977440

"Geiz ist geil" - Deutsche Konsumenten bleiben auf Schnäppchenjagd

20.09.2007 | 11:13 Uhr |

Von wegen "Geiz ist geil" war gestern. Tausende Schnäppchenjäger schleppen zu Hauf Laptops und DVD-Spieler wie Trophäen aus dem Laden. Zersplitterte Einkaufsscheiben, zerstörte Rolltreppen und Shoppen unter Polizeischutz.

Trotz besserer Einkommenssituation dank guter Konjunktur herrscht bei den Konsumenten offenbar immer noch die «Billig will ich»- Mentalität vor, wie jüngst der Sturm auf einen Berliner Elektronikmarkt zeigte. «Die Deutschen sind zwar keine Nation der Geizkragen, doch wenn sie etwas 50 Prozent billiger bekommen, jagen sie gerne Schnäppchen», heißt es beim Handelsverband HDE. «Da wird dann durchaus auch mehr gekauft als nötig», betont Sprecher Hubertus Pellengahr. Doch in den vielen Rabattaktionen liege eine Gefahr, wenn sie sich abnutzen. «Da sollten die Händler nicht überziehen.» Auch nach Einschätzung der Marktforscher von AC Nielsen wird das «Preisthema» die Konsumenten weiter verfolgen. Der Handel werde aber auch andere Themen platzieren. «Wenn alle günstige Preise anbieten, kann man sich damit nicht mehr hervorheben», betont Handelsexperte Axel Fikenscher. Verbraucherschützer beobachten eine bedrohliche «Abwärtsspirale bei den Wettbewerbssitten». Das gelte für Telefonwerbung genauso wie im Supermarkt. «Gerade die großen Lebensmittelketten, Discounter, Bau- und Elektronikmärkte haben mit ihren aggressiven Werbekampagnen "billig, billig" geradezu in die Köpfe der Verbraucher eingemeißelt, kritisiert Christian Fronczak vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Die Konsumenten müssen da höllisch aufpassen, denn oft sind vermeintlich günstige Angebote gar keine Schnäppchen. Viele Aktionen seien unlauter, wenn mit Lockvogelangeboten oder Mondpreisen geworben wird. Gegen zahlreiche Kampagnen laufen derzeit Verfahren vor Gericht. Die Verbraucherschützer fordern mehr Kontrollen und schärfere Sanktionen. Auch das Verbraucherinformationsgesetz greife viel zu kurz. Die Konsumenten müssten ihrerseits mehr auf Qualität achten und sich im Preisdschungel das beste Angebot heraussuchen. Mit «20 Prozent auf alles - hier spricht der Preis», «saubillig und noch viel mehr» oder «garantierten Tiefstpreisen» buhlen die Händler aggressiv um Kunden («Ich bin doch nicht blöd»). Ob im Möbel-, Elektronik- oder Textilhandel - in fast allen Branchen tobt weiter enormer Wettbewerb. Zugleich wird überall die Zahl der Märkte und Einkaufszentren erhöht, Verkaufsflächen werden massiv vergrößert. Fraglich ist aber, wo gerade in strukturschwachen Regionen oder auch armen Städten wie Berlin, die Kaufkraft für die vielen Angebote herkommen soll. Über den Erfolg ihrer Kampagne und gute Umsätze freut sich indes der zur Metro-Gruppe gehörende Media Markt. Allein zur mitternächtlichen Eröffnung des neuen Mediamarktes am Berliner Alexanderplatz kamen in der vergangenen Woche 5000 Schnäppchenjäger. 15 Menschen wurden bei dem Ansturm verletzt. «Der Preis spielt weiterhin bei der Kaufentscheidung eine wichtige Rolle», betont Geschäftsführer Roland Weise. Der Erfolgsslogan «Geiz-ist-geil» werde weiterentwickelt. Er war 2002 von der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt für die ebenfalls zur Metro gehörende Kette Saturn erdacht worden und traf die Schnäppchen-Stimmung der vergangenen Jahre. Konsumforscher beobachten zwar ein wachsendes Qualitätsbewusstsein der Verbraucher. Das Marktforschungsinstitut GfK in Nürnberg sieht einen Trend weg von Billigangeboten hin zu Markenprodukten. Da setze sich die «Marke-ist-Geil»-Einstellung zunehmend durch. Die Zeit der Sparsamkeit ist langsam vorbei, verzeichnet auch die Ernährungsindustrie. Doch jüngste Preiserhöhungen bei Milchprodukten oder die Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten können die bislang recht gute Konsumstimmung schnell umschlagen lassen. So ist der Handel auch wenig zuversichtlich. Für dieses Jahr erwartet die Branche preisbereinigt ein halbes Prozent weniger Umsatz. Schon im vergangenen Jahr war trotz guter Wirtschaftslage nur ein nominales Plus von 0,8 Prozent geschafft worden. «Die Aufholjagd muss in den kommenden Monaten erfolgen», betont Sprecher Pellengahr. (dpa)

0 Kommentare zu diesem Artikel
977440