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Elektronisches Papier noch 2001 marktreif

09.05.2001 | 00:00 Uhr |

Jahrzehntelang haben die Forscher an der
Entwicklung des elektronischen Papiers getüftelt. Die Erfindung
sollte sogar nach Meinung mancher Enthusiasten eines Tages Zeitungen,
Bücher und Notizen auf Papier verdrängen.

Das Material ist dünn wie Papier, lässt sich wie eine Zeitung
zusammenrollen und zeigt mit Hilfe seiner elektronischen Tinte jeden
beliebigen Text an. Nun wollen zwei weltweit renommierte
Forschungsinstitute endlich dem elektronischen Papier zum Durchbruch
verhelfen. Nach jahrelanger Forschungsarbeit treten das Xerox Palo
Alto Research Center (PARC) und das Massachusetts Institut of
Technology (MIT) in einem Kopf-an- Kopf-Rennen um die ersten
kommerziellen Erfolge ihrer Erfindungen gegeneinander an.

«Erste Praxis-Einsätze unseres elektronischen Papiers wird es
bereits 2001 geben», ist Patrick Mazeau vom Xerox Research Center
(XRCE) in Grenoble überzeugt. In einem Showroom kann er erste
Prototypen mit der im legendären kalifornischen Forschungslabor Xerox
PARC entwickelten Technologie präsentieren. Für die
Kommerzialisierung der Technologie gründete Xerox Ende vergangenen
Jahres eigens die Firma Gyricon Media. Noch 2001 will die Xerox-
Tochter preiswerte, leichte und vor allem stromsparende Dokumente
herstellen, die zum Beispiel als Werbeflächen oder digitale
Preisschilder in Supermärkten zum Einsatz kommen sollen.

Doch Xerox arbeitet nicht allein am elektronischen Papier: Erst
vor rund vier Wochen präsentierte das Unternehmen E Ink in Cambridge
(US-Bundesstaat Massachusetts) erstmals ein flexibles, weniger als
ein Millimeter dünnes Display. Der Prototyp ist nur knapp einen
Millimeter dünn, lässt sich ähnlich wie die Xerox-Erfindung wie eine
Zeitung zusammenrollen und kann auf einer Fläche von derzeit rund 12
mal 12 Zentimetern ein elektronisches Schwarz-Weiß-Bild anzeigen. Die
Wissenschaftler der 1997 von den MIT-Forschern Barrett Cominskey und
J.D. Albert gegründeten Firma druckten auf eine dünne Kunststofffolie
insgesamt 256 kleine Transistoren, über der sich eine Schicht aus
winzig kleinen Mikrokapseln befindet. Wird eine der kleinen Kapseln
mit Strom versorgt, bewegt sie sich an die Oberfläche und erzeugt
zusammen mit anderen Kapseln die programmierte Darstellung.

«Wir haben bewiesen, dass E Ink in der Lage ist, mit den weltweit
führenden Herstellern die nächste Generation von Displays für
elektronische Geräte zu entwickeln», sagte E Ink-Chef Jim Juliano.
Das elektronische Papier könne künftig als Buch oder Zeitung gebunden
werden oder in den verschiedensten mobilen Geräten zum Einsatz
kommen. Anders als elektronische Bücher soll sich das Medium fast wie
Papier anfühlen und beim Leser den Eindruck vermeiden, er sitze vor
einem Laptop.

Ob als Tageszeitung, Handheld-Bildschirm oder als digitale
Werbefläche - die Idee des elektronischen, unendlich wieder
beschreibbaren Papiers ist bereits rund 25 Jahre alt und kann auf
eine recht wechselvolle Geschichte zurückblicken. In den frühen 70er
Jahren suchte erstmals Nick Sheridon, Forscher am Xerox PARC, nach
Alternativen für Computerbildschirme, die damals mit starkem Flimmern
und zu dunkler Darstellung äußerst augenunfreundlich waren. Sheridon
entwickelte die Technik, die dem elektronischen Papier noch heute zu
Grunde liegt. Mikroskopisch kleine Bällchen, die auf der einen Seite
schwarz, auf der anderen Seite weiß sind, werden durch elektrische
Ladung zum Rotieren gebracht. Je nach dem, ob ihre schwarze oder ihre
weiße Seite nach oben zeigt, lässt sich beliebiger Text darstellen.

Doch bei Xerox stieß Sheridons Erfindung lange Zeit auf wenig
Begeisterung. Das elektronische Papier hätte fast das gleiche
Schicksal ereilt wie so manch andere Entwicklung aus den Xerox-
Forschungslabors. Der Druckerspezialist erfand in den frühen 80er
Jahren die weltweit erste Maus und die grafische Benutzeroberfläche -
zwei Dinge, über die heute jeder Personal Computer verfügt. Das
Potenzial der Erfindungen erkannten jedoch erst Unternehmen wie Apple
und Microsoft und vermarkteten es mit riesigem Erfolg.

Erst in den 90er Jahren propagierte Xerox das elektronische Papier
wieder als Zukunftsperspektive, das sich zum Beispiel als endlos
wiederbeschreibbare Zeitung einen Platz im Alltag der Menschen
erobern sollte. Etwa seit dieser Zeit tüfteln aber auch die Forscher
am MIT an ihrer Technologie und der Realisierung praxistauglicher
Produkte.
dpa

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