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Die Welt rüstet sich gegen Spam

04.12.2003 | 11:09 Uhr |

Sie kommen lautlos und unter falschem Namen - und sie kommen in Massen. Sie locken mit Wunderdiäten, Potenzmitteln und Billigkrediten - und gefährden damit die Zukunft der E-Mail als Kommunikationsmittel: Spam.

Zu Deutsch: Unerwünschte Werbe-E-Mails. Die oft dubiosen Angebote verstopfen zunehmend die elektronischen Postfächer dieser Welt. Nach Einschätzung des Verbands der deutschen Internetwirtschaft eco machen Spam mittlerweile fast die Hälfte des gesamten Datenverkehrs im Netz aus - Tendenz steigend.

Wirtschaft und Politik haben das Problem erkannt - und machen weltweit mobil. Auf dem Weltinformationsgipfel der Vereinten Nationen in Genf vom 10. bis 12. Dezember steht das Thema Spamming auf der Agenda. Hauptanliegen der Mitgliedsländer ist es, über einheitliche Gesetze und die Koordination von Sicherheitssystemen zu diskutieren. Das Motto: Da Spam keine Grenzen kennt, muss auch der Kampf gegen das Phänomen grenzüberschreitend sein. Notwendig sei «ein Sicherheitssystem, das den Globus überspannt», heißt es im Gipfel- Programm.

Bislang wird an allen Seiten dieses Netzes gewoben - und es hat noch viele Lücken. Die Internetwirtschaft versucht, der Spam-Flut über technische Filter Herr zu werden. Verschiedene Länder haben Anti-Spam-Gesetze verabschiedet, um die Werber abzuschrecken. In den USA etwa drohen Versendern unerwünschter Werbemails künftig empfindliche Geldstrafen. Ein entsprechendes Gesetz steht kurz vor der Verabschiedung. Im US-Staat Virgina müssen Spammer mit Haftstrafen bis zu fünf Jahren rechnen.

Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch die Eindringlinge entsteht, ist immens. Europaweit erlitten Unternehmen einer EU-Studie aus dem Jahr 2002 zufolge einen Produktivitätsverlust von rund 2,5 Milliarden Euro. «Die Mitarbeiter sind mehr mit dem Löschen von Werbemüll beschäftigt als mit dem Bearbeiten von Geschäftspost», sagt eco-Spam-Experte Sven Karge. Hinzu kämen Kosten für die technische Aufrüstung wie etwa das Erweitern der Serverleistung. In den USA - von wo nach Angaben Karges mehr als die Hälfte aller Spam-Mails kommen - gehen Experten davon aus, dass die Unternehmen in diesem Jahr bis zu zehn Milliarden Dollar verlieren.

Auch Europa rüstet sich zum Kampf gegen den Mail-Müll. Bis Ende Oktober sollten die EU-Mitgliedstaaten eine Richtlinie über den Datenschutz in der elektronischen Kommunikation umgesetzt haben, die das «Opt-In»-Prinzip verfolgt. Werbemails dürfen demnach nur mit vorheriger Einwilligung der Empfänger verschickt werden. Deutschland will die Regelungen bis Anfang 2004 in der Novelle des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) umsetzen. Dann sollen Spam-Opfer neben der Möglichkeit zur Klage auf Unterlassung nach Angaben des eco- Verbands auch Anspruch auf Schadenersatz haben.

Nach Meinung des Berliner Anwalts Niko Härting ist das zu wenig. «Solange Spam sich lohnt, bleibt das Problem aktuell», sagt der Experte für Internetrecht. Da die Kosten für das Versenden der Mails minimal seien, bleibe Spamming ein «blühendes Geschäft». Die Urheber durchforsten Newsgroups, Homepages oder Emailverzeichnisse nach Adressen, legen sich Datenbanken an und verschicken ihre Mails millionenfach - meist anonym. «Wenn nur einer von einer Million Empfängern das Produkt kauft, rentiert sich das für den Spammer schon», sagt Härting. Erst eine Strafregelung könne Wirkung zeigen.

Auch für den Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) ist die geplante Umsetzung der Richtlinie in Deutschland «mangelhaft». «Es ändert sich im Vergleich zur jetzigen Rechtslage eigentlich nichts», sagt vzbv-Wirtschaftsexperte Patrick von Braunmühl. Die Bundesregierung müsse dringend für abschreckende Sanktionen und effektive Durchsetzungsmechanismen sorgen. Unter derzeitigem Recht führten Gerichtsverfahren kaum zum Erfolg. Die Folge: «Wir haben nur noch wenig Klagetätigkeit.» Ein Punkt für die Spammer - und der Kampf geht in die nächste Runde.

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