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Die Freitags-Kolumne

13.06.2003 | 12:02 Uhr |

Innovate, don't immitate, lautet das Motto. Manchmal haben aber auch Bearbeitungen ihren Reiz.

Zu den Lieblingsbeschäftigungen mancher Mac-Fans gehört es, über Microsoft zu schimpfen. Bill Gates sei in den frühen Achtzigern nicht in der Lage gewesen, mit seiner Company selbst für Innovationen zu sorgen: Stattdessen kupferte er von der einzig wahren Computerfirma ab, vermarktete deren Ideen und strich den Ruhm und 95 Prozent Marktanteil ein, heißt es in den Klagegesänge lamentierender Jünger. Die historische Wahrheiten sind ja ein wenig anders, denn keineswegs hat Apple die Maus erfunden (das war Doug Engelbart) noch die grafische Benutzeroberfläche (GUI), denn die entstand in den Forschungslaboren des heute als Kopiererherstellers wahrgenommen Unternehmens Xerox. In den Siebzigern konnte sich das heute schwer angeschlagenen Unternehmen noch den Luxus eines nur für Grundlagenforschung zuständigen Labors namens PARC (Palo Alto Research Center) leisten. 
Apple kam in Form einer von Steve Jobs geleiteten Besuchergruppe, sah den damals revolutionären Ansatz eines Eingabesystems, das Kommandozeilenkenntnisse überflüssig machte und siegte, indem es die gewonnenen Erkenntnisse in die erste für den Massenmarkt bezahlbare Interpretation einer GUI überführte, sofern man bei LISA (Erstverkaufspreis um die 10.000 Dollar) und Mac (Erstverkaufspreis um die 4.000 Dollar) von "bezahlbar" sprechen konnte. 
Und was bis heute Anhänger der Gemeinde des St. Jobs Microsoft und seinem Gründer Bill Gates übel nehmen: Der Nerd aus Oregon beließ es nicht bei seinem Kommandozeilen gesteuertem DOS, das er ja auch nur geklaut, also aufgekauft hatte, sondern adaptierte das Konzept von Schreibtisch, Ordnern und Volumes für sein lang als Vaporware verschrieenes Windows, nachdem er zuvor bei Apple beim Versuch abgeblitzt war, die Innovation des Mac-OS in Lizenz zu nehmen.

Wie sich die IT-Geschichte entwickelt hätte, wenn Jean-Louis Gassee damals dem Werben des jungen Gates nachgegeben hätte, bleibt Spekulation. Aus den historischen Ereignissen lernen wir jedoch, dass sich Innovatoren und Pioniere immer ein wenig schwer tun. In den PARC-Labors bestand keinerlei Druck, die Erfindung GUI zu vermarkten, schließlich kam es ja nicht auf jedes der  erarbeiteten Patente an. Apple, damals und auch heute von Steve Jobs in der Firmenphilosophie geprägt, hatte es nicht nötig, auf den Markt zu hören. Lieber definierte man den Markt und setzte neue Trends, anstatt anderen hinterher zu laufen. Wobei Apple immer wieder geschickt den Eindruck erweckt, Vater aller Innovationen zu sein. Die GUI, Firewire, WLAN und der digital hub sind keineswegs Erfindungen aus Cupertino, die Jobs-Company verstand es aber immer wieder, eine neu Technologie oder einen neuen Ansatz der Nutzung mit als erstes aufzugreifen und geschickt zu vermarkten. Egal, wo die Märkte gerade sind.

Wo die Märkte sich hingegen hinbewegen, wusste Microsoft in der Vergangenheit mit schlafwandlerischem Gespür. War in Achtzigern das Schlagwort "IBM-Kompatibel" schon ein  derart gewichtiger Kaufgrund, dass Gates sein Software-Imperium darauf aufbauen konnte, scheint es Redmond heute zu genügen, die von anderen gesetzten Trends aufzuspüren und in seine Softwarestrategie zu implementieren. Was haben wir als Macianer doch herzlich gelacht, als zum Start  von Windows XP all die "iLife"-Komponenten des Systems als Innovationen durch die Medien geisterten. Was Tagesschau, Süddeutsche und Stern dem Massenpublikum als Neuheiten anpriesen, war uns schon seit Jahren vertraut.

Der Macianer als solcher macht es sich aber zu einfach, wenn er auf den großen Plagiator aus Oregon als verweist, um die Wahl seines Betriebssystems zu begründen -respektive die Ablehnung von Windows. In gewissen Punkten erscheint es heute eher so, als würde Apple nun die Rolle des Adepten einnehmen und von anderen eingeführte Ideen für seine Zwecke überarbeiten und Markt fähig machen. .Mac kann man so als an den Bedürfnissen einer vorhandenen Kundenschaft ausgerichtete Webservices-Stragie interpretieren, ebenso das sinnvoll in den iTunes Store implementierte DRM (Digtial Rights Management), der G5-Prozessor soll ersten Spekulationen zufolge TCPA unterstützen. .NET, DRM, TCPA, keineswegs Erfindungen Microsofts, derzeit rechnet deren Urheberschaft jedoch bald ein jeder dem Betriebssystemmarktführer zu. Was werden aber die Sektengläubigen in 20 Jahren sagen? Alles nur geklaut, werden sie krakeelen, und dabei übersehen, dass der eine Hersteller ein Konzept geschickter vermarkten oder an die Bedürfnisse der Anwender anpassen konnte als ein anderer.

Originelle Originale und ihre geschickte Bearbeitung

Nicht nur Puristen ziehen das Original vor, wenn es in einer dem Massengeschmack oder -bedürfnis angepassten Fassung als Adaption an den Verbraucher herantritt. "Vanilla Sky" und "Freeze" - furchtbare Hollywood-Kopien ihrer spanischen und dänischen Vorbilder "Open Your Eyes" und "Nightwatch", meinen Cineasten.
Ein Verbrechen an der Musik die glücklicherweise längst wieder vergessene Neuauflage von "Stairway to heaven" von Frank Fahrians "Far Corporation" , meinen nicht nur die Gitarristen, denen noch das triumphierende Grinsen der lebendigen Rhythmusmaschine Curt Cress aus den Fernsehshows der Achtziger gewahr ist ("Hey, Curt, was ist 'ne Synkope" - "Deine 'Eins', Gitarrero").
 
Oft wird das Original zum Gattungsbegriff und das Geschäft machen andere!  Klar, eine Ovation ist eine mit Stahl besaitete Akkustik-Gitarre mit rundem Korpus, egal, wer sie produziert hat, eine Strat und eine Les Paul erkennt man den charakteristischen Cut-aways, mögen Sie auch No-Name-Marken tragen und auch danach klingen. Ein tragbares Cassettenabspielgerät ist nun einmal ein Walkman, ob da jetzt "Sony" draufsteht oder nicht, ist erst einmal zweitrangig.  Apples iPod hat schon jetzt eine Vielzahl von Nachahmern gefunden, lange wird es wohl nicht dauern, bis der Markt einen MP3-Player mit Festplatte fest mit "iPod" assoziiert. Apple hat sich aber nicht nur die Markenrechte gesichert, sondern sorgt mit seiner starken Rechtsabteilung dafür, dass allzu offensichtliche Plagiate wie Samsungs netter Versuch YP-900GT  gar nicht erst auf den Markt kommen. Oft bleibt der Innovator jedoch im Dunklen und finanziell unbelohnt,  wenn er einen schlechten Patent- und Markenanwalt gehabt hat.

Hätte etwa einer der geneigten Leser dieser Kolumne gewusst, woher der längst bundesweit verbreitete Begriff für das Mixgetränk aus Cola und Orangenlimonade stammt? "Spezi" nahm vom Süden aus seinen Siegeszug als Gattungsbegriff und hat nur noch mehr im Rheinland gegen "Diesel" und Hamburg gegen "Alsterwasser"  zu kämpfen. Erfinder des Begriffs war das Hofbräuhaus Traunstein, das aber trotz des in den Neunzigern lancierten Werbespruchs "Spezi ist Spitze - trink das Original" heute deutlich mehr Bier und Mineralwasser verkauft als Cola-Mix. Obwohl die Traunstein die Markenrechte innehaben, darf jeder Wirt zwischen Flensburg und Oberstdorf ungestraft "Spezi" auf seine Karte setze, egal, woher er die Pampe bezieht. Tröstlich: In manchen Kreisen des Chiemgau gilt das Hofbräuhaus Traunstein aber als Apple des Brauereiwesens...

Manchmal tut die Bearbeitung einer Idee dieser jedoch gut.  "Die glorreichen Sieben" hat jeder verstanden, der sich mit Kurosawas "Sieben Samurai" noch Jahrzehnte später schwer getan hat. Und wenn man an "Blinded by the light" denkt, erfüllt das innere Ohr dann doch das Arrangement von Manfred Mann mit der charismatischen Stimme von Chris Thompson und nicht das auf der ersten LP "Greetings von Ashbury Park, N.J." des "Boss" Bruce Springsteen veröffentlichte Original.

Innovation ist eben nicht alles, aber ohne Innovation ist alles nichts (Okay, drei Euro gehen hiermit in das Phrasenschwein). Ohne Innovatoren wären auch die genialsten Verkäufer, und als solche wollen wir die Plagiatoren einmal sehen, solange sie nicht Gesetze und gute Sitten brechen, ohne Existenzgrundlage. Und ohne Verkäufer, "Super-Spreader" oder kreative Bearbeiter blieben auch die Erfinder auf ihren Produkten sitzen.  Aber auch für Weiterentwicklungen sollte gelten: "Innovate don’t immitate". In diesem Sinne lesen wir auch kommenden Montag besser das originale Morgenmagazin der Macwelt. 

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