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Elektronik-Branche bleibt zur IFA optimistisch

29.08.2007 | 20:38 Uhr |

Ernüchternde Zahlen waren es, mit denen die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers in die Partystimmung vor der Berliner Funkausstellung IFA hereinplatzte.

Nicht einmal die Hälfte der Deutschen kennt den neuen Fernsehstandard HDTV mit seiner deutlich besseren Auflösung, ausgerechnet die «Konjunkturlokomotive» der Elektronik-Hersteller, wie eine Umfrage ergab. Die meisten seien mit dem heutigen PAL-Übertragungen zufrieden. Doch die Vertreter der Unterhaltungselektronik-Branche schwärmten zum IFA-Auftakt wieder von Rekordumsätzen und kräftigem Wachstum. Diese Diskrepanz zeigt, wie sehr der Markt für Heimunterhaltung im Umbruch ist und wie schwer es für die Verbraucher ist, inmitten neuer Formate, Geräte und Erfolgsmeldungen nicht den Überblick zu verlieren.

Die Fakten sind jedenfalls so: HDTV bietet mit einer fünf Mal höheren Auflösung (High Definition) unbestritten eine deutlich bessere Bildqualität. Allerdings gibt es immer noch kaum HDTV- Übertragungen. Nur etwa ein Fünftel der TV-Geräte in deutschen Haushalten ist HD-tauglich, womit man bei einem klassischen Halbvoll- oder Halbleer-Problem angekommen wäre. Die Branche sagt, die restlichen 80 Prozent - rund 40 Millionen alte klobige Fernsehapparate also - würden irgendwann auch ausgetauscht und seien ein großartiger Wachstumsmarkt. Die öffentlich-rechtlichen Sender kontern, für die 20 Prozent lohne es sich noch nicht, großflächig und teuer auf eine HD-Infrastruktur umzurüsten.

Man kann im Prinzip davon ausgehen, dass jeder Flachbildfernseher, der heute in Deutschland verkauft wird, auch HD-tauglich ist. Der Absatz von LCD-Geräten soll in diesem Jahr um rund 50 Prozent auf 3,8 Millionen Stück steigen. Der Verkauf von Plasmageräten werde um 20 Prozent auf rund 500 000 Stück. Es tut sich also durchaus was, und die Branche freut sich, dass immer mehr Verbraucher Marke statt Billiggerät kaufen und gleich zu größeren Bildschirmdiagonalen von einem Meter und mehr greifen. Daher sei auch der durchschnittliche Gerätepreis binnen eines Jahres von 580 auf 767 Euro gestiegen - eine gute Grundlage für das erwartete Umsatzwachstum mit klassischer Unterhaltungselektronik von 4,6 Prozent auf 14 Milliarden Euro.

Die IFA sei ein Konjunkturprogramm, sagt dann auch ganz direkt der Aufsichtsratschef des Messeveranstalters gfu, Rainer Hecker, der gleichzeitig den Edelfernseher-Hersteller Loewe führt. Wie jedes Jahr atmet Begeisterung aus den IFA-Mitteilungen der Unternehmen, egal, ob es um gestochen scharfe Fernsehbilder geht oder die Innovation, externe Festplatten in bunte Gehäuse zu verpacken.

Begeisterung ist allerdings auch ein zweischneidiges Schwert. Was sollen die Verbraucher sagen, die sich vor ein Paar Jahren für teure flache Fernseher begeistern ließen und heute belehrt werden, dass erst die volle HD-Auflösung von zwei Millionen Bildpunkten das Maß der Dinge sein soll? Dass die neuen Fernseher dank besserer Elektronik weitgehend von den Schwächen der alten Geräte in ihren Wohnzimmern befreit sind und es immer noch Jahre dauern wird, bis sie als Normalfall HDTV-Sendungen empfangen werden anstelle auf ihren breiten Bildschirmen PAL-Bilder im 4:3-Format zu gucken?

Dabei könnten die Verbraucher mit HD-tauglichen Fernsehern eigentlich ja schon jederzeit Filme in hoher Auflösung von Silberscheiben sehen - doch gerade der kühle Empfang für die beiden rivalisierenden DVD-Nachfolgestandards Blu-ray und HD-DVD macht ihre Skepsis deutlich. Schon die dritte IFA werden die beiden verfeindeten Industrielager ihre Discs nun anpreisen, seit einem Jahr sind sie auf dem Markt, aber der Marktanteil sowohl der Geräte als auch der Medien ist marginal. Der Format-Wettstreit zwischen den beiden nicht kompatiblen Standards verunsichere potenzielle Kunden, urteilt die gfu. Außerdem sind sie immer noch deutlich teuerer als die verbreitete DVD-Technik und Fachrezensenten machen auch noch Schwächen bei den hochaufgelösten Bildern aus.

Zumindest beim digitalen Fernsehen hat die Branche gelernt und macht einen Schritt, um das Format-Wirrwarr zu beenden. Mit der Satelliten-Plattform entavio sollen künftig alle Sender mit nur einem Empfangsgerät zu sehen sein, während bisher wegen inkompatibler Formate - Stichwort «Boxenchaos» - mehrere Receiver nötig gewesen wären. Aber auch hier kontert die Deutsche Telekom mit einem massiven Ausbau ihres Internet-TV-Angebots. Die Verbraucher werden sich also weiter mit vielen Formaten und Angeboten auseinandersetzen müssen. (dpa)

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