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Finale Version von Mozilla

06.06.2002 | 13:21 Uhr |

Nach vier Jahren Entwicklungsarbeit stehen jetzt finale Versionen des Internet Explorer-Konkurrenten bereit

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach vier langen Jahren hat das Open-Source-Projekt Mozilla, einst im Browser-Krieg Ende der 90er Jahre als "Kavallerie" von Netscape ins Leben gerufen, die offizielle Version 1.0 seines gleichnamigen Internet-Clients veröffentlicht. Mozilla 1.0 steht in zwei Teilen zum Herunterladen bereit - einer Anwendungs-Suite (Browser, E-Mail, Newsreader , HTML-Editor, Adressbuch und IRC-Chat) sowie einem Software Development Kit, das aus einzelnen Komponenten wie der Rendering-Engine "Gecko" und Tools zur Erstellung zusätzlicher Anwendungen besteht.
"Dies ist zwar unsere Version 1.0, aber man sollte daran nicht die Maßstäbe anlegen, die gewöhnlich für eine erste Version gelten", erklärte die Initiative. "Stattdessen wird man Mozilla 1.0 mit den neuesten Generationen kommerzieller Browser vergleichen. Deswegen haben wir die nötige Zeit investiert um sicher zu stellen, dass dieses Release wirklich für die Prime Time taugt."
Mozilla hat eine Vision: Die Software soll nicht wie ursprünglich geplant bloß ein Konkurrent für Microsofts inzwischen massiv dominierenden "Internet Explorer", sondern vielmehr eine systemübergreifende Plattform sein, mithilfe derer eine neue Generation standardkompatibler Anwendungen entstehen soll - in vieler Hinsicht vergleichbar mit Netscapes frühen Träumen, mit seinem Browser das Windows-Betriebssystem überflüssig zu machen.
Das Browser-Paket ist aus Sicht von Mozilla eher dafür konzipiert, von Dritten angepasst und unter eigenem Namen verteilt zu werden, als dass jeder einzelne Surfer die Software selbst herunter lädt. Die Browser von Netscape und wohl auch die Zugangssoftware zum AOL-Online-Dienst werden Mozilla-Technik nutzen, und auch Entwickler wie Red Hat und IBM haben ihr Interesse bekundet.
Das Mozilla-Toolkit enthält neben der Gecko-Engine, die AOL bereits in der aktuellen Compuserve-Zugangssoftware einsetzt, eine JavaScript-Engine, Netzbibliotheken sowie Programmierwerkzeuge wie Debugger. Mozilla gestattet es bekanntlich außerdem, über XUL (Extensible User-Interface Language) Benutzerschnittstellen für Web-Anwendungen über Skriptsprachen wie XML und JavaScript zu gestalten.
Aus Sicht von Experten bietet die Mozilla-Software die branchenweit beste Unterstützung für offizielle Web-Standards. Gecko beherrscht HTML 4.0, XML 1.0, RDF, CSS1, DOM1, SOAP 1.1, XSLT, Xpath 1.0, MathML sowie FIXptr. CSS2, XHTML und DOM2 sind teilweise integriert. "Ich habe keinerlei Beschwerden über Mozillas Standard-Kompatibilität", erklärte Tim Bray, Gründungsmitglied der Technical Architecture Group des W3C. Dank eines Portability-Layers läuft Mozilla auf einer Vielzahl von Plattformen, darunter Windows, Linux, Mac OS (X), FreeBSD, OS/2, HP-UX, Tru64 sowie OpenVMS. Außerdem ist eine Lokalisierung für zahlreiche Sprachen vorgesehen.
Netscape Communications, damals noch unabhängig, hatte Mozilla.org 1998 kurz vor der Übernahme durch AOL ins Leben gerufen. Ursprünglich wollte das Unternehmen einfach nur seinen Quellcode offen legen und sich aus der Open-Source-Gemeinde zusätzliche Entwicklerkapazität rekrutieren. Mozilla entschied sich aber rasch dafür, eine von Grund auf neue Codebasis zu schaffen. Nach Angaben der Gruppe haben wenigstens 300 Programmierer, die nicht auf der Gehaltsliste von Netscape stehen, an dem Projekt mitgewirkt. Es dürften aber erheblich mehr Entwickler ihren Beitrag zu Mozilla 1.0 geleistet haben.
Am 12. Juni feiern die Mozilla-Fans weltweit das Erscheinen der fertigen Version mit Partys. Der Haupt-Event steigt in der DNA Lounge in San, eine Liste von 126 weltweiten kleineren Veranstaltungen finden Interessierte hier.

Thomas Cloer Computerwoche

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