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Die Freitagskolumne

09.01.2004 | 13:46 Uhr |

Was war das nun diese Woche mit der Macworld Expo? Top oder Flop? Zwei Macwelt-Redakteure im Streitgespräch.

Steiger: So, Müller, dann wollen wir mal. Soll ich Ihnen was sagen? Steve Jobs’ Keynote in diesem Schaltjahr war eine Farce. Zwei Stunden hat der Mann, der mit seinen Computer-Zeichentrickfilmen mehr verdient als mit Macs, auf der Bühne von Dingen erzählt, die da kommen sollen. Dabei hat sich doch jeder auf diese Keynote gefreut - was sind da für abenteuerliche Gerüchte durchs Internet, iPhone, iBox. Und was kommt? Überfällige Server mit neuem IBM-Prozessor. Eine Musiksoftware, bei der angeblich jeder zweite US-Bürger in Ohnmacht fällt. Und ein witzlos überteuerter Mini-iPod, den Jobs mit ebenso witzlosen Konkurrenzvergleichen in den Himmel lobt. Sogar das sonst so euphorische Publikum hat sich zurückgehalten, wahrscheinlich weil die Hälfte schon nach der ersten halben Stunde eingeschlafen ist.

Müller: Nun Steiger, Sie machen da den gleichen Fehler wie die meisten Mitglieder der Mac-Community, Ihre Erwartungen sind einfach zu hoch. Apple hat erst im Laufe des vergangenen Jahres seine Produkte vollkommen überarbeitet, nur Utopisten haben ernsthaft die genannten Killergeräte oder gar ein Powerbook G5 erwartet. Und warum sollte Jobs wertvolle Zeit damit verschwenden, ein Prozessorupgrade für den Power Mac G5 anzukündigen? Sicher, will er sein Versprechen vom 3-GHz-Mac in diesem Sommer erfüllen, ist es für Apple allmählich an der Zeit, Taktrate aufzustocken. Das wird auch innerhalb der nächsten Wochen geschehen, plötzlich und unerwartet, an einem Dienstag. Aber mal der Reihe nach: Was missfällt Ihnen eigentlich an Xserve und Xserve RAID? Diese beiden Maschinen sind derart sensationell, dass sie es nicht verdient haben, nur am Rande gestreift zu werden. Warum ist Ihnen der iPod mini zu teuer? Und was ist an GarageBand langweilig? Glauben Sie mir, zum Preis von 49 Dollar ist es wirklich angebracht, ihn Ohnmacht zu fallen - oder kennen Sie Vergleichbares?

Steiger: Pipperlapupp, Müller! Bei den Xserves hätte Apple mit IBMs Power4+-Prozessor, dem Vater des G5 sozusagen, eine echte Geheimwaffe gegen die Xeons, Itaniums und Opterons der x86-Welt gehabt. Und? Was machen die Techniker in Cupertino? Popeln den G5 auf das Board. Ist ja ganz nett, aber die haben nicht einmal versucht, zum Sprung auf den High-Speed-Computing-Zug aufzuspringen. Arm! Ganz arm! Und überhaupt zum Thema "Arm": iPod Mini, tolle Idee. 4 GB, okay, reicht für einige tausend Songs aus. Aber was haben sich die Strategen denn beim Preis gedacht? Angriff auf die Flash-Speicher-Player? Plödsinn! Eine Einstiegsdroge für die Apple-Produkte, das hätte der Mini-iPod werden müssen! Maximal 150 Dollar, das wären dann bei den seltsamen Umrechnungskursen von Apple immer noch 200 Euro gewesen, aber wir leben ja inzwischen damit. Und Garageband kann da bleiben, wo der Name herkommt: In der Garage, da wo ich’s nicht höre. Pfui!

Müller: Steiger, haben Sie eigentlich schon einmal an die Produktionskosten der Geräte gedacht? Nehmen wir einmal an, Apple hat seit Mai 2002 insgesamt 100.000 Xserve und Xserve RAID verkauft. Genaue Zahlen nennt Cupertino nicht, sondern subsummiert den Xserve in seinen Bilanzen unter "Power Mac". Eine Erfolgsstory ist die elegante Maschine nicht, das liegt daran, dass in den Racks der großen und mittleren Unternehmen ohnehin schon dutzende verschiedene Betriebssysteme ihren Dienst tun, Linux und all die Windows-Varianten. Kaum ein Admin wird sich den Schmerz antun, auch noch den Panther in seinen 19-Zoll-Käfig zu schrauben. Es sei denn, er baut den Schrank vollkommen neu. Und da sieht Apple, neben seiner installierten Server-Basis in Schulen, Universitäten und Grafikstudios, die große Chance. Die Biowissenschaften werden in den nächsten Jahren immer mehr boomen, neue Firmen schießen wie Pilze aus dem Boden. Und die brauchen Rechenpower ohne Ende. Xserve-Cluster, dafür hat Apple jetzt eine spezielle Version seines Servers vorgestellt, dominieren in wenigen Jahren diese Szene. Erst dann hat aber ein spezieller Server-Chip Sinn, oder glauben Sie, dass IBM den Power 4+ von Hand lötet? Ich würde mal sagen ein Xserve Power4+ oder dergleichen würde nach dem heutigen Stand der Chipproduktion gerne das Doppelte kosten, verständlich, dass Apple noch auf die Chips seiner Desktops auch im Server setzt.
Der Preis für den iPod mini sieht auch nur auf den ersten Blick zu hoch aus. Ich habe eben mal nachgesehen: das 1GB-Microdrive von Hitachi kostet im Zubehörhandel schon 190 Euro! Auch hier können wir davon ausgehen, dass die 4-GB-Platte noch nicht in einem Maß in Produktion ist, die einen deutlich niedrigeren Preis verspricht. Wir können aber auf das Mooresche Gesetz hoffen und darauf, dass auch Toshiba seine 1-Zoll-Festplatte bald in Serie fertigt, das wird den iPod mini vergünstigen. Der deutsche Preis von 299 Euro ist auch noch nicht in Stein gemeißelt, wenn im April der Euro sich den 1,40 Dollar nähert, wird Apple wohl deutlich heruntergehen. Inklusive Mehrwertsteuer könnten wir dann bei 229 Euro landen. Und das ist im Vergleich zu High-End-Rios und Konsorten, die auf mickrigen Flash-Speicher setzen, nicht mehr viel teurer. Und diesen Kundenkreis spricht Apple an. Wer einen Festplattenplayer will, der kauft einen iPod. Selbst wenn er von HP ist, verdient Apple daran.
Und noch was, Steiger: Garageband ist die Software, auf die Hobbymusiker weltweit gewartet haben, für die Pro Tools oder Logic zu umfangreich und kompliziert war. Steve übertreibt natürlich, wenn er die Software "in jedem zweiten Haushalt der USA" installiert sieht, aber Klappern gehört nun einmal zum Handwerk. Und auch darum ging es am Dienstag. Was ich nur fürchte: Nachdem die Leute nicht nur ihre besten Digifotos im Web ausstellen, sondern auch fürchterliches Geknippse, werden wir bald aus der Szene fürchterliches Geklimpere zu hören bekommen. Garageband ist ein Werkzeug, es kommt darauf an, wie man es einsetzt.

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