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Geiz ist nicht mehr geil

08.08.2005 | 10:39 Uhr |

Dass die Geräte in den guten Stuben dieser Welt künftig mehrheitlich vernetzt sein werden, ist absehbar.

Selbst Geiz ist nicht mehr geil. Vom hochmodernen Flachbildschirmfernseher bis hin zur Gourmetküchenmaschine oder Natursteinfußmatte - jede Woche locken die großen Discounter mit neuer Aktionsware Kunden in ihre Läden. Lange konnten sich Aldi, Lidl, Plus, Penny oder Norma über ein boomendes Geschäft mit guten Gewinnmargen freuen. Doch angesichts weiter unsicherer Wirtschaftslage und völliger Marktsättigung türmen sich in ihren Lagern offenbar immer höhere Resteberge.

Das Non-Food-Geschäft rutscht jetzt auch bei den Discountern ins Minus, beobachtet das Marktforschungsinstitut Gfk. Beim Branchenführer Aldi stagniere dieses Segment schon seit 2003. In den vergangenen zwei Jahren habe der «Gottvater unter den Discountern» mit Computern, Damenwäsche, Matratzen oder Kindersandalen Erlöse von jeweils 5,2 Milliarden Euro erzielt - immerhin gut 20 Prozent des Gesamtumsatzes. «Das ist ein Riesenproblem, wenn der wichtigste Margenbringer wegbricht, denn mit Lebensmitteln wird immer weniger verdient», betont Gfk-Experte Wolfgang Twardawa. Der Lagerdruck werde immer größer.

Als deutliches Zeichen für Absatzprobleme im Non-Food-Segment werten auch andere Marktbeobachter die zunehmenden Resteverkäufe. So eröffnete Aldi Süd bereits im Frühjahr in der Nähe von Mannheim unter dem Namen «1001» einen ersten Restemarkt. Aldi Süd gehe damit neue Wege, um der Flut übrig gebliebener Ware aus dem Nichtlebensmittelbereich Herr zu werden, schrieb damals die «Lebensmittel Zeitung».

«Es ist eine massive Sättigung eingetreten», betont auch Handelsexpertin Kerstin Lehmann von der Strategieberatung OC & C in Düsseldorf. «So viele PCs können die Menschen gar nicht kaufen, wie von den Discountern auf den Markt geworfen werden.» Die Wachstumsgrenzen seien erreicht, der Erfolg ausgereizt.

Die Branche selbst äußerst sich höchst zurückhaltend. «Bei uns gibt es ein bis zwei Mal im Jahr so genannte Zeltverkäufe für Resteartikel», heißt es bei Lidl. Zu dem Umfang der liegen gebliebenen Ware werden aber keine Angaben gemacht. Ähnlich verlautet es bei Penny oder Norma. Plus nutzt nach eigenen Angaben immer mal wieder aufgebene Filialen vorübergehen als Resterampen. «Das Kaufverhalten ist immer unterschiedlich, da kann es schon mal vorkommen, dass Artikel im Restemarkt landen», sagt eine Sprecherin des zur Tengelmann-Gruppe gehörenden Discounters.

Vor gut zwanzig Jahren tauchten in den Regalen von Aldi & Co erstmals auch Non-Food-Waren auf. «Das waren zunächst meist Haushaltswaren», berichtet Handelsexperte Twardawa. Heute werden sogar Mietwagen, Einfamilienhäuser oder Urlaubsreisen angeboten. Mit billigen Flug- oder Bahntickets versuchten jüngst Lidl, Aldi und Penny zusätzliche Kunden in ihre Läden zu locken.

In den vergangenen Jahren sind nach GfK-Angaben die Erlöse im Non- Food-Segment insgesamt dramatisch zurückgegangen. Wurden 1997 noch gut 173 Milliarden Euro umgesetzt, waren es 2004 nur noch rund 150 Milliarden Euro. Zeitgleich nahm die Zahl der Player enorm zu, sehr zu Lasten des ohnehin gebeutelten klassischen Einzelhandels.

Allein der Hamburger Kaffeeröster Tchibo macht mit Handys, Kochtöpfen oder Babyausstattung mehr als die Hälfte seines Umsatzes. Reste werden auch hier in mittlerweile 20 so genannten Prozente-Läden verkauft. Zudem gewinnt das Internet als Vertriebskanal für Non-Food- Waren an Bedeutung. Im vergangenen Jahr wurden laut GfK online bereits 7,6 Milliarden Euro umgesetzt, vor drei Jahren betrug der Umsatz noch etwa 4,1 Milliarden Euro.

Die Konsumforscher beobachten indes einen Wandel im Konsumverhalten: Die Verbraucher achten wieder mehr auf Qualität und Marke. «Der Einkauf beim Discounter wird als graue Routine erfahren und erzeugt ein Gefühl der Verarmung», betont auch Markenverbandschef Johann Lindenberg. Hinzu kommt, dass die Discounterware durch Rückrufaktionen oder negative Testberichte zunehmend in Verruf kommt. So wurden bei Aldi erst jüngst unsichere Schraubendreher oder nicht vorschriftsmäßige Kettensägen bemängelt. «Da könnte der klassische Einzelhandel wieder Chancen bekommen», sagt Marktbeobachter Twardawa.

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