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Fliegende und mobile Klassenzimmer

19.09.2003 | 13:38 Uhr |

Im Zeitalter des digital life haben drei Klassen mit Hilfe von Sponsoren abgehoben. Eine davon musste dafür nicht einmal den festen Boden verlassen.

Die Boeing 737-300 "Alpenrose" der dba beschleunigt aus ihrer Warteposition, rund 50 Tonnen wollen sich in wenigen Sekunden in die Luft erheben. Rund 60 Kinder aus Lörrach im Schwarzwald und Gersthofen bei Augsburg schreien auf, wie es Sechstklässler sonst in der Achterbahn tun, wenn der Zug den höchsten Punkt erreicht hat und die Tiefe zu stürzen gedenkt. Nach einer kurzen rasenden Fahrt in Richtung der aufgehenden Sonne verlässt der Jet bei Tempo 270 den Boden. Die Schüler jubeln kreischend, als ob sie den ersten Looping einer Jahrmarktsattraktion überstanden hätten.

Die beiden Gewinnerklassen des Wettbewerbs "Das fliegende Klassenzimmer" , den neben der Fluggesellschaft dba auch Markenhersteller wie Coca-Cola, Milky Way und Apple unterstützt haben, geben sich aber nur in den Start- und Landephasen der Flüge von München nach Hamburg wie eine Schulklasse auf dem Wandertag, ansonsten knippsen sie beigeistert digitale Bilder, beschäftigen sich interessiert mit Avionik und bekommen von viel zu wenigen Macs nur einen oberflächlichen Eindruck.

Im vergangenen Schuljahr hatte die Kinderzeitschrift Geolino, die kleine Schwester des Geo-Magazins, dritte bis sechste Klassen zu einem Kreativ-Wettbewerb aufgefordert, bei dem Schüler aufgefordert waren, Gruppen- oder Einzelarbeiten zum Thema Fliegen oder "Die Welt von oben" einzusenden. Insgesamt 180 Schulklassen und 70 Einzelteilnehmer hatten Arbeiten eingereicht, rund 5.000 Schüler hatten sich am Wettbewerb beteiligt.
Als Gewinner durften die Klasse 6b des Paul-Klee-Gymnasiums aus Gersthofen bei Augsburg und die Klasse 6a des Hans-Roma-Gymnasiums aus Lörrach im Schwarzwald einen einzigartigen Unterricht über den Wolken erleben.
Wobei Unterricht vielleicht ein wenig zu viel gesagt ist. Nachdem die Maschine kurz hinter Ingolstadt ihre Reisehöhe von 36.000 Fuß erreicht hat, drängelt sich die Masse in den Gängen. Dabei zeigen sich jedoch keineswegs die rund 60 Schüler undiszipliniert, es sind Medienvertreter, unter ihnen drei Kamerateams von RTL, dem MDR und dem Bayerischen Rundfunk, welche die Gänge verstopfen.

Die beiden in der Kabine mitreisenden Flugkapitänen der Gesellschaft, die sich bis vor kurzem Deutsche BA nannte, schaffen es nicht immer, zu den Schülern durchzudringen. Mark Hoffmann und Oliver Trapski fliegen in der Regel Kurz- und Mittelstrecken, erklären heute jedoch engagiert zunächst über die Sprechanlage und dann auf dem Raum, den ihnen zwischen Interviewern und Kameraleuten bleibt, die Grundbegriffe des Fliegens. Ein einfaches Experiment gelingt ihnen mit den Schülern auf dem Hinflug, anhand eines Zeitungsstreifens und etwas Atemluft veranschaulichen sie den Begriff des Auftriebs. Doch schon fährt die Boeing die Landeklappen aus - die Piloten im Sonderdienst erklären, warum - und der Flieger setzt in Hamburg-Fuhlsbüttel auf. Hoffmann sieht den Unterricht ein "wenig chaotisch" abgelaufen, sein eigentlicher Flieger-Beruf, sei "an sich entspannter", Als Lehrer für einen Tag habe er nicht "alles geschafft", was er sich vorgenommen habe. "Es ist aber ganz gut, wenn die Kinder auf uns eingehen und uns mit ihrer Spontaneität mit sich reißen," freut sich der Flugkapitän.

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