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Die Freitags-Kolumne

30.05.2003 | 11:52 Uhr |

Der neue Volkssport Sparen hat auch negative Auswirkungen. Steve Jobs würde diese These sicher unterschreiben. Doch das Ende der Deflationsgefahr ist nah.

Seit Mittwoch Nachmittag ist es offiziell : Die Stadt München rüstet die 14.000 Computer seiner Verwaltung mit SuSE Linux und dem kostenlosen Office-Paket Open Office aus. Die Folgen sind nicht abzuschätzen, Kommentatoren sehen Microsoft mitten ins Herz getroffen, da wohl auch andere Kommunen dem Beispiel der bayerischen Landeshauptstadt folgen werden und die Redmonder Strategie, den Support für Windows NT auslaufen zu lassen und stattdessen Lizenzen von Windows XP massenweise zu verkaufen nach hinten losgehen könnte. Die Konkurrenz jubelt, IBM sieht in der Entscheidung der rot-grünen Stadtratsmehrheit einen " Ritterschlag für Linux ", während die oppositionelle CSU schwere Bedenken äußert, und die Stadt einem " Software-Abenteuer "  entgegen ziehen sieht. Aber die (Noch-)Singhammer-Partei ist derzeit mehr mit sich selbst und dem Absägen ihres Fraktionsvorsitzenden Podiuk beschäftigt.


Was die Opposition mit dem unterlegenen Softwareanbieter eint, ist die Forderung nach einem "transparenten" Verfahren, zuletzt waren detaillierte Zahlen der Angebote aus Redmond und Nürnberg an die Öffentlichkeit gelangt, weswegen mal der eine Softwareboss seinen Skiurlaub für direkte Verhandlungen mit dem OB Christian Ude unterbrach und das andere Softwarehaus seine finanziellen Forderungen reduzierte.

"Geiz ist im Jahr 2003 ungeil, Apple könnte sich als Konjunkturlokomotive erweisen"
Vergrößern "Geiz ist im Jahr 2003 ungeil, Apple könnte sich als Konjunkturlokomotive erweisen"
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Wie bitte? Linux ist doch kostenlos? Im Gegensatz zu Betriebssystem und Officepaket von Microsoft ist die bloße Software kostenlos. Was SuSE jedoch als kostenpflichtigen Mehrwert anbietet, sind Installationen auf allen 14.000 Rechnern, das Knüpfen eines vernünftigen Netzes mit ausfallsicheren und redundanten Servern sowie Support und Schulung der Anwender, dem es an sich egal sein kann, wie denn nun die Tabellenkalkulation und das Textverarbeitungsprogramm heißen, Hauptsache, die Maschine läuft. Da kommt einiges an Mannstunden zusammen, was einen Gesamtpreis von rund 30 Millionen Euro rechtfertigen dürfte.

Dennoch hatte eine Unternehmensberatung dem Münchener Stadtrat zwischendurch den Umstieg auf Windows XP geraten, da der höchst selbst eingeflogene Steve Ballmer zwischen schwarzer Abfahrt und Apres-Ski der klammen Kommune um einige Millionen Euro entgegen gekommen war. Die 43 Stadträte der rot-grünen Mehrheit hatten aber wohl schon von Longhorn gehört und das gleiche Spielchen mit auslaufendem Support und Upgradezwang für 2010 oder wenig später auf ihrer Agenda gesehen. Langfristig gesehen ist es einfach vernünftiger, sogar in Krisenzeiten den ein oder anderen Euro mehr zu investieren, um in der Zukunft besser dazustehen.

Geiz ist eben nicht geil, sondern im höchsten Maße gefährlich. Als Heimpfuscher werde ich das merken, wenn es mir trotz Dichtungsband am Wannenabfluss wieder durch die Decke tropfen wird - wenn ich gleich einen Installateur beauftragt hätte, blieben mir enorme Folgekosten wohl erspart. (Wobei wir dem Problem gerade mit einer Neuverfugung der Badewanne zu Leibe rücken - über die Chancen und Risiken von Silikon wollen wir uns aber ein andermal auseinander setzen...)
Eine übervorsichtige Sparmentalität hat darüber hinaus einen enormen Volkswirtschaftlichen schaden - die Spekulation darauf, morgen ein Gut oder eine Dienstleitung zu einem geringeren Preis als heut zu bekommen könnte in eine gefährliche Deflation führen. Die öffentlichen Ausgaben werden geringer, wenn die Preise sinken, Firmen können ihre Kredite nicht mehr bedienen und gehen pleite. Nicht die Hyperinflation vom November 1923, als morgens ein Laib Brot noch 10 Millionen Mark kostete und abends schon das hundertfache, läutete das Ende der Weimarer Republik ein, sondern die auf Börsencrash und Reichskanzler Brünings Sparpolitik folgende Deflation.

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