2207167

Fortune-Experten: Apple verkennt Zeichen der Zeit

06.07.2016 | 11:58 Uhr |

Während IBM seine Lehren gezogen habe und in neue Geschäftsmodelle investierte, verharre Apple bei vergangenen Erfolgen, kritisiert Fortune den Mac-Hersteller.

Fast jeder, der sich für die Geschichte der Computer und insbesondere von Apple interessiert, kennt den berühmten Werbespot "1984" von Kultregisseur Ridley Scott. Diesen hatte damals die Werbeagentur TBWA für Apple produziert, um den ersten Apple Macintosh zu promoten und stellte den damaligen Hardware-Giganten IBM im Stile des bösen "Großen Bruders" aus George Orwells dystopischem Roman "1984" dar. Längst vergangene Zeiten – inzwischen ist Apple  als Firma weit wertvoller und wohl auch mächtiger im Vergleich zu IBM. Und immerhin hat es "Big Blue", wie der Konzern gern genannt wird, geschafft, sich völlig neu aufzustellen, insbesondere im Bereich von IT-Unternehmensberatung und digitalem Informationsservice. Hier bestehen im übrigen auch Kooperationen mit Apple. Durch sogenannte "Emerging Business Opportunity units" (EBOs), die relativ selbstständig und unabhängig von der Mutterfirma arbeiten können, habe sich IBM  zudem neue Geschäftsfelder erschlossen.

Apple is doomed - mal wieder

Apples Entwicklung und Zukunftsaussichten dagegen sehen die Fortune-Experten Charles O’Reilly und Michael Tushman deutlich kritischer . Ähnlich wie andere einst große Unternehmen – etwa Kodak, Blackberry und Nokia – vertraue die Konzernleitung in Cupertino zu sehr auf vergangene Meriten und aktuelle Produkte, die jedoch bereits an Glanz verlören. Bisherige Erfolge basierten demnach auf der großen Bedeutung der User-Erfahrung, die Geschwindigkeit bei Innovationen und dem absoluten Willen, in jeder Kategorie des eigenen Geschäftsmodells führend zu sein.

Nun aber stehe sich Apple mit seiner strikten Geheimhaltungspolitik auch gegenüber Zulieferern selbst im Weg. Diese müssten oft neue Verträge unterzeichnen ohne zu wissen, was und wofür Apple damit plane. Ebenso werden Geschäftsbeziehungen aufgehoben, ohne nachvollziehen zu können, was man denn gegenüber Apple falsch gemacht habe. Cupertino lerne nicht aus den Erfahrungen von IBM, sondern beginne, der eigenen Propaganda zu glauben und stehe in Gefahr, die nächsten großen Innovationen auf den eigenen Märkten zu verpassen.

Das im Bau befindliche neue Apple-Hauptquartier, das an ein Raumschiff erinnert und fünf Milliarden US-Dollar verschlingen soll, sei in dieser Hinsicht nur ein Indikator, dass Apple von Hybris respektive Selbstüberschätzung bedroht ist.

Nun lässt sich sagen, dass solche Analysen und Hinweise sicherlich ihren Wert haben, vor allem, wenn sie bei den Machern in Cupertino gebührend Beachtung finden. Andererseits wissen auch diese Fortune-Experten nicht, welche neuen Produkte Apple in der Pipeline hat. So ist bekannt, dass sich Cupertino sehr intensiv um ein neues Geschäftsfeld im Bereich selbstfahrender Autos engagiert – eine Technologie, die zwar bereits von Konkurrenten wie Tesla besetzt ist und wo sich auch Google massiv einmischt. Trotzdem könnte Apple hier erneut Wegweisendes beisteuern. Die nächste Zukunft wird dies erweisen, auch welche Nutzer begeisterndes Produkte aus Cupertino allen Unkenrufen zum Trotz vielleicht doch noch kommen. Uns erscheint die (an einigen Stellen berechtigte) Kritik an Apple seitens beiden Autoren nicht so richtig uneigennützig. Wohl nicht zufällig ist vor kurzen von O’Reilly und Tushman ein Buch zu genau diesem Thema erschienen: „Führen und Bewegen: Wie man das Dilemma der Innovatoren löst“.

0 Kommentare zu diesem Artikel
2207167