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Die Freitagskolumne

02.04.2004 | 14:22 Uhr |

Den Gigahertz-Wahn machen Steiger und Müller nicht mehr mit. Dennoch fragen Sie sich, warum Apple den Begriff des "Gigahertz-Myth" nicht mehr bemüht.

Müller: Steiger! Was haben Sie da für eine Kiste auf dem Schreibtisch stehen? Das ist doch kein Computer! Mit seinen riesigen Kühlrippen und den nierenförmigen Lufteinlässen an der Vorderseite sieht mir das Gerät eher nach einem in Bayern produzierten Kraftfahrzeug der oberen Mittelklasse aus!?

Steiger: Müller, Sie haben mal wieder gepennt! Haben Sie nicht gehört? Das Gigahertz-Rennen ist endlich vorbei! Und wissen Sie, wer die Zielflagge geschwenkt hat? Herr Intel! Aber sowas von höchstpersönlich! Und das hier auf meinem Tisch ist kein Rechenknecht aus dem Hause mit den drei Buchstaben, die grundsätzlich Freude am Fahren haben wollen, sondern ein niegelnagelneuer 732er PC! Ja, Müller, Sie dürfen mit Ihrem G5 jetzt vor Scham im Boden versinken!

Müller: Steiger, Sie verwirren mich. Ich erkenne doch einen 732er, wenn ich ihn auf der Straße sehe, aber das ist doch ganz eindeutig ein Windows-Notebook, das auf einem Pentium M mit 1,7 Gigahertz basiert. Warum sagt Intel das nicht mehr so? Jetzt lagen sie jahrelang im Rennen um den schnellsten Chip vorne und kaum schickt sich Apple an, die legendäre "Megahertzlücke" zu schließen, kneift der Weltmarktführer. Ein ganzes Jahrzehnt haben uns jetzt Werber die Parole eingebläut von wegen "viel hilft viel" und dem gemeinen Verbraucher eine klar definierte zahl an die Hand gegeben, mit der er Rechner untereinander Vergleichen konnte. Und das soll jetzt alles nicht mehr wahr sein? Gut, Apple hat sich in der Vergangenheit damit herausgeredet, die Sache mit der Taktrate sei ein Märchen, vielmehr müsse man die gesamte Prozessorarchitektur mit Cache und Busgeschwindigkeit berücksichtigen. Aber erinnern Sie sich an die Premiere des G5 im vergangenen Juni? Da hat seine Heiligkeit St. Jobs doch groß getönt, man werde innerhalb der nächsten 12 Monate die 3 GHz Taktrate erreichen, vulgo, im Gigahertzrennen zu Intel aufschließen. Gut, ein Fünfer-BMW lässt sich nur schwer mit einem Siebener vergleichen oder gar mit der C-Klasse von Daimler-Chrysler, aber deshalb verzichten doch die Autohersteller nicht auf die Angabe der PS? Steiger, welche Teufel reiten den Herrn Intel dieser Tage?

Steiger: Müller, Sie haben mal wieder nichts verstanden. Ein 732er ist übrigens kein Pentium M, sondern in meinem Fall ein Pentium 4 Extreme Edition mit Hyperthreading. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Zusatzfunktionen! Inzwischen verkaufen sich die PC-Prozessoren nicht mehr allein durch eine höhere Taktfrequenz. Das haben schon vor längerer Zeit die schlauen Nerds bei Intel prophezeit. Genau aus dieser Befürchtung heraus fummeln die Techniker immer mehr proprietäre Funktionen in die Prozessoren, um sie vermeintlich schneller zu machen. Hyperthreading zum Beispiel - hört sich super an, marketingtechnisch. Ist sowas wie eine Softwareemulation eines zweiten Prozessors, muss aber auch dementsprechend von einer Software unterstützt werden. Im Moment sind das hauptsächlich Spiele, die bei State-of-the-Art-3D-Grafik noch ein paar Bilder pro Sekunde mehr heraus holen können. Technisch betrachtet ist Hyperthreading genial: Jeder Prozessor kann eine bestimmte Anzahl von Befehlen gleichzeitig verarbeiten und lädt sich dazu seinen Zwischenspeicher voll. Zwischendurch kann es aber passieren, dass dieser Zwischenspeicher wegen eines nicht erwarteten Ergebnisses oder aus sonst irgendeinem Grund nicht bis zum Rand gefüllt ist. Diese Löcher nennen die Techniker "Pipeline Bubbles" und sind Gift für die CPU - statt zu arbeiten, wartet das Ding auf neue Kommandos, bekommt aber nur "Luftblasen". Hyperthreading füllt diese Blasen mit sinnvollen Nebenaufgaben, womit sich die Auslastung des Prozessors drastisch erhöht. Theoretisch zumindest. Und so kann ich in Zukunft gleich anhand der Nummer erkennen, was Sache ist. Und mal ehrlich, Müller, Apple hat’s mit dem G5 ja richtig gut - einprägsamer Name, kann sich jeder merken. Aber "Pentium 4 Extreme Edition mit Hyperthreading"? Wie soll das denn Otto Normalverbraucher überhaupt aussprechen? Und wenn er es aussprechen kann, dann aber ordentlich feucht! Nee, dann doch lieber ein elitäres "732er" beim nächsten PC-Kauf.

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