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Drei Chinesen mit dem Lucent-Code

04.05.2001 | 00:00 Uhr |

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die US-Bundespolizei FBI (Federal Bureau of Investigation) hat am gestrigen Donnerstag drei Lucent-Mitarbeiter wegen Verdacht auf Industriespionage verhaftet. Den Entwicklern chinesischer Nationalität wird vorgeworfen, den Code des Lucent-"Pathstar"-Systems entwendet zu haben und an ein Joint Venture verkaufen zu wollen, das die drei Verdächtigen mit der Pekinger Firma Datang Telecom Technology gegründet haben. Datang befindet sich mehrheitlich im Besitz der chinesischen Regierung. Kai Xu, Hai Lin un Yong-Qing Cheng wollten die Blaupausen der Lucent-Technologie über eine Homepage nach China transferieren. Pathstar sollte unter dem Namen "CLX-1000" verkauft werden.

Das Netzwerksystem von Lucent ermöglicht es Internet-Service-Providern, preisgünstige Sprach- und Datendienste anzubieten. Im vergangenen Jahr nahm die US-Company mit Pathstar, das einen weltweiten Marktanteil von 90 Prozent besitzt, rund 100 Millionen Dollar ein. Lucent bewirbt sich zusammen mit anderen Anbietern wie Siemens und Nortel derzeit um Netzwerkausrüstungsverträge in China, die das TK-Konsortium China Unicom Group in Höhe von bis zu 1,7 Milliarden Dollar vergeben will.

Der Spionagevorfall wurde von Lucent durch Routine-Sicherheitschecks entdeckt, bei denen unter anderem die E-Mails der Angestellten überprüft werden. Die Netzwerker schalteten das FBI ein, das wiederum Durchsuchungsbefehle für die privaten E-Mail-Accounts der drei Chinesen erhielt. Im Haus eines der Verdächtigen wurde unter anderem ein Pathstar-System sichergestellt. Die Verdächtigen bleiben noch bis mindestens kommenden Dienstag in Untersuchungshaft, wenn die Kautionssumme bestimmt wird.

Der Vorfall ereignet sich in einer angespannten politischen Situation. Das Verhältnis zwischen den USA und China ist bereits durch den Zusammenstoß eines US-Aufklärungsflugzeugs mit einem chinesischen Kampfflieger belastet, bei dem der chinesische Pilot ums Leben kam. Aus Rache verunstalteten vor kurzem chinesische Hacker einige US-Regierungs-Websites. Eine Lucent-Sprecherin bemühte sich, die Angelegenheit zu entschärfen: "Hier geht es lediglich um Angestellte, die Industriegeheimnisse zu ihrem eigenen finanziellen Vorteil gestohlen haben."

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