1558164

Social TV: Couchfunker statt Couchpotato

22.08.2012 | 13:45 Uhr |

Facebook und Twitter verändern die TV-Landschaft. Wird der Zuschauer zum Programmmanager? Wir fragen nach Chancen und Risiken von Social-TV.

Früher war Fernsehen Familiensache. Es gab zwei Programme und am Samstagabend versammelte man sich im Wohnzimmer bei Bier, Rotwein und Salzstangen zum „Heiteren Beruferaten – Was bin ich?“ oder zur „ZDF  Hitparade“. Der Fernsehabend hatte Tradition.
 
Mittlerweile sind die Fernsehkanäle zahlreicher und die Rituale entspannter geworden, doch eines hat sich nicht geändert: Fernsehen ist auch heute noch sozial. Im Vergleich zu früher tauschen Zuschauer ihre Meinungen über das Fernsehprogramm jedoch nicht mehr nur im heimischen Wohnzimmer oder montags in der Kantine aus, sondern auch auf Facebook und Twitter. Die Folgen: Die Meinungen verbreiten sich mit deutlich höherer Reichweite in Echtzeit. Das birgt vor allem für die Fernsehsender viele Chancen, da Programmdirektoren nun auf den ersten Blick in Echtzeit sehen, was der Zuschauer sieht, was ihm gefällt und was er weniger mag. Zu berücksichtigen ist jedoch die sogenannte „90-9-1-Regel“: Marktforscher gehen davon aus, dass 90 Prozent der Nutzer nur konsumieren und lediglich neun Prozent der Zuschauer Kommentare abgeben. Auf Diskussionen lassen sich nur ein Prozent der Zuschauer ein.
 
Nichtsdestotrotz bleiben Kommentare, die auf Facebook und Twitter abgegeben werden, ein nicht zu unterschätzendes Gut.

Jede Woche veröffentlicht Goldmedia den Social-TV-Monitor
Vergrößern Jede Woche veröffentlicht Goldmedia den Social-TV-Monitor

 
Das Marktforschungsinstitut „Goldmedia“ veröffentlicht jede Woche den Social-TV-Monitor , in dem die Aktivitäten der deutschen TV-Sender auf Facebook analysiert werden. Gemessen werden Aktivitäten wie Likes, Kommentare und neue Fans. Goldmedia untersucht sämtliche Sendungen, die auf Sendern wie Das Erste, ZDF, ZDFneo, Kabeleins, ProSieben, RTL, RTL II, Sat 1, Viva, Vox, Arte, 3sat, Sport, WDR, BR, Phoenix und MDR laufen.  
Bis Juni 2012 wurden insgesamt 18 Millionen „Likes“ für deutsche Fernsehsendungen gemessen. Etwa 42 Prozent der Sendungen verfügen über eine eigene Facebook-Seite, 24 Prozent der Sendungen haben eine von Zuschauern betriebene Facebook-Seite.

Die RTL II-Sendung "Berlin Tag und Nacht" geht auch nach Sendeschluss auf der Facebook-Seite weiter.
Vergrößern Die RTL II-Sendung "Berlin Tag und Nacht" geht auch nach Sendeschluss auf der Facebook-Seite weiter.

 
Goldmedia hat für RTL II die höchste Fanaktivität berechnet. ProSieben habe hingegen die meisten Fans. In den wöchentlichen Analysen von Goldmedia ist „Berlin Tag und Nacht“ von RTL II das populärste Programm bei Facebook . Auch vergangene Woche verzeichnete die Pseudo-Doku mit Abstand die höchste Aktivität. In einer Woche hat Goldmedia fast 700 000 Likes, Kommentare und neue Fans gemessen. Anschließend folgen Sendungen wie „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ (RTL), Party, Bruder (Viva) und Galileo (ProSieben). 
 
Im Hinblick auf die Art der Sendung fällt Folgendes auf: Casting-Shows erzielen in der Regel die meiste Attraktivität auf Facebook und haben im Durchschnitt 330 000 Fans. Daily Soaps folgen dicht darauf mit durchschnittlich 300 000 Fans. Unterhaltungs-Shows verzeichnen etwa 290 000 Fans, Doku-Soaps 170 000 Fans (mit Ausnahme von „Berlin Tag und Nacht“). Am wenigsten Aktivität auf Facebook werden bei Koch-Shows und Kinder- beziehungsweise Familiensendungen gemessen. 

Eine Studie des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover bestätigt, das Reality-Shows, Casting- und Spiele-Shows für eine besonders hohe Aktivität der Nutzer auf Facebook und Twitter sorgen. Auch aktuelle Sportereignisse, bei denen die Zuschauer mitfiebern, wie beispielsweise die Fußball-EM oder Olympia, sorgen für ein sehr hohes Aufkommen in den sozialen Netzwerken.
 
„Berlin Tag und Nacht“ ist das beste Beispiel dafür, wie eine Sendung über Facebook „verlängert“ wird und über die Sendezeit hinausgeht, da auf der Fanpage auch die Charaktere selbst posten. Üblicherweise bieten Sendungen auf ihren Facebook-Seiten höchstens einen Blick hinter die Kulissen, wie es bei „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ der Fall ist. Ansonsten dienen Facebook-Seiten eher der Information, wie bei der „ZDF Heute-Sendung“ oder der Kommunikation mit den Zuschauern wie bei „Galileo“.

Untersuchungen belegen, dass Casting-Shows die meiste Aktivität bei Facebook nach sich ziehen.
Vergrößern Untersuchungen belegen, dass Casting-Shows die meiste Aktivität bei Facebook nach sich ziehen.

  Zukunftsmusik: Zuschauer als Programmmanager  

Auf dem Münchener Social TV Summit im Juni 2012 erläuterte der Experte Bertram Gugel am Beispiel der MTV Video Music Awards , wie Twitter innerhalb von Fernseh-Shows optimal integriert werden kann. Als Twitter im Jahr 2008 allmählich aufkam, stattete MTV die Stars mit Handys aus, mit denen sie hinter der Bühne twittern konnten. 2009 wurden die Tweets der Stars und Zuschauer bereits auf der Bühne während der Show ausgewertet. Es gab auch sogenannte Twitter-Moderatoren, die die Tweets kanalisierten. Damals wurden zehn Millionen Tweets bei 12,4 Millionen Zuschauern abgesetzt. Im vergangenen Jahr konnten die Zuschauer bei den Awards bereits über Twitter abstimmen.
 
Deutsche Fernsehsender tun sich derzeit noch etwas schwer, Facebook und Twitter zum Bestandteil der Sendung werden zu lassen. Das Voting in Casting-Shows erfolgt oft immer noch klassisch über das Telefon. Die Sender werden jedoch bald nachziehen müssen. Laut Bertram Gugel nutzen 68 Prozent der Nutzer Facebook als TV-Guide. Etwa 40 Prozent der 14- bis 29-Jährigen nutzen Fernsehen und Internet prinzipiell parallel. Musikhören über Facebook, Fernsehen über Youtube und das Teilen von Videos über Hangout ist längst Alltag.
 
Durch die Integration von Facebook und Twitter haben Fernsehsender die Chance, das Nutzerverhalten der Zuschauer zu analysieren und das Programm individueller auf sie abzustimmen. Und das ist längst nicht alles. Ein Zukunftsszenario könnte zum Beispiel sein, anhand der Daten von Facebook und Twitter gemäß des Alters des Nutzers die Hintergrundgeräusche der Sendungen individuell anbieten zu können. So bevorzugen ältere Menschen mit einer Hörschwäche eher wenig Hintergrundmusik, während das bei jüngeren Leuten keine Rolle spielt.

0 Kommentare zu diesem Artikel
1558164