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Die Freitagskolumne

16.04.2004 | 14:51 Uhr |

Steiger und Müller haben verschiedene Meinungen darüber, was die Bilanz seines zweiten Geschäftsquartals für die Zukunft des Mac-Herstellers bedeutet - und was von der Konkurrenz zu erwarten ist.

Müller: STEIGER! Haben Sie das gelesen? In der Mac-Szene sind wir bald aller unserer Sorgen ledig. Apple macht ein Umsatzplus von 29 Prozent und verdreifacht seinen Gewinn gar, der Aktienkurs schießt in die Höhe! Es ist ja leider nicht gern gesehen, wenn wir Journalisten, die wir schwerpunktmäßig über diese Firma berichten, Apple-Aktien besitzen, das hätte etwas von Insidergeschäften. Aber wenn dem nicht so wäre, vorgestern hätte ich mein komplettes Vermögen in AAPL gesteckt und wäre heute um zehn Prozent reicher! Wenn das so weiter geht mit dem Bullenmarkt an den Börsen, kann endlich das Krisengeschwätz aufhören! Steiger, nun machen Sie doch nicht so ein griesgrämiges Gesicht .

Steiger: MÜLLER! SIE SACK! Wie können Sie meine geheime iSight-Webcam powered by Evocam einfach veröffentlichen? Abgesehen davon darf ich ein griesgrämiges Gesicht machen: Ich kann die derzeitige Apple-Euphorie in keinster Weise teilen. Haben Sie sich mal die einzelnen Produktverkaufszahlen angesehen? Ein Witz! Weniger iMacs, noch weniger eMacs und noch viel weniger Powermacs. Von den verspäteten Xserves G5 wollen wir lieber gar nicht erst reden. Womit macht Apple Kohle? Mit iPods. Und mit Software. Und Computer spielen in Cupertino wohl nur die zweite Geige - oder wie erklären Sie sich die popeligen Updates der eMacs? Mann, habe ich gelacht! Wer kauft die Dinger? Ne, also, ich wünsche Apple eine glorreiche Zukunft, aber im Moment bewegen wir uns massiv auf iPod Inc. zu, Müller.

Müller: Steiger, Sie täuschen sich. Gut, erstmals in seiner Geschichte hat Apple mehr iPods als Macs verkauft, weswegen wir auf Synonyme erpichte Schreiber allmählich den Terminus "Mac-Hersteller" in Frage stellen müssen. Und, ja, IBM hat im vergangenen Quartal mit 1,6 Milliarden Dollar fast so viel Gewinn gemacht wie Apple Umsatz, aber Intel, das seinen Gewinn um 89 Prozent auf 1,7 Milliarden Dollar erhöhen konnte, enttäuschte dennoch die Anleger. Bei Apple ist im wahrsten Sinne Musik drin. Der iPod verkauft sich wohl nur deshalb so sensationell, da er auch auf Windows-PCs läuft, aber er ist das trojanische Pferd schlechthin. Immer mehr von DOSen gefrustete Anwender stellen fest, dass Apple coole und leicht zu bedienende Hardware baut. Sehen wir's doch mal so: 170.000 verkaufte Power Macs im zweiten Quartal sind gar nicht mal so schlecht, wenn IBM seine Prozessoren schneller liefern würde, wäre mit Xserves G5 das Ziel von 200.000 abgesetzten Einheiten leicht zu erreichen gewesen. Und das passiert dann im jetzt angelaufenen Quartal, jede Wette. Zudem wird der eMac abgehen wie eine Rakete, bei 999 Dollar für einen Superdrive-Rechner muss man einfach zugreifen! Infolge dessen wird demnächst auch der iMac im Preis fallen, da bin ich mir ganz sicher.

Steiger: Ach, Müller, Sie haben ja keine Ahnung. Blind vor Apple-Fanboytum. Haben Sie im vergangenen halben Jahr schon mal richtig mit einem aktuellen Windows-XP-PC gearbeitet? Mit den richtigen Tools und Erweiterungen zaubern Sie aus diesem oft gescholtenen Betriebssystem eine stabile und ordentliche Arbeitsplattform. Windows XP, dazu "Style XP" um die Oberfläche ein wenig angenehmer im Panther-Stil zu halten, dazu noch das Chat-Multitalent Trillian, damit ich meine Kontakte in AIM, Yahoo und ICQ gleichzeitig anfunken kann, gefolgt von iTunes für die MP3-Sammlung, und für die Videos und Streams aus dem Internet darf der Real Player 10 herhalten, ein wahrlich feines Stück Software. Ich kann dieses militante Rumgehacke auf Windows ohnehin nicht nachvollziehen - ich darf da nur mal einen meiner Lieblingskabarettisten, Dieter Nuhr, zitieren: Wenn man keine Ahnung hat - einfach mal Fresse halten.

Müller: Dieter Nuhr? Der Kamerun-Nuhr? Sie wissen ja noch: "Bei der WM (98, in Frankreich) hab' ich mir das Spiel Österreich gegen Kamerun angesehen. Muss man sich mal vorstellen: auf der einen Seite - fremde Menschen, wilde Riten, wüste Rituale, auf der anderen: Kamerun." Da sehen Sie doch, wie ernst man den Mann nehmen kann. Ich gebe zu, ich habe nicht soviel Erfahrung mit Windows, ich brauche meinen Rechner nämlich zum Arbeiten und nicht zum Spielen von Ego-Shootern (allein das Wort!) oder zum Herumfummeln in verfrickelten Systemeinstellungen. Wenn ich eine Pantheroberfläche haben will, dann greife ich besser zum Original. Wenn ich eine Fensterverwaltung a la Expose haben will, brauche ich keine Shareware, die mir mein XP womöglich instabil macht. Ich verwende ab und an ein Dell-Notebook, aber nur unter Protest und mit Grausen. Aber zugegeben, beim Mac weiß ich, was wo ist, bei Windows nervt mich die ewige Suche nach vertrauten Funktionen und Shortcuts.
Außerdem habe ich keine Lust, drei teure Abos von Norton, Sophos und McAfee zu unterhalten, die mich teilweise täglich mit Updates für Virendefinitionen versorgen müssen. Ich habe keine Lust, die Mailbox voller "I love You"s und anderer Plagegeister voll zu haben. Und ich stehe auf den Coolness-Faktor. In schlechteren Gegenden soll man ja schon die Ohrhörer seines iPods wechseln, der elegante Player von Apple ist jetzt auch bei Straßenräubern in New York, Rio und Tokio Favorit. Ob das von Microsoft angedrohte Konkurrenzprodukt ähnlichen Kultstatus erreicht? Wohl kaum. Innovate, don't immitate - das wird Microsoft wohl nie verstehen. Oder haben die Redmonder Longhorn auf 2006 verschoben, weil ihnen ausnahmsweise mal selbst etwas einfällt? Eher nicht, der XP-Nachfolger kommt in einer abgespeckten Version. In einem Punkt teile ich jedoch Ihre Meinung: Real Player 10 ist cool! Aber die Jungs von Real Networks gehören jetzt ja auch zu den Guten, nachdem sie Apple eine Allianz gegen Microsoft angeboten haben.

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