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Die Vermessung des Selbst

06.09.2013 | 09:55 Uhr |

Seit Handys die Sensoren an Bord haben, geht der Trend verstärkt zur Messung eigener Bewegungen und des eigenes Gewichts.

In seinem Erfolgsroman „Die Vermessung der Welt“ stellte Daniel Kehlmann zwei unterschiedliche Ansätzen zu der Erkundung der Umgebung dar: Für das Praktische stand Alexander von Humboldt, der die Welt auf eigene Faust erforschte, für das Theoretische Carl Friedrich Gauß, der die Welt als ein spannendes mathematisches Problem sah. Seit dem Umzug des Personal Computer vom Arbeitstisch in die eigene Hosentasche und der zunehmenden Verbreitung von Kleinsensoren beginnt der Mensch verstärkt sich selbst zu messen. Auf dem Markt tummeln sich bereits genügend Anbieter wie Nike, Jawbone oder Fitbit, man munkelt auch, dass Apple mit seiner kolportierten iWatch genau in die Branche wolle. Doch angesichts der Ergebnisse solcher Messungen würden wohl die beiden Alt-Wissenschaftler - Humboldt und Gauß - nur mit dem Kopf ob der Torheit der modernen Geeks schütteln.

Das Problem dabei - die modernen Geräte vermitteln den Eindruck, als ob man mit dem Tragen der Sensoren und der Vermessung seinen eigenen Körper besser kenne, doch die Daten, die Jawbone und Co. liefern, eignen sich nur bedingt für die qualifizierten Rückschlüsse auf die Gesundheit und Fitness.

Vor dem gleichen Problem standen die ersten Handys, die nur rudimentäre GPS-Sensoren  eingebaut hatten. Auf einer Bergwanderung hatten wir in der Gruppe einen stolzen Inhaber eines solchen Handys dabei. Alle zehn bis fünfzehn Minuten berichtete er uns, auf welcher Höhe über dem Meeresspiegel wir gerade waren. Zuerst haben wir das schlaue Gerät bewundert, später die Angaben ignoriert, noch später uns über die Ansagen geärgert, gegen Ende der Wanderung haben wir den Handy-Deppen ausgelacht. Aus einem einfachen Grund: Abgekoppelt von den Angaben der geographischen Länge und Breite helfen die Höhenmeter über dem Meeresspiegel gar nicht bei der Orientierung in der Gegend. Was hilft doch hier zu wissen, dass man sich auf der Höhe von 1000 Hm befindet, wenn man nicht genau weiß, ob man die Pfadabzweigung rechts oder links nehmen muss?

Genau so verhält sich mit den aktuellen Auswertungen der Fitness-Bänder diverser Hersteller. Die Tagesstatistik eines Jawbones-Trägers beinhaltet die getätigten Schritte, die verbrannten Kalorien, die Mahlzeiten und deren Energiegehalt und die Schlafstatistiken, in den Wochen-Trends kann man die Gesamtmenge aller dieser Einheiten nachsehen. Doch diese Daten, ähnlich wie das einfache Erkenntnis, dass man hundert Gramm innerhalb einer Woche verloren hat, stellen mehr Fragen, als diese beantwortet werden. Bei den verlorenen hundert Gramm auf einer handelsüblichen Waage fragt man sich, ob dabei das Fett- oder Muskelgewebe dem eigenen Körper abhanden gekommen ist, oder das Wasserhaushalt etwas aus den Fugen geraten ist.

Bei den Kalorienberechnung der Bewegungssensoren steht man vor einem noch größeren Problem: Hat die App die verbrannten Kalorien pro Tag akribisch zusammengerechnet, weiß man nach wie vor nicht, ob man dabei effektiv Gewicht verloren hat. Für diese Rechnung fehlen noch die genauen Angaben zu den eingenommenen Kalorien, eben in diesem Punkt schwächeln die meisten Fitness-Tracking-Apps: Hier ist von den Nutzern die eiserne Konsequenz bei der Datenerfassung gefragt, dazu lassen sich die selbst zubereiteten Mahlzeiten nicht so genau berechnen. Genau genommen, muss man hier sich mit etwas genaueren Variante der Milchmädchen-Rechnung zufrieden geben, wie es schon die unzähligen Jogger-Generationen vor uns getan haben: Hat man in der Woche zwei Mal eine Stunde gejoggt und gegessen wie gewohnt, sollte die Waagenanzeige stimmen. Zeigte das Gerät nicht die gewünschte Zahl, haderte man so lange mit den zwei verfügbaren Variablen - Sport und Essen - bis es stimmte.

Genau so verhält sich mit den Angaben zu den eigenen Schlafzeiten. Man weiß zwar, dass man in der letzten Nacht 7,8 Stunden geschlafen hat, doch mit diesem Erkenntnis kann man kaum was anfangen. Ob man mit diesem Wissen auch besser schläft, ist auch fraglich.

Während die Angaben zu den Schritten und Schlafzeiten nicht zu der Diskussion bei den meisten Fitness-Armbänder stehen, da die Geräte diese Einheiten messen, sind die Kalorienangaben mit Vorsicht zu genießen. Die Apps und dazugehörende Geräte messen diese nicht, sondern berechnen ein Durchschnittswert laut Angaben des Nutzers.

Eine Daseinsberechtigung hätten solche Vermessungsgeräte in einem Fall: Wenn sie den Nutzer zur mehr Bewegung motivieren könnten. Doch wie es tatsächlich in der Praxis funktioniert, hat der Kollege Woods am Beispiels eines Fitbits ausprobiert - Nach nicht mal einer Woche landete das Gerät dauerhaft in der Schublade und wurde seitdem nicht mehr benutzt.

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