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Die Freitagskolumne

06.02.2004 | 13:53 Uhr |

Steiger und Müller sind sich wieder einmal uneins. Bringen Apples Open-Source-Aktivitäten nur Vorteile, ist das Ganze ein Etikettenschwindel und welche Chancen und Risiken birgt quelloffene Software?

Müller: STEIGER! Apple ist unverschämt. Safari 1.2 läuft nur unter Panther, den ich mir derzeit nicht leisten will, und Safari 1.0 produziert auf meinen Lieblingswebsites zu viele Fehler. Ich dachte, der Browser komme aus der Open-Source-Gemeinde? Oder sind diese freien Programmierer mittlerweile auch so gestrickt wie Microsoft? Was bringt dann eigentlich noch Open Source außer Pfuschereien von einem Haufen von Chaoten?

Steiger: MÜLLER! Wen nennen Sie hier Chaot? Gucken Sie sich mal Ihren Schreibtisch an! Was Sie da machen ist Open Trash! Open Source ist geordneter als so manche Sitzung in unserem geliebten Bundestag, dem Chaotenhaufen schlechthin. Also, machen Sie nicht so einen Alarm. Und außerdem: Wenn Safari eine Seite nicht darstellen kann, liegt das nicht an Safari, sondern am Aufbau der Seite! Wer sich damit auskennt, gestaltet seinen Auftritt W3C-konform. Und wer sich nicht damit auskennt, soll gefälligst in die Gelben Seiten gucken.

Müller: Was ist Ihrer Meinung denn "ordentlich" an Open Source? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Da hat ein Programmierer eine Idee, stellt den Quellcode ins Netz, andere Programmierer bauen daran herum, haben andere Ideen und was am Ende rauskommt - das muss doch reichlich verwässert sein. Softwareentwicklung geschieht doch normaler Weise nach einem strengen Projektplan, der Projektleiter nimmt strenge Versionskontrolle vor, damit niemand doppelte Arbeit hat und das fertige Produkt dient dem Ziel des Unternehmens, nämlich Gewinn zu machen um damit auch zukünftige Programmierer zu ernähren. Wenn ich jetzt aber meine, einen flotten Browser haben zu wollen, der auch schlecht programmierte Websites akkurat darstellt, aber auf einen von niemanden geleiteten Pool von Programmierern treffe, die alle unterschiedliche Ziele haben, da ist es doch fast zwangsläufig, dass wir am Ende einen Text-Editor erstellt haben, der beim Erstellen von fürchterlichem Java-Script hilft?

Steiger: Müller, Sie haben mal wieder keine Ahnung. Ein Open-Source-Projekt läuft mindestens so geordnet ab wie eine professionelle Veranstaltung bei Apple oder Microsoft. Oder meinen Sie, Mozilla, der Open-Source-Browser schlechthin, hätte es im Chaos-Modus so weit gebracht? Gucken Sie sich das Ding mal an! Was da alles drin steckt! Der Hammer! Und kein Schwein will dafür Geld haben! Das ist übrigens auch ein Vorteil von Open Source: Es verhindert die zwangsläufige Klassengesellschaft im Netz - die einen haben Geld und können sich die neuesten Techniken geben, der Rest eiert mit veraltetem Kram herum. Ne, Müller, nicht mit Open Source! Da ist Evolution beabsichtigtes Allgemeingut! Wohlstand für alle! Ungefähr das, was unser Kanzler verzweifelt versucht auf die Reihe zu bekommen. Vielleicht sollten wir ihm mal "Open Government" vorschlagen. Jeder kann an Gesetzen herumschrauben, bis alle was davon haben. In der Wirtschaft nennt man so was "Win/Win-Situation". Ja, Müller, da können Sie noch was lernen, von Open Source!

Müller: Steiger, ich fürchte, Sie sind reichlich naiv! Open Government, davon haben ja auch schon diejenigen geträumt, die Gefallen an den Gesellschaftstheorien von Marx und Engels hatten. Und was ist passiert? Alle Macht dem Volke? Dass ich nicht lache! Cliquen rissen die Macht an sich, ob jetzt nun die Produktionsmittel in der Hand des "Kapitals" sind oder in der weniger Eingeweihter , ist letztlich egal. Und die Ökonomie-Geschichte hat gezeigt, dass der Kommunismus, so wie er letztendlich zur Ausführung kam, noch weniger taugte als die Marktwirtschaft. Von wegen Win/Win-Situation! Und was macht jetzt Apple? Tarnt sich mit pseudoromantischen Sozialkitsch á la Open Source pappt aber nur das Etikett auf Safari drauf. Die Methoden, mit denen unser Lieblingshersteller dann das Produkt auf den Markt wirft, ähneln denen des Manchester- und Redmond-Kapitalismus.

Steiger: Müller, nun mal halblang. Sicherlich hat der praktizierte und zusammengebrochene politische Kommunismus nicht funktioniert. Und woran lag das? Kein Schwein wusste Bescheid! Im Internet bei Open Source ist das anders - da weiß der Typ der die Kommentarzeilen schreibt genau, welches Problem der andere Typ mit der Darstellung von Java Script hat, zum Beispiel. Und wenn dem Kommentar-Mensch die Problemlösung im feuchten Traum ins Hirn fällt, schickt er dem Java-Script-Mann eine Mail, sagt Bescheid - und !ZACK! Win/Win! Und wer keine Ahnung hat, hält sich aus dem Kram raus, genießt die Umsetzung der tollen Ideen der anderen. Ich gebe Ihnen Recht, Apple betreibt mit Safari teilweise unverschämten Etikettenschwindel. Allerdings liegt das Problem nicht beim Open-Source-Prinzip, sondern bei den Leuten, die in Cupertino auf den Geldsäcken sitzen. Genau die Herren mit den Schlüsseln zu den Geldspeichern kommen dann auf die Idee: "Hey, Safari 1.2, geile Software, darf aber nur mit Panther funktionieren." Und bedenken Sie: Stevie-Boy lernt von der Konkurrenz! Er steht mit Bill im regelmässigen iChat-Kontakt, darauf würde ich wetten. "Hey, Bill, guck mal, unser neuer Browser ist fast so schnell wie euer Internet Explorer auf dem PC..." - "Toll, Steve, aber vergiss nicht, dafür Kohle zu verlangen!" Macht dann Steve zwar nicht direkt, aber eben geschickt durch die Hintertür. Und das ist sicherlich nicht Open Source. Das ist Open Beschiss, wenn man genau hinguckt!

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