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Die Freitags-Kolumne

20.06.2003 | 12:49 Uhr |

Gerade im Vorfeld von Jobs-Keynotes beginnen die Grenzen zwischen Information und Spekulation zu verschwimmen. Seltsame Pressemitteilungen haben aber das ganze Jahr Konjunktur.

Man hat's nicht leicht, als Mac-Anwender einer Minderheit anzugehören, wenn es auch ein feiner Anteil aller Computerbenutzer ist.
Mit den Problemen meine ich nicht das Unverständnis der großen Mehrheit, die sich in Fragen äußert wie "Welches Windows läuft denn darauf?", "Da ist doch nichts zu MS Office kompatibel?" oder "Warum gibt es so wenig Spiele für den Mac?". Nach jahrelangen, geduldigen Erklärungen akzeptieren die meisten mittlerweile die Antworten "Das ist besser als jedes Windows", "Doch. Zum Beispiel MS Office." und "Das Gerät dient zum Arbeiten und nicht zum Spielen."
Egal ist es mittlerweile, ob "die Anderen" den Rechner als "elegant, aber teuer" abkanzeln oder immer wieder auf dem Blödsinn mit der Taktrate herumhacken.
Was zur Verzweiflung bringt, sind schiere Ignoranz und Unwissen.

"Der Knüller des Jahres kommt am Montag. Wir freuen uns schon deshalb auf die Pressemeldung, weil sie sämtliche Spekulationen beendet."
Vergrößern "Der Knüller des Jahres kommt am Montag. Wir freuen uns schon deshalb auf die Pressemeldung, weil sie sämtliche Spekulationen beendet."
© 2015

Eine Zeitschrift wie die unsrige steht in Dutzenden von Presseverzeichnissen, so dass sich tausende von Agenturen und Presseabteilungen von Firmen sich bemüßigt fühlen, uns mit Informationen zu versorgen, per Mail, Fax, Briefpost oder einfach Telefon. Nicht selten läuft dann das Gespräch so ab, dass eine bemühte Referentin oder ein engagierter Referent uns von einer Killersoftware überzeugen will, die dieses und jenes viel besser könne als die der Konkurrenz. Da aber Apple-Rechner in dieser und jener Branche keine Verwendung finden, fragt der misstrauische Redakteur erst einmal nach, ob die Wunderapplikation denn auch auf dem Mac laufe. Auf eine Millisekunde des verdatterten Schweigens hin, beruhigt der geschulte Gesprächsparter mit "Moment, ich frage einmal nach und rufe Sie zurück." Gut, denkt sich der Redakteur, werden die Techniker halt noch nicht kommuniziert habe, ob sie jetzt einen Port von AIX nach Mac-OS X oder XP nach Mac-OS 9 oder sonst in einer Kombination in Arbeit haben, der Rückruf macht dann aber doch stutzig: "Also, hätten Sie gleich gefragt, ob das auf dem Macintosh läuft, hätte ich 'Nein' sagen können, mit dem begriff 'Mac' konnte ich nichts anfangen."

Dabei dachten wir Macianer doch stets, die Begriffe "Macintosh Computer" und "Mac" seien äquivalent, niemand mehr würde die Beatles-Textzeile "and the banker never wears a Mac, in the pourring rain, very strange" (Penny Lane, St. Peppers Lonely Hearts Club Band, 1967) mit einem Regenmantel assoziieren.
Nein, die Agenturen, die uns in Kompendien von Aral bis Zimpel finden, geben sich allzu oft mit dem vagen Hinweis auf "Computer" zufrieden, zumal unser Verlagshaus IDG als der größte IT-Verlag der Welt gilt. Wie gut, dass unter unserem Faxgerät ein großer Papierkorb steht, der die schlimmsten Irrungen und Wirrungen gleich als geschätzte "Ablage P" aufnimmt. Natürlich bekommen wir viele richtige und wichtige Informationen, aber die Spam-artigen Pressemitteilungen nehmen zu.

Durchaus hat es seinen Reiz zu erfahren, was Siebel, AMD und EDS gerade machen, das erweitert den Horizont und hilft, sich ein Bild vom Gesamtzustand der IT- und TK-Branche zu machen. Highlights der verirrten Pressemeldungen sind jedoch solche, in denen der Computer nur am Rande vorkommt und offenbar eine sehr kurze Assoziationskette den Versand der Post an die Redaktion der Macwelt auslöste. Diese Eingänge kommen zur Erheiterung der Gesamtmannschaft an das schwarze Brett in der Küche.

Brüller der Woche und womöglich gar Schenkelklopfer des Monats war am Mittwoch die Meldung eines Psychodontisten mit der Bitte um Veröffentlichung in unserer Publikation.
Geschichten wie "Macs in der Zahnarztpraxis" finden ja immer wieder ihre Leser, was uns der "Urvater der Psychodontie" da aber von einer Agentur auftischen ließ, war nahe an der Grenze zur Komik, wenn nicht gar darüber. Anstatt auf Schadensbegrenzung setze der in Baden-Württemberg praktizierende Doktor auf einen ganzheitlichen Ansatz. Mit Hilfe modernster Computertechnik (Achtung! Stichwort!) erarbeite man zusammen mit dem Patienten eine zu ihm passende Gestaltung des Gebisses. Da lange, abgerundete Frontschneidezähne "sexy" wirkten und eckige Zähne mit geradem Abschluss "männlich" komme man dem Ziel "Zeige mir deine Zähne, und ich sage dir, wer du bist" nach einer Persönlichkeitsanalyse recht nahe. Die Kunst der Psychodontie zeige man jetzt auch im Internet (Noch ein Stichwort! Ab in alle Online-Redaktionen dieses Planeten!).

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