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"Die Verbraucher interessiert das nicht"

10.12.2002 | 10:26 Uhr |

Die Industrie macht nicht mit: Das Ökolabel "Blauer Engel" für strahlungsarme Handys droht zum Flop zu werden.

Weihnachten naht, und auf dem Wunschzettel vieler Kinder und Jugendlicher dürfte auch dieses Jahr wieder ein neues Handy stehen. Gut für besorgte Eltern, dass es seit einem halben Jahr den "Blauen Engel" für strahlungsarme Mobiltelefone gibt - sollte man meinen. Doch auch nach sechs Monaten trägt kein einziges Handy das Umweltsiegel. Die Produzenten boykottieren den "Blauen Engel" geschlossen, und das wird sich nach Aussage ihres Branchenverbandes Bitkom auch nicht ändern. Das Ökolabel für Mobiltelefone droht zum Flop zu werden.

Im Juni feierte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den damals neuen "Blauen Engel" für Handys als "positives Signal für Wirtschaft und Verbraucher" - schon da hatten die Hersteller ihren Boykott angekündigt. Trotzdem lobten sich SPD und Grüne noch im Oktober für ihren Beitrag zu "Umwelt und Gesundheit" selber: "Mit der Vergabe des "Blauen Engels" für strahlungsarme Mobiltelefone wird den Kunden eine Entscheidungshilfe beim Kauf geboten", heißt es im Koalitionsvertrag.

Freilich herrschte damals wie heute unter der Rubrik "Handys" auf den im Internet veröffentlichten Listen des "Blauen Engels" nur gähnende Leere. Der Vorsitzende der Jury Umweltzeichen, die das Ökolabel vergibt, ist wütend. "Wir haben es mit einem unseligen Kartell zu tun, das sich nach wie vor weigert, den Verbraucher angemessen über strahlungsarme Handys zu informieren", schimpft Gerd Billen. Die Branche habe Angst, mit dem Siegel werde die Diskussion um Mobilfunk-Strahlung neu entflammt. "Die wollen den Deckel auf der Debatte halten."

Das sieht der Verband Bitkom, in dem alle Handy-Hersteller organisiert sind, anders. "Mobiltelefone sind sicher", ist man dort überzeugt. Der Zusatz "Umweltzeichen - weil strahlungsarm" erwecke aber den Eindruck, dass von Handys eine schädliche Strahlung ausgehe. Ohnehin würden Kunden sich beim Kauf nicht nach dem Strahlungswert erkundigen. "Die Verbraucher interessiert das nicht", sagt eine Bitkom-Sprecherin. Die Hersteller würden allen Appellen Trittins zum Trotz keinen Deut von ihrer Haltung abweichen, da ist sie sicher: "Wir geben dem "Blauen Engel" keine Zukunft."

Billen von der Jury Umweltzeichen hofft, "dass wir den Boykott durch die Branche im nächsten Jahr knacken werden". Den Anfang sollten seines Erachtens die Bundesregierung und öffentliche Stellen machen. Sie sollten nur noch Handys anschaffen, die die Kriterien für den "Blauen Engel" erfüllen. "Da muss einfach mehr Druck entstehen", sagt Billen. Etliche Handys würden die Anforderungen des Siegels schon lange erfüllen. Und wenn einmal einer aus der Blockadefront ausschert, dann dürften andere ihm folgen.

Beispiele dafür gibt es: So entwickelte etwa in den 90er Jahren die schwedische Organisation TCO ein gleichnamiges Label für strahlungsarme Computer-Monitore - damals legten sich die Bildschirm- Produzenten quer. Dann gab eine Firma die Verweigerungshaltung auf und löste eine Antragslawine aus. Inzwischen prangt das Label nach TCO-Schätzung auf rund der Hälfte aller Monitore weltweit.

Ob der "Blaue Engel" für Handys auf ähnliche Weise doch noch aus der Bedeutungslosigkeit emporsteigen wird, ist ungewiss. Derzeit herrscht in dem Streit Funkstille zwischen den Beteiligten. Trotzdem können sich besorgte Eltern und Verbraucher auch vor Weihnachten noch behelfen: Für jeden zugänglich hat das Bundesamt für Strahlenschutz eine Liste mit Strahlenwerten von mehr als 160 Handys ins Internet gestellt. dpa

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