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Die Freitagskolumne

23.01.2004 | 14:13 Uhr |

Müller und Steiger unterhalten sich heute mehr oder weniger gelassen über den Sinn von Garageband, die mehr oder weniger zweifelhaften Ergebnisse, und die mehr oder weniger daraus resultierende Flut von musikalischen Superstars. Würg.

Steiger: MÜLLER! WAS IST DAS FÜR EIN KRACH? ZIEHEN SIE MAL IHRER KATZE EINS ÜBER DIE RÜBE, HIER WOLLEN LEUTE NOCH ARBEITEN!


Müller: STEIGER!? ICH HÖR SIE NICHT!? WÜRDEN SIE DAS BITTE WIEDERHOLEN? MEINE GITARRE SCHEPPERT GRAD SO LAUT!

Steiger: MÜLLER! WAS ZUM TEUFEL MACHEN SIE DA?

Müller: Ah. Jetzt höre ich Sie. Wie Sie sehen und hören arbeite ich gerade und teste Garageband auf Herz und Nieren. Ich muss sagen, trotz einiger Unzulänglichkeiten bin ich begeistert! Nach so einem Tool habe ich schon lange gesucht, um einige neue Riffs, Licks und Harmonien zu entwickeln. In Garageband lege ich mir einen schönen Beat vor, ein wenig Drums, ein paar Congas, einige Woodblocks und Cowbells, fertig ist der Groove. Dazu eine feine, und zurückhaltende Basslinie, deren von Apple vorgegebenen Töne ich mit der Maus noch leicht verändere und mein Akkordschema transponiere. Darauf habe ich im Funky-Style eine Fender eingespielt und jetzt probiere ich gerade mit einigen Fusion-Riffs mit einer Les Paul herum. Klingt gar nicht einmal so übel, der virtuelle Verzerrer des "Classic Rock" erinnert mich ein wenig an meinen Marshall daheim. Ich verspreche Ihnen aber, Steiger, dass ich gleich ins Testcenter zum G5 umziehe wenn der Herr Möller mit seiner Arbeit dort fertig ist. Mein iMac G4/800 meldet mir jetzt alle Nase lang, dass seine Festplatte mit meinem Tempo nicht mehr mitkäme und er deshalb die Aufnahme verweigere.

Steiger: Bender? Fusionsreaktor? Transpirieren? Müller, was zum Geier soll das werden? Wollen Sie jetzt in die Musikindustrie? Und legen Sie mal das Ding da weg, sonst geht das noch los und Sie verletzten jemanden. Ihren iMac haben Sie ja schon fertig gemacht, das arme Ding. Und so eine gefährliche Software verkauft Apple an Leute unter 18 Jahren? Ist ja fahrlässig. Wieso heißt der ganze Schmonz nicht einfach "iDeath '04", wäre doch viel passender!

Müller: Steiger, ich habe schon gefürchtet, dass sie keine Ahnung von Musik haben. Dabei ist gerade dabei Ihre und meine Lieblingsfirma Apple die Welt der digitalen Musik von Grund auf zu revolutionieren. Wissen Sie noch, wie einige Skeptiker vor 27 Monaten die Augen verdrehten, als der iPod kam? Alle hätten doch auf einen Newton-Nachfolger spekuliert, Apple werde schon wieder einen Flop produzieren. Aber Steve Jobs hat erneut die richtige Vision gehabt. Der "klassische" PDA ist tot, von Smartphones, Subnotebooks, 12-Zoll-Powerbooks und dergleichen abgelöst, aber getreu dem Motto "Music was my first love and it will be my last" hat der iPod ein Millionenpublikum gefunden. Apple verstärkt den Absatz mit dem ersten und besten legalen Musikdownloaddienst und jetzt demokratisiert Apple sogar die Produktion von Musik. Wie die große Patti Smith (naja, aber immerhin über 1,50m!) vor ein paar Wochen der Süddeutschen Zeitung in einem Interview für die SZ am Wochenende erklärte, ist Rock'n Roll die wahre Volksmusik unserer Tage. Jeder kann drei Akkorde lernen und sich auf der Gitarre ausdrücken. Mit Garageband hat nun Apple ein Tool herausgebracht, das alle Macianer nutzen können, um ihrer musikalischen Kreativität freien Lauf zu lassen. Sie werden sehen, eine vollkommen neue Art von "Volksmusik" entsteht, Garagebandfans werden ihre Werke öffentlich im Internet ausstellen, so wie es Digital-Fotografen heute schon mit ihren Bildern machen. Das ist das endgültige Ende der Großen der Musikindustrie, die mit Nichtskönnern belanglose Schlager produzieren, die den vermeintlichen Massengeschmack treffen. So wenig, wie der Musikantenstadl und Karl Moik mit Volksmusik zu tun haben, so wenig haben Sony, BMG, Universal und die anderen mit Rock'n Roll zu tun. Steve Jobs gibt die Musik dem Volk zurück.

Steiger: Oh mein Gott, genau das befürchte ich! Millionen von Anwendern stellen ihre pseudo-musikalischen Ergüsse ins Internet. Zum Herunterladen. Stell dir vor, die Welt sucht einen Superstar - und kein Schwein interessiert's! "Meine Gitarre und ich im Keller". "Mein Keyboard, bei meinem Geburtstag". Zu jeder Lebenslage ein mehr oder weniger passender Song. Stellen Sie sich das Horrorszenario mal vor! Jeden Tag durchleben Menschen in der modernen Welt negative Situationen: Verlorene Liebe, verlorenes Geld, Steuererklärung, Florian Gerster, Autobahn-Maut! Müller, das wird gefährlich! Millionen von Blues-Songs im Internet, frei zum herunterladen, Unterstützung für den eigenen Blues! Müller, das endet irgendwann noch im Massensuizid! Müller, tun Sie was! Und außerdem, Müller, habe ich sehr wohl Ahnung von Musik! Kommen Sie mir nicht mit Zitaten von John Miles! Der würde sich im Grabe umdrehen, wenn er mit Garageband seine Hits hätte produzieren müssen!

Müller: Glücklicher Weise weilt John Miles ja noch unter uns. Und ich habe ja auch nie behauptet, dass Garageband eine Profisoftware ist. So kann man immer nur ein Instrument gleichzeitig aufnehmen, was für Demozwecke ja vollkommen okay ist. Profis, oder solche, die es werden wollen, verwenden andere Tools. Und das ist ja auch der Sinn und Zweck der Übung: Apple fixt die Leute mit einem fast geschenkten Produkt an, die sich dann gleich einen schnelleren Rechner leisten - und wenn sie schon einmal dabei sind - dann auch noch gleich Logic Pro oder Logic Express. Auch Banausen wie Sie, die sich ihre Hintergrundmusik für iPhoto oder iMovie selbst zusammenklicken, finden ihre Freude an Garageband. Solange, bis sie alle 1000 Loops kennen und zu Soundtrack für 200 Dollar greifen. Und ich glaube immer noch an das Internet als demokratische Institution. Es wird dort kaum jemand sinnloses Gedudel, fürchterliches Geheule oder Bontempi-Bläser-Riffs online stellen, die Qualität auf den Foto-Community-Sites ist ja auch überraschend hoch - vor allem, wenn ich das Gros meiner rund 25.000 digitalen Fotos denke. Nur zwei Sachen habe ich an Garageband noch nicht verstanden: Warum gibt es neben dem Exportknopf für iTunes nicht auch gleich die Option, die Sachen in einen für Garagenbands frei gehaltenen Bereich des iTMS einzustellen? Und warum klingen die Bläser so schauderhaft? Muss ich etwa wirklich die Trouble-Horns, den druckvollsten Bläsersatz seit den Posaunen von Jericho, reaktivieren? Im Gegensatz zu den Bohlens und Superstars dieser Welt haben die ihr musikalisches Handwerk wenigstens verstanden.

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