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Games people play - Spiele auf der Apple Expo

16.09.2002 | 13:58 Uhr |

Auf der vergangenen Apple Expo 2002 gab es einen bestimmten Teil der Messehalle, in dem sich die zahlreichen Besucher besonders oft auf die Füße traten.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Audio-Experten hatten auf der Pariser Apple-Messe unter anderem die Spieleschmieden Ambrosia und Mac Play ihren Auftritt - und die konnten sich vor Interessenten gar nicht retten.
Schon am Nachmittag des ersten Tages der Apple Expo hat Henry Price ein Problem. Als Chef der Marketing-Abteilung von Mac Play muss der sympathische Mittdreißiger aus dem texanischen Dallas seine potenziellen Kunden ohne eine Visitenkarte nach Hause schicken. "Ich bin völlig perplex. Mit so einem Ansturm habe ich wirklich nicht gerechnet", zeigt sich Price vom plötzlichen Erfolg überrascht. Selbst die digitalen Pressemappen auf CD neigen sich am Ende des Eröffnungstages bedrohlich dem Ende entgegen. Wenige Meter entfernt ist der Grund für die missliche Lage von Henry sichtbar. Denn ein Blick in die spielerische Ecke der Apple Expo offenbart jeden Tag das gleiche Bild: Mac-Benutzerinnen und Benutzer jeder Altersklasse belagern einen langen Tisch, an dem 16 aktuelle G4-Rechner mit den aktuellen Spielehits zu einer kleinen Entspannungsrunde locken.

Grundsätzlich scheint sich das professionelle Spiele-Angebot mit steigenden Absatzzahlen von Mac-OS X zu verbessern. Dennoch hinken Entwickler wie Mac Play der Windows-Welt durchschnittlich um sechs bis zwölf Monate hinterher. Beispiele aus der Praxis: Auf dem Mac stehen das Dungeons & Dragons-Rollenspiel "Icewind Dale" sowie Monoliths Agentenparodie "No One Lives Forever" gerade mal in den Startlöchern, während Windows-Spieler in den kommenden Wochen in beiden Fällen schon in die Fortsetzungen starten.

Lediglich Blizzard, Schöpfer der Markenzeichen "Diablo" und "Starcraft", versprechen der Apple-Plattform noch die uneingeschränkte Solidarität. Erscheinungstermine von Lichtblicken wie der Hybrid-Version von "Warcraft III" markieren Spielernaturen und Mac-Besitzer mit einem dicken, roten Kreis im Kalender. Als Preisträger des "Spätzünder des Jahres" darf sich die Umsetzung des Endzeit-Rollenspiels "Fallout 2" von Black Isle schätzen - fast volle sechs Sonnenumrundungen hat es gedauert bis auch Macs dem Nachkommen des Helden von Atombunker 13 in einem verwüsteten Los Angeles durch den verstrahlten Alltag helfen dürfen.

Einen besonderen Eindruck kann die Entertainment-Ecke der Apple Expo in diesem Jahr aber auf jeden Fall vermitteln: Trotz des erheblichen Zeitvorteils für Windows-Computer steckt in Mac-OS X das Potenzial, auf diesem Terrain wieder wertvollen Boden gut zu machen. Mit aktueller Hardware sind bei solchen Werken wie "Soldier of Fortune 2", "Aliens vs. Predator 2", "Medal of Honor: Allied Assault" und "Civilization III" keine Unterschiede zur PC-Fassung zu erkennen.

Auch Henry Price, der seine Kontaktdaten inzwischen auf die Rückseite von Visitenkarten seines Kollegen schreibt, ist vorsichtig zuversichtlich: "Auf Macs werden wir noch lange Zeit nicht das Spieleangebot von PCs haben. Dafür sind die Produkte von Apple noch viel zu teuer, als dass wir eine große Masse ansprechen könnten. Aber wir holen auf." Immerhin haben auch die Männer von Steve Jobs den Spiele-Trend erkannt - auf der Keynote demonstrierte LucasArts' "Jedi Knight II: Jedi Outcast" die 3D-Fähigkeiten von Mac-OS X 10.2. Bleibt zu hoffen, dass die momentane Sympathie-Welle für OS X auch in der Spielebranche wahr genommen wird. Und das Mitarbeiter von Mac Play für wichtige Messen genügend Visitenkarten einpacken. Henry Price hat sich das zumindest fest vorgenommen.

Dirk Steiger

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