961964

Ex-Manager gibt Einblick in die Apple-Denke

04.01.2007 | 16:06 Uhr |

Er kommt unrasiert, in kurzen Hosen und mit Sandalen zum Meeting und erzählt dann Kunden alles mögliche - nicht immer das, was die Kunden interessiert.

Er ist Steven Paul Jobs, Jahrgang 1955, CEO und Gründer von Apple. In der Online-Ausgabe des britischen Guardian erinnert sich Ex-Verkaufsmanager David Sobotta an Begegnungen mit seinem obersten Chef - und erklärt, wie Apple denkt und funktioniert. Und Sobotta wagt eine Prognose: Nächste Woche kommt das "iPhone", aber kein Tablet-Mac.

Vor fünf Jahren war David Sobotta noch ein "hohes Tier" bei Apple, Verkaufsdirektor Federal Sales und damit für alle Bundesbehörden in den USA zuständig. Eine von ihnen ist das National Institute of Health (NIH) mit einem aktuellen Budget von 28 Milliarden US-Dollar. Ein interessanter Kunde auch für Apple, einer der wichtigsten aus der Wissenschaft für den Hersteller aus Cupertino. Wer wie das NIH viel Geld bei Apple lässt, kommt auch in den Genuss eines Executive Briefings - möglicherweise schaut auch Mr. Jobs vorbei, sollte er in der Stadt weilen und sich pässlich fühlen, schreibt Sobotta in der Online-Ausgabe des britischen Guardians . Die Behörde zeigte seinerzeit ein hohes Interesse an einem Tablet-PC aus dem Hause Apple, nachdem Microsoft Monate zuvor ein eigenes Angebot vorgestellt hatte und Microsoft-Chef Bill Gates prognostizierte: "Der Tablet-PC wird Standard in fünf Jahren sein."  

Einer Prognose von Bill Gates entsprechen? Niemals!

Typisch, geradezu symptomatisch für Apple, so schreibt Sobotta, ist es mittlerweile, Consumer-Produkte herzustellen und in großen Mengen zu verkaufen. Für spezialisierte Geräte bietet die Roadmap keinen Raum: zu klein der Markt, zu gering die Erlöse - und einem Bill Gates in seiner Vorhersehung zu entsprechen wolle Cupertino erst recht nicht, unterstellt der Ex-Manager in seinem Beitrag. Überhaupt - Apple braucht sich nicht von Kunden erklären lassen, was für welche Produkte der Markt braucht. Im Gegenteil: "Kunden wissen gar nicht, was sie kaufen wollen. Wir müssen es ihnen sagen." zitiert Sobotta Jon Rubinstein, damals Vize-Präsident für den Bereich Hardware. Jobs, der im Beach-Outfit dem Meeting mit den neun NIH-Vertretern 2002 beiwohnte, machte klar, warum er neben der zu kleinen Marktbedeutung kein Tablet herstellen lassen wolle: Die Bandbreite in drahtlosen Netzwerken reiche nicht aus, die mögliche Bildschirmauflösung sei für medizinische Zwecke nicht hoch genug und jedes Produkt für den Medizin-Sektor würde besonders strengen Haftungsbestimmungen unterliegen. Während heute die erstgenannten Punkte technisch realisierbar erscheinen, bleibt der letzte in der Verantwortung des Herstellers - und Sobotta glaubt, dass sein ehemaliger Arbeitgeber genau deswegen keinen ultra-kompakten Mac herstellen will: Haftungsgründe. Wer aufmerksam die wachsenden Klagen vieler Privatanwender und Händler der vergangenen Monate vernommen hat ( wir berichteten ), der kann vielleicht verstehen...  

Die Masse macht's

Sobotta ist sich sicher: Ein Tablet-Mac - und sei es als Universal-Fernbedinung für all die digitalen Geräte, die mittlerweile beim Privatanwender stehen - wird es nicht geben. Zu viele Komponenten und Techniken, über die Apple nicht selbst Herr der Protokolle ist. So sei es auch im Medizin-Bereich: zu viele Geräte und Schnittstellen mit unterschiedlichsten Anforderungen und Aufgaben. Erfolg versprechend sei vielmehr, mit einem in der Benutzerführung einfachem und den Privatanwender zufrieden stellendem Gerät in Massenproduktion viel Geld in die Unternehmenskassen zu spülen. Das ist das iPod-Prinzip - auf mobile Kommunikation gedreht. Ein Musik-Handy mit .Mac-Integration und gleichzeitig verbesserten .Mac-Diensten einer einfachen Mail-Oberfläche - das seine Stärken besonders dann ausspielen kann, wenn es regelmäßig an einen Mac angeschlossen wird - klingt das nach dem Halo-Effekt der zweiten Generation? Nur wenige "normale" Verbraucher seien sich der Möglichkeit bewusst, Telefonnummern vom alten Handy auf ein neues zu übertragen, ohne sie in mühsamer Kleinarbeit abzutippen, unterstellt Sobota den Käufern. Man müsse den Anwender nur überzeugen, den "richtigen" PC zum Telefon zu kaufen, um glücklich zu werden. Selbst wenn nur ein Carrier in den Vereinigten Staaten Apples neues Handy in sein Portfolio aufnimmt, hätte der Konzern über diesen Vertriebskanal genügend Abnehmer, um in kurzer Zeit das Gerät zu einem Verkaufsschlager zu machen, glaubt der ehemalige Verkaufsmanager. Sein Tipp: Mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit wird Steve Jobs dieses Gerät nächste Woche zeigen - und sicherlich keinen Tablet-Mac. David Sobotta hat bis zum Sommer 2004 für Apple als Verkaufsdirektor für US-Bundesbehörden gearbeitet und war über zwanzig Jahre in unterschiedlichen Positionen und an unterschiedlichen Orten in Nordamerika für den Mac-Hersteller tätig. Gegenwärtig arbeitet er als IT-Berater und Immobilien-Makler. Mehr über sich erzählt er auf seiner Homepage in seinem Blog .

0 Kommentare zu diesem Artikel
961964