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Die Freitagskolumne

22.08.2003 | 13:32 Uhr |

Wenn sich die Jahreszeiten verschieben, muss nicht die Klimakatastrophe schuld daran sein. Der Zeit voraus zu sein kann aber auch Nachteile haben.

Der Sommer geht vorbei,
und all seine Lieder
legen sich bis zum Mai
zum Sterben nieder.

Der Sommer geht vorüber,
mit ihm ein Fetzen Leben,
die Tage merklich trüber,
das Herz schlägt leicht daneben.

Konstantin Wecker - Kleines Herbstlied (Uferlos, 1993)


Wollen wir es einmal nicht übertreiben, noch ist Hochsommer und noch nicht einmal der Zeitraum hat begonnen, den Kurt Tucholsky als "Fünfte Jahreszeit" beschrieb: "So vier, so acht Tage - Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert - und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher ... aber nun ist alles anders....Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören... Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit."

Der Einzelhandel macht nach wie vor ein hervorragendes Geschäft mit kühlen Getränken und Speiseeis, selbst die "Sommerpause" einiger Ferrero-Pralinen - eigentlich nur ein Marketing-Gag, denn in den letzten Wochen gab es kaum angenehmere Plätze als wohl temperierte Supermärkte - dauert noch an. Die Zeichen, die der Herbst voraus sendet werden gleichwohl immer mehr. Die ersten Laubbäume werfen, ausgetrocknet wie sie sind, einige Wochen zu früh ihre Blätter ab, die Winzer begeben sich - auch zeitiger als sonst - in die Weinberge um einen Jahrhundertjahrgang zu lesen und auf der Münchner Theresienwiese stehen die ersten Aufbauten für das Oktoberfest.
Klimatisch geht der Sommer in die Verlängerung, zwar ist es im Süden der Republik gegen neun Uhr schon stockdunkel, aber es herrscht immer noch bestes, trockenes und warmes Wetter vor, das geradezu nach den üblichen sommerlichen Outdoor-Aktivitäten schreit.
Unser bevorzugter Baumarkt, nur wenige hundert Meter von der Macwelt-Redaktion entfernt, nimmt darauf aber keine Rücksicht. Grillkohle hat er in das hinterste Eck verbannt, vielmehr das, was von den seit Frühling in riesigen Mengen verkauften Briketts noch übrig ist. Fünf oder sechs Säcke mögen es wohl noch gewesen sein, alle aufgeplatzt, die Kohle teils auf der Palette verteilt, teils in den drei intakteren Paketen gesammelt.
Den attraktiveren Platz der Verkaufsfläche hatte das Grillzubehör bereits an die Halloween-Dekoration abgeben müssen. Diese diente immerhin der Erinnerung daran, die durstigen Kürbispflanzen im heimischen Garten zu wässern, schließlich wollen wir in zwei Monaten Früchte ernten, die das wild wuchernde Grünzeug noch gar nicht angesetzt hat.

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", ist ja seit dem 40. Geburtstag der nicht einmal 41 Jahre alt gewordenen DDR ein geflügeltes Wort, aber muss man es dann derart ins Gegenteil verkehren, dass man um Monate oder gar Jahre seiner Zeit voraus ist? Nichts gegen rechtzeitige Planung, die Macwelt-Redaktion befasst sich ja auch schon jetzt langsam mit der Ausgabe 1|2004, aber dass der erste Schokonikolaus jedes Jahr unmittelbar nach dem Ende der Sommerpause der berühmten Kirschpralinen an den Start geht, löst doch allgemeine Verzweiflung aus. Schokonikoläuse kann man nicht grillen und die Glut halten sie auch nicht besonders gut.

Über wahnwitzige Pressemeldungen, die uns immer wieder erreichen, haben wir in einer anderen Kolumne uns bereits ausgelassen (siehe: " :Irres und Wirres " vom 20.6.2003). Und diese Woche, genauer gesagt am 20. August, exakt 18 Wochen vor dem "Fest der Liebe" schlug in unser E-Mail-Postfach bereits der erste PR-Text mit dem Stichwort "Weihnachten" ein. Die Agentur wollte Ersatz-Akkus für Digitalkameras, die ja der Geschenktipp des Jahres 2003 schlechthin werden, eines namhaften Batterieherstellers als passende Kleinigkeit für den Gabentisch platzieren. Verantwortungsbewusste Redakteure gehen ja jedem Hinweis auf spannende Neuigkeiten nach, doch trotz aller Mühen, ob der vage Zusammenhang mit dem Heiligen Abend ein aktueller Aufhänger für eine spannende Story sein könnte, stellten sich bei dem Gedanken an Zimt, Anis und Tannennadeln nur Assoziationen zu gewagt aufgepepptem Vanilleeis, kühlem Ouzo am Strand von Mykonos und einem schattigen Plätzchen auf einer Alm in den Chiemgauer Alpen ein. Die Agentur hat einen kaum noch zu überbietenden Prä-X-Mas-Rekord aufgestellt, bislang lag der beim 7. September, als im Jahr 2001 der erste Hinweis auf einen Online-Adventskalender in der Redaktion eingegangen war.
Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben, denn weder der Online-Adventskalender noch die Ersatz-Akkus haben es in unsere aktuelle Berichterstattung geschafft.

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