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Die Freitags-Kolumne

08.08.2003 | 12:09 Uhr |

Es ist einfach viel zu heiß in diesem Sommer. Auch der G5-Prozessor verlangt nach intensiver Kühlung, weswegen dem iMac G4 wohl noch ein langes Leben beschieden sein wird.

Im Sommer 2003 kennt Europa nur ein Thema: Die seit Mitte April anhaltende Wetterlage, die nur Zeitgenossen mit mangelndem Gespür für das richtige Adjektiv als "tropisch" bezeichnen. Denn das Klima unter dem Anzugträger in nicht klimatisierten Büros leiden und die Biergartenwirte strahlen lässt, zeichnet sich durch eine trockene Hitze und extremen Niederschlagsmangel aus.

Und die Dehydrierung lässt so manchen Vernunft begabten Zeitgenossen regelrecht austicken, die sonst so strahlenden Biergartenwirte klagen immer öfter über zerbrochene Krüge, die ihren Gästen als Kampfmittel bei der Auseinandersetzung mit anderen alkoholisierten, Abkühlung suchenden Zechern dienen. Zur Vorsicht beim Flüssigkeitsausgleich sei also gemahnt, wenn die erste Mass regelrecht "verzischt", die zweite den Durst allmählich lindert und erst die dritte Genuss bietet. Ungeübten Rehydrierern empfehlen wir daher für den Start Wasser, alkoholfreies Bier oder eines der unsäglichen Mischgetränke a la Radler.

"Abkühlung ist heiß ersehnt für Rechner und Anwender. Aber bitte Vorsicht bei der Wahl des Kühlmittels walten lassen..."
Vergrößern "Abkühlung ist heiß ersehnt für Rechner und Anwender. Aber bitte Vorsicht bei der Wahl des Kühlmittels walten lassen..."
© 2015

Es ist Sommer, wie nicht nur die Quecksilbersäulen anzeigen. Medienschaffende haben alljährlich mit dem Phänomen des Sommerlochs zu kämpfen, weswegen wir Leser uns bei der Zeitungslektüre im Schatten von Biergartenkastanien auch jedes Jahr auf Berichte von Nessie-Sichtungen stoßen. Der bayerische Rundfunk versuchte in seinem Polit-Magazin Report der Nachrichtenflaute mit einer Reportage aus 55595 Sommerloch bei Bad Kreuznach zu begegnen. Spannende Geschichten konnten die Fernsehkollegen jedoch nicht einfangen, denn in dem Winzerdorf hatte die Weinlese noch nicht begonnen.
Selbst die Bildzeitung, um eine freche und frei erfundene Schlagzeile selten verlegen, kapitulierte am heißesten Tag des Jahres und forderte auf Seite 1 den Kanzler dazu auf, endlich etwas gegen die Hitze zu unternehmen, "Himbeereis auf Krankenschein" oder "Freibier! Freibier! Freibier!" pries man als Lösung an.

Seriösere Blätter wie die Financial Times Deutschland machen sich hingegen Gedanken, wie sich die Hitzewelle auf die lahmende Konjunktur auswirken könnte. Demnach könnten die hohen Temperaturen, bei denen eigentlich niemand so richtig Lust hat, im Schweiße seines Business-Anzugs etwas für das Bruttoinlandsprodukt zu tun, paradoxer Weise mittelbar zu einem Aufschwung führen. Denn anstatt sein sauer verdientes Geld in Erwartung einer Verschärfung der Krise im Sparstrumpf zu horten, trägt es der Konsument dieser Tage lieber in den Wirtsgarten oder in das nächst gelegene E-Werk, um es in ein paar Kilowattstunden für die Klimaanlage zu investieren. Dieser Effekt des angeregten Konsums soll die Einbußen der Landwirtschaft mehr als wettmachen - nicht alle im ersten Wirtschaftssektor Tätigen leiden unter der Hitze. Winzer freuen sich schon jetzt auf einen sensationellen Jahrgang, der dem 76er in nichts nachstehen wird.
Die Meinungen der Experten und derer, die es werden wollen, über die konjunkturellen Folgen des Super-Sommers gehen jedoch auseinander. Denn selbst in klimatisierten Kaufhäusern ist es nicht so schön wie am Baggersee - "Käuferstreik ab 30 Grad" meint die Süddeutsche dazu. Ob die Hitzewelle jetzt Segen oder Fluch für die Konjunktur ist, wird aber niemanden mehr interessieren, sobald das Sommerloch wieder geschlossen ist.

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