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Die Freitags-Kolumne

06.06.2003 | 12:49 Uhr |

Nicht nur Neo hackt sich derzeit durch die virtuelle Welt, auch der französische Designer Ora ito modifiziert Computermarken mit philosophischem Akzent.

Seit zwei Wochen fliegt Neo wieder als Superman durch die Matrix und eröffnet sozusagen als Dr. Neo seinen virtuellen Emergency Room. Zuviel möchten wir natürlich verraten, es soll ja schließlich Menschen geben, die den Film (Matrix Reloaded) noch nicht gesehen haben. Andererseits hat mir ein Kollege gestern erzählt, er sei nun zum dritten Mal im Kino gewesen: Zweimal habe er sich die Special Effects angeschaut, beim letzten Mal die philosophischen Aspekte ergründen wollen. Da sich diesmal Morpheus mit tiefsinnigen Monologen zurückhält, kann der Kollege ja nur die Kausalitätsthese des Merowingers gemeint haben - und da schreckt der methodisch versierte Sozialwissenschaftler auf: So nicht! Hier können die Matrix-Monologe die Meta-Ebene nicht erklimmen. Schließlich gab es schon vor Jahren den Subjektivitätsmus-Streit der Konstruktivisten. Aber darauf wollen heute gar nicht hinaus, auch wenn dieser höchst philosophische Diskurs wohl auch im Entferntesten mit Virtualität zu tun hat.

Wir wenden uns dagegen einem anderen Hacker als Neo zu, der allerdings sehr wohl im Virtuellen tobt: Der französische Designer Ora ito, der sich selbst gleich zwei Tüpfelchen aufs i setzt! Angesagt ist der heute 26jährige Studienabbrecher und In-Designer aus Paris schon seit längerem, macht in den letzten Tagen aber deshalb von sich Reden, weil er das Produktdesign für "3" entworfen hat. Ein Parfum, das Adidas ab Juli für die urbane Frau und den urbanen Mann einführt. Wie es sich für Ora ito gehört, hat er auch dazu nur virtuell die Linien skizziert, umsetzen und damit in ein reales Produkt gießen, durften es andere.

Wohin also bewegen wir uns jetzt? Von Neo über die Konstruktivisten zum Parfum - werden die neuen Power Macs, die wir uns von Steve Jobs in San Francisco am 23. Juni erwarten nach Adidas riechen? Natürlich nicht. Deshalb bleiben wir zunächst bei Ora ito. Denn das Adidas-Fläschchen bestätigt nicht sei sonstiges Ansinnen, vielmehr bringt man seinen Namen in der Design-Szene vor allem mit einer kleinen Dreistigkeit zusammen: Er schmückt sich gerne mit fremden Federn. Genauer, er modifiziert die Produkte bekannter Marken und stellt das veränderte Design der Produktmarken auf seiner Website der Öffentlichkeit zur Schau. Das ganze selbstverständlich ohne Auftrag und ohne auch nur einen Franc - pardon Cent - dafür zu sehen. Das hat Methode, er nennt es Marken-Hacking. Womit wir unserem intellektuellen Ziel schon etwas näher rücken: Denn was den frischen Franzosen mit der von uns geliebten Computerfirma verbindet, ist ein schon fast in Vergessenheit geratener Produktentwurf eines Powerbooks. Dass er damals schlicht hack-Mac genannt hat. Wer sich bis hierhin verkniffen hat, auf die Website des Designers zu surfen, sollte dies schleunigst nachholen und mit einem Aha-Effekt an diese Stelle zurückkehren. Kleine Hilfestellung: Zwischen Visa, Nike, Louis Vuitton und Bic findet man das mit merkwürdigen Farben gestreifte Apple-Logo - da muss man klicken.

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