923054

Fusion Sony und BMG bleibt umstritten

16.06.2004 | 15:19 Uhr |

Wohlgesetzte Worte, fein abgestimmte Argumente hinter verschlossenen Türen und viel Stillschweigen neben asiatischer Höflichkeit nach außen: Beim letzten großen Gefecht um die Fusion der Musikkonzerne Bertelsmann Music Group (BMG) und Sony Music mit den Wettbewerbswächtern der EU in Brüssel regierte das Florett.

Die Delegationen von Sony und Bertelsmann versuchten bei einer zweitägigen Anhörung erneut, die EU-Kommission von der Notwendigkeit einer Fusion zu überzeugen und deren Bedenken zu zerstreuen. "Der Markt fordert solche Maßnahmen", heißt es bei den Partnern aus Gütersloh und Tokio. Bis zu 300 Millionen Euro wollen beide Konzerne mit ihrem Joint Venture jährlich sparen. Eine Entscheidung der EU fällt am 22. Juli.

Wettbewerbskommissar Mario Monti und seine Leute fürchten vor allem stillschweigende Preisabsprachen unter den Großen der Branche und eine weitere Konzentration des Marktes. Schon jetzt machen die großen Fünf weite Teile des Handels mit bespielten Tonträgern unter sich aus. Sony ist seit langer Zeit die weltweite Nummer zwei hinter Marktführer Universal Music, einer Tochter des französischen Vivendi- Konzerns. Im Falle einer Fusion wäre Sony BMG mit einem Marktanteil von deutlich mehr als 20 Prozent dem Marktführer auf den Fersen. Kein Wunder dass Kritik weniger von den direkten Konkurrenten wie Universal, EMI und Warner Music kommt, sondern vor allem von den unabhängigen, kleineren Plattenfirmen, die gemeinsam noch einen Anteil von rund einem Fünftel am Weltmarkt halten. Sie fühlen sich in die Ecke gedrängt. Im Jahr 2000 hatten sie schon einmal die Fusionsabsichten von Warner Music und EMI torpediert. Die beiden hatten ihre Pläne dann zunächst einmal ad acta gelegt. Doch die Lage hat sich in den vergangenen drei, vier Jahren dramatisch geändert. Die Umsätze mit Musik gingen Jahr für Jahr zurück. Hauptargument der Fusionsaspiranten Sony und BMG ist daher auch der stark unter Druck geratene Weltmarkt mit bespielten Tonträgern. 2,7 Milliarden CD, Kassetten, Schallplatten, Musikvideos und DVD im Wert von 32 Milliarden US-Dollar gingen 2003 nach Angaben der Musikindustrie weltweit über die Ladentische. Deutschland ist daran mit sechs Prozent beteiligt, die USA dagegen mit 37 Prozent, gefolgt von Japan (15 Prozent) und Großbritannien (10 Prozent).

Die Zahlen bedeuten ein Minus beim Umsatz von 7,6 Prozent und bei der Stückzahl um 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Betrachtet man nur die Audio-Tonträger, kommt sogar ein Minus von 9,9 Prozent zu Tage. Grund sind vor allem Raubkopien und illegale Gratis-Downloads aus dem Internet. Die Branche ist zwar dabei, Gegenstrategien zu entwickeln. Ob das wirksam gelingt, bleibt auch nach dem Europastart des vom US-Konzern Apple vorgestellten Online-Shops iTunes fraglich. "In Deutschland wird inzwischen mehr Musik kopiert und heruntergeladen, als verkauft", sagt BMG-Vorstandsvorsitzender Rolf Schmidt-Holtz. Er beschreibt damit die Misere der Branche und liefert gleich eines der schlagenden Argumente für mehr Zusammenarbeit am Markt. Ausgerechnet Apple aber hat sich in Brüssel gegen die Fusion ausgesprochen.

In dem Dilemma um Piraterie und illegale Selbstbedienung aus dem Internet gibt es aber auch einen Hoffnungsschimmer für die Musikproduzenten: Der Verkauf von DVD-Videos schnellte im vergangenen Jahr um 67 Prozent nach oben. 1,8 Milliarden Stück wurden im vergangenen Jahr weltweit verkauft, Deutschland ist mit mehr als 100 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr noch vor Frankreich und Großbritannien die Nummer drei in diesem Marktsegment. Songs der Gruppen "Coldplay" und "U 2" führten 2003 die Hitliste die meistverkauften DVD-Videos an, gefolgt von Michael Jackson, Avril Lavigne und Led Zeppelin.

0 Kommentare zu diesem Artikel
923054