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Fachzeitschriften online auf steinigem Weg

08.05.2001 | 00:00 Uhr |

Das Internet gewinnt als
zusätzlicher Publikationsweg auch für Fachzeitschriften mehr und mehr
an Bedeutung. Im Netz können wissenschaftliche Aufsätze ohne
Zeitverzögerung weltweit veröffentlicht werden.

Doch der Weg ins Netz ist steinig. Viele kleine Verlage zögern
noch, viel Geld in ein Online-Standbein zu investieren, dessen Ertrag
nicht garantiert ist. Die Chancen und Risiken von Online-
Zeitschriften stehen auch beim Kongress der Deutschen Fachpresse auf
dem Programm, zu dem sich die Branche an diesem Mittwoch und
Donnerstag in Wiesbaden trifft.

In Deutschland geben etwa 620 Fachzeitschriften-Verlage rund 3600
verschiedene Fachtitel heraus. Das Spektrum reicht von A wie Angeln
bis Z wie Zoo-Morphologie. Laut Fachpressen-Statistik sind inzwischen
zwei Drittel aller Fachverlage online. Die Internet- Auftritte - vor
allem der kleineren Verlage - beschränken sich jedoch oft auf eine
Homepage mit Informationen über das Titel- Angebot und einer Kontakt-
und Bestellmöglichkeit per Email. Komplette Online-Versionen von
Print-Titeln sind in vielen Fachgebieten noch die Ausnahme. Mit
elektronischen Publikationen ist auch noch nicht viel Geld zu
verdienen. Der Umsatzanteil ist bei den meisten Verlagen
verschwindend gering.

Nach Ansicht von Frank Klinkenberg-Haaß, Chefredakteur des
ausschließlich im Internet erscheinenden Computermagazins
«tecChannel», haben viele Fachverlage «es definitiv verschlafen, das
Netz als Publikationsplattform zu nutzen.» Diesen Vorwurf lässt der
Sprecher der Deutschen Fachpresse, Reinhold Welina, jedoch nicht auf
der Branche sitzen. «Einen Titel ausschließlich online zu
veröffentlichen, hat im Moment keine ökonomische Überlebenschance»,
begründet er die Zurückhaltung. «Dazu kommt noch die Vorstellung
vieler Leser: Was aus dem Internet kommt, darf nichts kosten.»

Selbst der wissenschaftliche Springer-Verlag, nach dem Aufkauf
durch Bertelsmann die Nr. 1 bei den Fachinformationen, hat nur sechs
reine Online-Titel im Netz. «Die erfreuen sich nicht des allergrößten
Interesses der Welt», bestätigt Arnoud de Kemp vom Springer-Verlag.
Eine Erfolgschance sieht er in der Kombination aus Print- und
elektronischer Ausgabe. So biete der Springer-Verlag seine 500
Zeitschriftentitel neben der Printversion zusätzlich gratis als
Volltext im Netz an. Die Nachfrage sei groß. Zudem stelle Springer
wichtige Aufsätze schon vor Erscheinen der Print-Ausgabe ins Netz.

«Wir mussten als großer, international agierender Verlag ins
Internet», sagt de Kemp. Für seine Kollegen in den kleineren Häusern
hat er jedoch Verständnis: «Wenn man nur in Deutschland aktiv ist,
hat man noch nichts verschlafen. Deutschland ist noch nicht so weit.»
Langfristig aber werde «alles, was relevant ist und einen bleibenden
Wert hat, über elektronische Medien laufen.»

Die Entwicklung gehe dahin, dass Leser die Online-Ausgabe
abonnieren, während die gedruckte Version der Archivierung dient. Die
gedruckte Zeitschrift habe aber auch aus einem anderen Grund noch
lange nicht ausgedient: «Ein seriöser Wissenschaftler will seine
Artikel gedruckt sehen - schon, um seine Schwiegermutter, seinen
Sponsor oder seinen Professor zu beeindrucken.»
dpa

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