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Die Freitagskolumne

12.03.2004 | 12:51 Uhr |

Technologiefolgenabschätzung ist ein heikles Geschäft. In seiner Sorglosigkeit und Irrationalität ist der Mensch von Ingenieuren immer unkalkulierbar bei der Einschätzung von Risken. So manche Technik sieht sich zweckentfremdet, nicht nur der iPod.

Wenn es nicht eine schön erfundene Urban Legend ist, sollte sich Apple aufgrund der restriktiven US-amerikanischen Produkthaftungsgesetze in Acht nehmen, denn der iPod gefährdet Leib und Leben. Wie die Website Liquidgeneration.com berichtet oder auch frei erfindet, dient Apples digitaler Musikplayer formidabel als Mordwaffe. In Memphis, Tennesse, nahm die Polizei vergangene Woche die 23jährige Arleen Mathers fest, die mit ihrem iPod ihren 27jährigen Freund Brad Pulaski erschlagen haben soll. Die tödlichen Verletzungen fügte die Frau ihrem Lebenspartner in Folge eines Streits zu, dessen Auslöser die Neuformatierung des Mather'schen iPods durch Pulaski gewesen sein soll. Wie die Obduktion seiner Leiche ergeben habe, starb Pulaski an mehreren Dutzend Schlägen mit einem stumpfen, metallischen Gegenstand in das Gesicht und auf die Brust. "Er hat eine Weile gebraucht, um zu sterben", urteilt der Pathologe und bezichtigt damit die mutmaßliche Mörderin der minutenlangen Schlägerei.
Wir wollen nicht hoffen, dass Apple nun eine Klage der Hinterbliebenen an den Hals bekommt, schließlich preist der Mac-Hersteller seinen Verkaufsschlager als besonders stabil und gibt zu, dass er teilweise aus Eisen besteht (Aha! Stumpfer Metallgegenstand!)
Apple hat aber nirgends einen Warnhinweis angebracht, dass man Menschen vom Leben zum Tode befördern können, wenn man dutzendfach mit dem iPod auf sie eindrischt - an sich gehörte ein solches Gerät unter das Waffenkontrollgesetz eingeordnet und an jedem Flughafen konfisziert.

Zugegeben, das ist ein wenig übertrieben, unseren Recherchen zufolge werden auch in den von Produkthaftungsgesetzen geplagten USA Vorschlaghämmer ohne Gebrauchsanweisung, die deren Verwendung nur im Zusammenhang mit Nägeln und dergleichen beschränkt, verkauft.
Jede neue Technologie bringt aber nicht nur Vorteile in Form von Arbeitserleichterungen oder Wirtschaftswachstum, die Risiken, besonders bei Missbrauch, stehen dagegen. Mobilfunk gibt ein schönes Beispiel. Die meisten von uns wissen heute nicht mehr, wie sie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren ohne Handy leben konnten. Auf der anderen Seite bekommen immer mehr Menschen Angst vor den Technologiefolgen, insbesondere, wenn sie nahe eines Sendemastes wohnen. Beide Seiten des Konflikts neigen gerne zur Übertreibung. "Ja, ich bin jetzt in der S-Bahn. Ja, in der 18.04 in Gröbenzell, wie jeden Tag. Brauchen wir noch was vom Supermarkt? - Ach, du warst schon einkaufen? - Ach so, wie jeden Tag." hört man - fast jeden Tag - die Mobilfunksüchtigen in ihr Lebenselixier hinein brabbeln. Auf der anderen Seite sprechen einige Mediziner schon von einem umgekehrten Plazebo-Effekt durch Elektrosmog. Obwohl bislang - auch wegen fehlender Langzeitdaten - keine Zusammenhänge zwischen Sendemasten und Erkrankungen gesichert sind - klagen manche Technikskeptiker über ernsthafte Symptome, wenn sie nur an eine krank machende Wirkung der Handystrahlen glauben.

Echte Gefahren für die geistige Gesundheit gehen vom Internet und seinen neuen Kommunikationsmöglichkeiten aus. In vermeintlicher Anonymität wird per E-Mail, Instant Message oder Posting munter drauf los beleidigt, das Gegenüber sieht einen ja nicht und kann des Urhebers der Verbalinjurie nicht habhaft werden. Manchmal ist es einfach nur der fehlende Kontext der Stimmmodulation oder der Mimik, die ein Scherzwort beim Rezipienten zur handfesten Beleidigung werden lässt. Als Nachteil erweist sich zudem die Schnelligkeit und die Flüchtigkeit der Kommunikation. Eine E-Mail ist schnell geschrieben und abgeschickt, so manch geharnischter Brief fiel aber früher auf dem Weg zum Briefkasten noch der freiwilligen Selbstkontrolle zum Opfer. Dumm am Internet ist zudem, dass sich kleinere Bedienungsfehler schnell zu einem gewaltigen Problem aufschaukeln können. Großbritannien lacht derzeit, von seiner gnadenlosen Boulevardpresse angefeuert, über solch einen Schnitzer bei der Internetnutzung. Eine 25jährige Jungmanagerin schrieb auf der Rückreise von einem geschäftlichen Termin in Australien ihrem Freund eine sehr intime Botschaft per elektronischer Post, dummerweise in einer Antwort auf eine seiner Mails, die auch an rund 30 Bekannte und Freunde gegangen war. Statt "Antworten" klickte die junge Frau auf "Allen antworten", einer der Bekannten erwies sich wohl als falscher Freund oder Boulevardjournalist (was im Vereinigten Königreich wohl das gleiche ist) und so landete der Softporno in der Yellow Press.

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