekannt gegeben. Seither spaltet sich das Echo bei den Anwendern von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Dabei entscheidet die Open-Source-Gemeinde schließlich selbst, was aus ihrem bisherigen Werk geschieht - nicht Linux wurde gekauft, sondern nur ein Distributor


Für einen Teil der Linux-Gemeinde war die Nachricht von der Suse-Übernahme gestern ein Schock. "Die letzten Idealisten verfallen dem Kommerz" ist die Melodie in einigen Foren im Internet. Andere sehen durch den Novell-Kauf ein ungeheures Potenzial für die Linux-Gemeinde, endlich einen starken Partner im Boot zu haben, der vor allem im Server-Bereich die aufkeimende Konkurrenz durch Microsoft in ihre Schranken weisen könnte. In einer Pressemitteilung erklärt Richard Seibt, Vorstandsvorsitzender der Suse Linux AG, "mit Novells globaler Präsenz und Marketingexpertise, kombiniert mit dem hervorragenden Ruf dieses Unternehmens hinsichtlich Sicherheit, Verlässlichkeit und erstklassigem Kunden-Support erreichen wir die nächste Stufe für SUSE Linux." Rückendeckung erhält Novell zugleich durch eine 50-Millionen-Dollar-Finanzspritze durch IBM, die mit einem entsprechenden Paket an Vorzugsaktien sich damit ein gewisses Mitsprachrecht an den Geschicken ihres bisher wichtigsten Linux-Partners zu sichern. Laut unserer IDG-Verlagsschwester Computerwoche verhandeln die Nürnberger Linux-Distributoren derzeit mit Big Blue über eine "Ausweiterung der Verträge zu Anpassung von Suse Linux an IBM-Rechner".

Novell hatte bereits im August den Linux-Anbieter Ximian übernommen, so dass mit Suse die strategische Ausrichtung auf Open-Source lautet. Damit folgt Novell dem derzeit allgemeinen Trend, auf freie Software zu setzen, die eben keine künftigen Lizenzgebühren verursacht und eine gewissen Planungssicherheit den Anwendern beschert. Auch wenn durch die Einführung von Linux vor allem in großen Betrieben und der öffentlichen Verwaltung erhebliche Anpassungs- und Schulungskosten entstehen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie hatte die Kostenersparnis vor allem für mittlere und große Unternehmen belegt, die durch den Einsatz von Open-Source-Software entsteht. In Deutschland sorgte vor allem die Umstellung der Gebietskörperschaft Schwäbisch Hall sowie die Entscheidung der Stadt München, nicht nur die Server sondern auch ihre Desktops auf Linux umzustellen für große Zustimmung bei den freien Entwicklern.

Ungewiss ist indes, wie sich die Verhältnisse der Linux-Benutzeroberflächen durch den Deal verändern. Durch den Ximian-Kauf besitzt Novell bereits Gnome während Suse auf das Konkurrenzprodukt KDE bisher gesetzt hat. Doch darüber schweigen sich derzeit noch die Verantwortlichen aus. Das wird denn erst die Zukunft weisen, wohin sich Novell nun bewegen wird. Laut Novell soll die Marke Suse international weiter geführt und als eigene Lösung speziell für den "Einsatz in Großunternehmen, Behörden und Unternehmen mit vernetzten Standorten" ausgebaut werden.

Für die Nürnberger selbst stellt der Kauf die Lösung der schon seit geraumer Zeit kursierenden finanziellen Engpässe dar. Bisher finanzierten sich die Linux-Experten vor allem durch Venture-Kapital, hinter dem Firmen wie SAP, die Deutschen Bank Intel Capital, IBM, Hewlett Packard oder Silicon Graphics standen. Welche personellen Konsequenzen von dem Kauf in Nürnberg zu erwarten sind, ist noch völlig offen. Aufgabe von Novell wird jetzt sein, Signale an die Open-Source-Gemeinde zu schicken - schließlich hängt die Weiterentwicklung der Software maßgeblich von deren Engagement ab. Und das lässt sich gemäß dem Open-Source-Gedanken bekanntlich nicht mit Geld aufwiegen.

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