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Die Freitags-Kolumne

16.05.2003 | 11:33 Uhr |

In unsere neuen, Online-exklusiven, Reihe gehen wir diesmal am Beispiel von IBMs Chip Power PC 970 der Frage nach, wie aus einem Gerücht eine Nachricht wird - und umgekehrt

Bevor Kernphysiker in den Sechziger Jahren das Konzept der starken Wechselwirkung entwickelten, rätselte manch einer, wie es Protonen und Neutronen in einem Atomkern gelingt, trotz der abstoßenden elektromagnetischen Kraft zusammen zu halten. Auf engsten Raum gepfercht, müssten sich die subatomaren Teilchen eigentlich mit einer enormen Kraft abstoßen und in alle Richtungen explodieren. Findige Theoretiker entwickelten das Konzept des Bootstrapping - auch Münchhausen-Effekt genannt. Dieser Name erklärt eigentlich schon alles, wie weiland der Lügenbaron sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog, sollen Protonen dank der Hilfe der Neutronen sich an den eigenen Abstoßungskräften zusammenhalten. Im englischen Sprachraum kennt man das analoge Märchen von den Viermeilenstiefeln, dessen Besitzer sich an den Schnürsenkeln (bootstraps) aus der Ruhelage enporhebt.

Armselige physikalische Theorie? Auf den ersten Blick gewiss. Doch nicht nur der Startprozess eines Computers läuft nach Bootstrapping-Prinzipien ab - daher auch die englische Bezeichnung für den Startvorgang - auch in der Ökonomie und in der Medienwelt erleben wir selbst startende und erhaltende Prozesse. Die Interneteuphorie in den Jahren 1999 und 2000 war so ein Beispiel.  Überzeugt von einem neuen Medium postulierten Wagemutige gleich eine neue Wirtschaft, deren einziger Plan lediglich Floskeln wie "Online" und "E-Commerce" zu sein schienen. Für viel Risikokapital entwickelten immer mehr Glücksritter immer seltsamere Websites, deren einziger Sinn ihre Existenz war. Mit Quergeschäften wie Bannertausch oder Contentsyndikation verschob man virtuelle Werte hin und her - den Aufwand lies man sich mit Riskokapital bezahlen, das in einer Parallelwelt irrsinnige Renditen versprach. Geld, so schien es, war wunderbar aus dem Nichts zu schaffen, der Stein der Weisen war gefunden, das Perpetuum Mobile entdeckt. Stopp. Wie der zweite Hauptsatz der Thermodynamik und die Erfahrung von Generationen verzweifelter Erfinder lehren: Es gibt kein Perpetuum Mobile. Die Seifenblase platzte. Geld verdient haben in der Zwischenzeit wie zu Zeiten des Goldrausch nur die Carrier und die wenigen, die wirklich Kunden für ihre Produkte und Services fanden. Handfeste Gegenstände wie Bücher. Wobei Amazon bei genauer Betrachtung auch nichts anderes macht als Quelle, dabei nur ein neues Medium nutzt.

Dieser Tage erleben wir ein ganz anderes Bootstrapping-Phänomen. Irgendwo muss ein Körnchen Wahrheit existieren, um das sich eine enorme Blase entwickelt. Man hat dieses Korn auch bereits gesichtet, IBM hat letzten Oktober auf dem Microprocessor Forum in San Jose den 64-Bit.Chip Power PC 970 vorgestellt, der Altivec-ähnliche Vektorbefehle kennt. Soweit die Fakten. Die sinnvolle Schlussfolgerung: Apple könnte die auf dem Power4 basierende CPU in künftige Power Macs einsetzen, da Motorola die Entwicklung eines G4-Nachfolgers offenbar auf die lange Bank geschoben oder gar komplett aufgegeben hat.Apple ergeht sich allenfalls in nebulösen Andeutungen, dass man "gerne Alternativen" habe, befolgt aber ansonsten den Ratschlag des Volksmundes, über ungelegte Eier nicht zu gackern.

Dumm nur, dass Nachrichtensites jeden Tag etwas Neues berichten müssen - Macwelt.de macht da keine Ausnahme - und Meldungen a la "Apple hat auch heute nichts über einen Power-Mac-Nachfolger verlautbart" beim Leser schlecht ankommen.

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