Von Peter Müller - 08.06.2000, 00:00

Dramatische letzte Stunden

Die Art, wie das Urteil verkündet wurde, müsste Microsoft-Gründer Bill Gates eigentlich gefallen haben. Richter Thomas Penfield Jackson verbreitete seinen Urteilstext am Mittwoch weltweit über seine Webseite im Internet. Doch, was er da verbreitete, war eine schwere Niederlage für den reichsten Mann der Welt: Das größte Softwareunternehmen der Welt soll in zwei Teile aufgespalten werden - ein Urteil, das gewaltige Auswirkungen auf die gesamte Industrie haben dürfte.
Richter Thomas Penfield Jackson hatte mit seinem Urteil keine Zeit verschwendet. Nur wenige Stunden, nachdem Microsoft seine letzten Einwände vorgebracht hatte, verkündete der Richter seine Entscheidung. Die Schnelligkeit überraschte selbst Bill Gates, der sich gerade in Washington aufhielt. Er sagte alle Termine ab und jettete zum Firmensitz nach Redmond, um dort gemeinsam mit seinen Top-Managern auf einer Pressekonferenz das Urteil zu verdammen.
Gates wirkte dabei nicht sonderlich beeindruckt, sondern zeigte sich kämpferisch. Wie erwartet kündigte er Berufung gegen das Urteil an und wiederholte sein Argument, dass mit einer Zerschlagung Microsofts dem Verbraucher geschadet werde. Gates zeigte sich optimistisch, dass die Berufung Erfolg haben werde. Die Urteilsverkündung sei nur "der erste Tag vom Rest dieses Falls".
In einem CNN-Interview räumte Gates auch keinerlei Fehler in seinem vom Gericht als aggressiv beschriebenen Verhalten ein. Auf die Frage, ob er rückblickend etwas anders gemacht hätte, antwortet Gates nur, dass er vielleicht selbst hätte vor Gericht aussagen müssen. Dann hätte er Richter Penfield Jackson vielleicht überzeugen können.
Offener Jubel herrschte nach der Urteilsverkündung in der Regierung. Justizministerin Janet Reno erklärte, die Aufteilung in zwei getrennte Unternehmen werde den Wettbewerb stimulieren und damit große Auswirkungen auf Innovation und Marktentwicklung haben. Das Urteil sei zudem ein Signal, dass Verstöße gegen das Kartellrecht ein äußerst ernster Vorgang seien.
Das Justizministerium will jetzt das Berufungsverfahren beschleunigen und sich direkt an den Obersten Gerichtshof wenden. Microsoft lehnt dies ab, weil es von der nächst höheren Instanz bereits einmal Recht bekommen hatte.
Microsoft hat nach dem Urteil des Richters vier Monate Zeit, einen Plan zur Aufspaltung vorzulegen. Die "Reorganisation" soll aber erst nach Abschluss des Berufungsverfahrens umgesetzt werden. Eines der Unternehmen soll nach dem Willen von Bundesrichter Thomas Penfield Jackson für das Betriebssystem Windows zuständig sein, das zweite für die Anwendungssoftware wie das Textverarbeitungsprogramm Word und für den Online-Bereich.
Schwerwiegender dürfte für Microsoft zunächst die anderen Auflagen sein. So soll das Unternehmen von Bill Gates die geheimen Quellcodes offen legen. Zudem sollen die PC-Produzenten in die Lage versetzt werden, Windows entsprechend den Verbraucherwünschen zu verändern. So sollen Funktionen weggenommen und dem Kunden dadurch billigere Produkte angeboten werden können. Dagegen hat Microsoft erst einmal einen Aufschub beantragt. dpa/ab
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