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Die Freitagskolumne

23.04.2004 | 13:00 Uhr |

Steiger und Müller gehen am heutigen Tag des Biers der Frage nach, ob mehr auch wirklich mehr hilft oder ob nicht doch die Technik entscheidend ist.

Müller: STEIGER! Was haben Sie da für ein Monster in der, nein, auf dem Schreibtisch? Da biegen sich ja die Bohlen! Meinen Sie wirklich, Sie könnten mit diesem Gerät gegen meinen G5 Dual 1,8 GHz anstinken? Haben Sie beim Erwerb dieses unhandlichen Dings wenigstens zwei Trägersklaven extra bekommen? Die Maschine kann ja kein Mensch heben, geschweige denn, für seine Zwecke einrichten.

Steiger: MÜLLER! Hände weg von meinem Xserve! Und erst recht die Griffel vom Xserve RAID fern halten! Ich musste mir ob Ihres Hardware-Größenwahns ja ein anständiges Gegenmittel einfallen lassen, und Apple hat mir für diesen Zweck freundlicherweise einen Dual-G5-Server und ein Raid-Dingens mit 3,5 Terabyte Speicherplatz geschenkt. Lassen Sie sich das auf dem Bart zergehen: 3,5 Terabyte! Das sind... äh... so ungefähr 3500 Megabyte, grob geschätzt! Ich mache jetzt meinen eigenen Online-Store auf! Ich muss mir noch ein Business-Modell ausdenken. Vielleicht eine Konkurrenz zu einem Versender von künstlichen Bärten . Verkleiden ist immer gefragt. Wenn nicht an Karneval, dann decke ich den Bedarf des Militärischen Abschirmdienstes bei der täglichen Terrorbekämpfung. Und wenn alles nichts hilft, strebe ich den ersten Platz in der Seti@Home-Dauerrechner-Highscore-Liste an. Ich sehe schon den Eintrag vor mir: Platz 1 - Steiger - Xserve G5 Dual 2 GHz. Müller, ich werde berühmt!

Müller: Steiger, so wird das nichts mit Ihrer Karriere als Geschäftsmann. Sie können ja nicht einmal rechnen. 3,5 Terabyte sind nämlich nicht "ungefähr 3500 Megabyte" sondern exakt 3.584 Gigabyte. Sie haben nicht nur eine Tausenderstufe übersprungen, sondern zudem noch vergessen, dass in der Computerindustrie die Stufen nicht exakt in Tausendern gemessen sind, sondern mit dem Faktor 1.024 skalieren, was gleich 2 hoch 10 ist. Ihr Xserve-RAID hat also 1.024 mal mehr Speicher, als Sie ursprünglich dachten. So viele Bärte kann Ihnen nicht einmal das Cinema-4D-Plug-in "Shave and a haircut" rendern, damit die Platten voll werden. Wozu brauchen Sie die Dinger dann? Sie werden mit soviel Speicher im Kreuz auch nicht schneller arbeiten. Ich gehe ja auch nicht mittags schon nach Hause, bloß weil mein neuer G5 doppelt so schnell arbeitet wie die alte Mühle. Im Tippen bin ich nach wie vor zu langsam und im Denken, aber, na lassen wir das besser. Sie können mich mit ihrem etwas schnelleren Prozessoren und den überflüssigem Speicherplatz überhaupt nicht beeindrucken. Wir wissen doch: Die Größe zählt gar nicht, sondern die Technik.

Steiger: Müller, Sie haben mal wieder nichts verstanden! Als Geschäftsmann ist es nicht nötig, rechnen zu können. Prominente Beispiele gibt es doch in den Wirtschaftsnachrichten jeden Tag! Deutsche Bank, Daimler Chrysler, Toll Collect! Alle diese Geschäftsmänner bekommen durchschnittlich keine zwei Millionen Euro im Jahr, um fummelige Rechnungen zu machen. Nein, Müller, die Jungs sitzen da, weil sie groß denken! Heute die Börse, morgen die Welt! Beherrschen, kontrollieren! Sowas ist uns Männern doch in die genetische Wiege gelegt. Bush! Nehmen Sie Bush! Rhetorisch eine einzige Katastrophe! Ist darüber glücklich, dass Importe in die USA hauptsächlich aus dem Ausland kommen. Oder dass mit dem Beginn des Rennens zum Mars der Mensch endlich bereit ist, das Universum zu betreten. Und der Mann regiert die Weltmacht schlechthin! Und da reiten Sie auf meinem kleinen Berechnungsfehler rum? Sie haben das System nicht kapiert! Sie werden ewiger Bartträger bleiben! Womit Sie sogar als Kunde für meinen Online-Shop flach fallen!

Müller: Steiger, in welcher Welt leben Sie eigentlich? Bush ist zwar Präsident der USA, aber von Regieren kann keine Rede sein. Da zieht eine Kamarilla aus der US-Ölindustrie im Hintergrund die Fäden. Die denken natürlich groß, wollten sich die gigantischen Erdölvorräte des Irak sichern und haben deshalb ihren Commander-in-Chief den Krieg vom Zaun brechen lassen. Der Schuss geht aber nach hinten los. Wie alles auf diesem Planeten sind die Erdölvorräte endlich, und je größer man denkt - riesige Geländewägen in Megastaus der Stadtautobahnen von Riesenstädten - desto kürzer werden diese reichen. Zudem wird Bush sein Amt im November verlieren - wegen des reichlich missglückten Wüstenabenteuers. Vielleicht kann er ja dann die erste Kapsel in Richtung Mars besteigen. Da haben wir Physiker zwar indirekt Wasser nachgewiesen, Öl dürfte der rote Planet aber nicht unter seinem Staub verborgen haben. Also, steigen Sie lieber von Ihrem hohen Ross herunter (drei Euro in das Phrasenschwein). Hochmut kommt nämlich vor dem Fall (nochmal drei Euro in das Phrasenschwein, das macht dann - äh - sechs Euro). Fallen Sie nicht dem Größenwahn anheim, wer soll denn Ihnen so viele Bärte abkaufen wollen, vor allen Dingen das Chaplin-Modell? Ihren winzigen Shop könnten Sie eigentlich auch auf einem iBook hosten, wozu dann die ganze Technik? Erinnern Sie sich an das Platzen der Dotcom-Blasen vor drei Jahren? Da haben einige Leute wohl doch zu groß gedacht - jetzt, wo das Internet dank Breitband immer attraktiver wird als Marktplatz, sind nur noch wenige Anbieter übrig geblieben und die machen jetzt gute Geschäfte. Weil sie schon vor fünf Jahren realistisch gedacht und gearbeitet haben, und nicht dem Größenwahn anheim gefallen sind.

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