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Die Freitagskolumne

12.12.2003 | 13:33 Uhr |

Alle Jahre wieder folgt auf Weihnachten die Macworld Expo. Überraschungen wird Santa Steve aber das ganze Jahr 2004 über uns in die Stiefel legen.

Endspurt. Nur noch 12 Tage bis Weihnachten, dann ist die Adventszeit endlich vorbei. Eine Zeit der Stille, des Friedens, der inneren Einkehr und der freudigen Erwartung ist sie längst nicht mehr. In diesem Jahr locken nicht nur an alle Ecken und Enden Glühweinstände mit immer gewagteren Kreationen (Mit Kokos! Oder, alternativ: Heiße Caipirinha!), begehen Hausbesitzer und Mieter gestalterische Grausamkeiten (Kletternde, illuminierte Nikoläuse! 10.000-Watt-Lichterketten in allen Farben des Regenbogens!) und verderben Kalorien-Terroristen mit Stollen- und Plätzchen-Attentaten unsere schlanke Linie, nein, dieser Advent steht auch noch unter dem Druck einer Krisen geplagten Ökonomie, neue Wachstumsimpulse durch organisierten Konsumrausch zu geben. Da kann man als Weihnachtsmann schon ganz schön depressiv werden.

Die himmlischen Heerscharen in Cupertino können sich in diesem Jahr jedoch gelassen zurücklehnen. Es liegt hinter den Rauschgoldengeln um Steve Jobs ein höchst erfolgreiches Jahr. Als "Jahr des Notebooks" gestartet, brachte 2003 darüber hinaus nicht nur den heiß ersehnten Power Mac G5 und den Panther mit einer Vielzahl neuer Funktionen, die kaum Phantasie für neue Innovationen lässt. Noch dazu hat Apple mit dem iTunes Music Store und dem iPod einen Markt neu zu definieren begonnen, von Revolution wollen wir jedoch erst künftige Generationen von Anwendern sprechen lassen.
Der von Macianern aufgebaute Erwartungsdruck vor dem Apple-Weihnachten, das der Mac-Hersteller traditionell immer am Dienstag der zweiten Kalenderwoche des neuen Jahres auf der Macworld Expo in San Francisco begeht, ist diesmal wesentlich geringer als in den Jahren zu zuvor, als das "One More Thing" in den Träumen der Fans wahrhaft gigantische Ausmaße annahm.

Die Gerüchteküche brodelt merkwürdig leise, keine vier Wochen vor dem Fest. Die eine Website will von "gut unterrichteten Kreisen" über minimale Verbesserungen der iLife-Produkte erfahren haben, andere Marktbeobachter sehen Apple günstigeres Material für den iMac TFT einkaufen, damit der Einsteigerdesktoprechner wieder in für Neu-Macianer erschwingliche Preisregionen kommt und Platz für weitere G5-Preissenkungen lässt. Weitere Auguren behaupten gar, den Knüller der Messe würde diesmal Microsoft liefern - mit einer neuen Office-Version und dem endlich auch an den G5 angepassten Virtual PC 7.
Das klingt alles sehr vernünftig, diese Spekulationen dürften einen wahren Kern haben. Denn die iApplikationen hat Apple jetzt schon länger nicht mehr angefasst, in iPhoto fehlt zum Beispiel immer noch die Anbindung an Fotodienste außerhalb der USA und im spannenden Geschäft mit dem iTunes Music Store werden in Cupertino ständig neue Ideen entstehen, wie man das Einkaufserlebnis noch besser gestaltet. Der iMac-TFT verkauft sich bei weitem nicht so gut wie sein legendärer Vorgänger, was nicht zuletzt auf den höheren Preis zurückzuführen ist. Und Microsofts Mac BU ist natürlich in Zugzwang, Office:mac v. X verschleudert die von Roz Ho geleitete Konzerntochter derzeit, ein gutes Geschäft mit dem inkompatiblen Virtual PC 6.1 ist nicht mehr zu machen.

Vorwärts, wir müssen zurück

Eine weitere Vermutung der einschlägigen Gerüchtesites und ihrer Firmen nahen Quellen zielt in Richtung Xserve. Der 19-Zoll-Server von Apple soll schon zur Expo einen G5-Prozessor und die dazu passende Hardwarearchitektur bekommen. So schlank und elegant wie der nur eine Höheneinheit einnehmende Xserve G4 wird das neue Modell aber nicht mehr werden, postuliert LoopRumors unter Berufung auf interne Informationen: Die Kühlvorrichtungen würden mindestens drei Höheneinheit erfordern. Apple hat in der Vergangenheit wohl lernen müssen, dass Argumente, die im Consumerbereich wichtig sind, Unternehmen weniger überzeugen. Ein CIO schaut weniger auf die Eleganz der Maschinen in seinen Serverschränken, sondern mehr auf die Kosten. Um Entscheider in Unternehmen davon zu überzeugen, dass sich Eleganz und niedrige TCO durchaus vereinen lassen, braucht es die richtigen Leute. Die hat, so sagt ein weiteres Gerücht in der "staaden Zeit" vor der Messe, Oracle an Bord. Noch. Denn mit ausdrücklicher Billigung von Oracle-Boss Larry Ellison versuche Apple derzeit ein neues Verkaufsteam zusammenzustellen und sich dabei kräftig beim Spezialisten für Business-Datenbanken zu bedienen. Wahr oder nicht - auf der Macworld Expo wird man diese Dinge allenfalls hinter den Kulissen erfahren.

Einen Ausblick weit über das Wintermärchen hinaus gibt derzeit die Gerüchtesite AppleInsider. Hartnäckig behauptet diese, dass IBM einen Chip entwickelt habe, den Apple bald in seinen iBooks einsetzen werde. Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte wie ein Schritt zurück. Denn erst im Herbst 2003 wechselte Apple im letzten seiner Rechner den G3-Chip von IBM gegen einen G4-Prozessor von Motorola aus. Der von AppleInsider in das Spiel gebrachte Power PC 750 VX, den IBM für das dritte Quartal 2004 in Massen an Apple liefern könnte, baut jedoch auf der alten Architektur auf. Hallo? Geht's noch? Einmal iBook G4 und dann wieder zurück? Da wirken nicht einmal mehr die versprochenen Taktraten von bis zu 2 GHz und ein 4 MB großer Level-3-Cache als Innovationen.
Auf den zweiten Blick sieht die Entscheidung, die Apple getroffen haben könnte, gar nicht einmal so unvernünftig aus. Der neue Chip soll laut Apple Insider die gleiche Altivec-Implementation wie der als G5 bekannte Power PC 970 tragen, Motorolas Zeit als Chip-Lieferant für Apple scheint abgelaufen. Zu sehr hat der Mac-Hersteller unter dem in Schaumburg/Illinois angelaufenen Innovationsstau leiden müssen. Die Querelen hatten eigentlich schon 1999 begonnen, als Motorola keine Chips liefern konnte, die mit mehr als 500 MHz Taktrate arbeiteten. Bis Ende der Neunziger hatte die Kombination Apple/Motorola bei den Taktraten die Nase klar vor der Wintel-Welt, dann mussten Marketingexperten den "Megahertz-Mythos" erfinden, um den Rückstand schön zu reden.

Zuletzt war man in Cupertino darüber verärgert, dass der Partner keinen 1,5-GHz-Chip für das Powerbook liefern konnte, der Prozessor Power PC 7457 blieb in der Entwicklung stecken.
Apple hat ja gern Alternativen, IBM wird auf lange Sicht Motorola als Chip-Lieferanten ablösen. Motorola selbst wird sich womöglich ganz aus dem Geschäft mit Prozessoren für PCs zurückziehen, im Oktober hatte der scheidende Vorstand Christopher Galvin Pläne offenbart, die Halbleitersparte auszugliedern und die Firma stärker auf das Geschäft mit Handys auszurichten.

Apple feiert sein "Weihnachten" Anfang 2004 wohl etwas bescheidener, aber für den Sommer oder den Frühherbst steht dafür ein neues Fest: an: iBooks und iMacs mit neuem IBM-Prozessor, der vielleicht nicht mehr "G4" heißt, die versprochenen 3-GHz-Power-Macs-G5 und, zur besseren Abgrenzung gegenüber dem IBM-getriebenen iBook - das Powerbook G5 bescheren uns einen besinnlichen Advent im Sommer 2004.

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