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Google Glass ausprobiert

18.10.2013 | 10:16 Uhr |

Google hat im Frühling eine neue Produktkategorie vorgestellt – Google Glass. Gemeint ist damit eine digitale Brille mit Internetverbindung, die dem Nutzer ständig neue Daten zu den Objekten aus der Umgebung anzeigt. Soweit die Theorie – wir haben den Praxis-Check gewagt.

Mit seiner digitalen Brille Google Glass hat der Suchmaschinenkonzern in diesem Sommer gerade zu einen Hype ausgelöst. Der Ansatz des "wearable devices": Mit der smarten Brille wird der Mensch unterwegs noch vernetzter. Die angereicherte Realität –  Augmented Reality – nimmt von plumpen schwarzweißen QR-Codes ausgehend die nächsten Schritte und begleitet den Nutzer stets. Noch ist das neue Gerät nicht zu kaufen, das Unternehmen hat aber damit mehrere Beta-Tester, vornehmlich aus der Blogger-Szene, ausgestattet und so schwappte deren Begeisterung ins Internet. Verständlich: Google Glass verspricht ein Stück Zukunft, in der der Datenfluss von den herkömmlichen Hardware-Geräten wie Smartphones oder Computer losgelöst und die Interaktion des Nutzers auf ein Minimum gesetzt ist.

Von Google beim Test begleitet

Wir konnten auf der Messe InsideAR in München letzte Woche Google Glass ausprobieren und waren nach hohen Erwartungen enttäuscht. Erst im Nachhinein ist uns aufgefallen, dass die Autoren der Glass-Reviews, sei es Cnet , The Verge oder eben die FAZ , ständig von Google-Mitarbeitern begleitet waren. Dies hat mehrere Gründe.

Unser erster Versuch, Google Glass zu testen, scheiterte noch vor Beginn: „Wir haben derzeit kein funktionierendes Glass, wollen Sie unsere App nicht auf dem iPad ausprobieren?“ – so lautete das Angebot des Ausstellers. Ansonsten gerne, aber heute wollen wir das nicht und ziehen weitere Runden durch die Ausstellungshalle. Drei Marketing-Apps eines bekannten Fast-Food-Anbieters und einen Vortrag später gelangen wir an den gleichen Stand. Nun haben wir Glück und dürfen Google Glas über die eigene Nase stülpen. Der Name des Geräts ist etwas euphemistisch geraten: Das Glass besteht nur aus einem schmalen Draht-Gestell und Plastikbügel. An der rechten Seite des Gestells steckt die meiste Technik: Im Bügel ist ein Akku und eine Touch-Steuerungsfläche eingebaut. Über das rechte Auge kommt eine Art Prisma, das die Infos auf das Glas projiziert.

Das Herzstück im Google Glass: Die kleine Linse hat einen eingebauten Bildschirm. Dort werden alle Infos projiziert.
Vergrößern Das Herzstück im Google Glass: Die kleine Linse hat einen eingebauten Bildschirm. Dort werden alle Infos projiziert.

Wir probieren zwei Apps aus, die nicht direkt von Google kommen, sondern von einem Drittentwickler stammen. Dabei handelt es sich um einen interaktiven Helfer für Autofahrer, der über das Glass die wichtigsten Bestandteile unter der Motorhaube anzeigt und auf fällige Wartungen wie den Ölwechsel hinweist. Die zweite App ist eine Navi-App für die AR-Messe, die den Glass-Träger über die Aussteller und Stände informieren soll. Doch gleich bei den ersten Tests erkennen wir die Nachteile des neuen Geräts: Die Darstellung auf dem eingebauten Bildschirm im Glass kann man nur schwer erkennen. Die Schriften passen sich dem kleinen Bildschirm an, vor allem die Verzerrung durch die Glasschicht macht manche Bezeichnungen besonders an den Rändern fast unlesbar.

Apple und wearbale Devices

Apple-CEO Tim Cook hat im Frühsommer Googles Brillenprojekt skeptisch kommentiert. Auf der Konferenz D11 meinte er , wearable devices wären noch nicht ausgereift genug, um mehr als eine Funktion zu übernehmen, wie etwa Fitnessgeräte. Insbesondere sehe er es als schwierig an, Leute zum Tragen einer Brille zu überreden, womöglich wäre das Handgelenk eine bessere Option. Zahlreichen Spekulationen zufolge arbeitet Apple intensiv an einer intelligenten Armbanduhr, aber auch Google befasst sich mit dem Thema.

Viele Sensoren, kaum Platz für den Akku

Google Glass führt eine ziemlich lange Liste der eingebauten Sensoren . So kann die App erkennen, dass der Nutzer gerade auf das Auto schaut und eine Grafik in Form einer gelben Ölkanne anzeigen, die den Ölwechsel bedeutet. In der Praxis bedeutet dies, dass der Nutzer unter einem bestimmten Winken den Kopf halten muss, bis Glass erkennt, dass jetzt die Ölkanne angezeigt werden soll. Die Tester vor uns haben die gängigen Google Apps ausprobiert und die lassen sich wie bekannt über die Spracheingabe steuern. Auf der Messe wollten wir alle verfügbaren Apps ausprobieren und haben den Entwickler gebeten, noch die Messe-Navi-App zu zeigen. Den App-Wechsel hat er uns nicht zugetraut, die Google-Brille wanderte auf die Nase des Ausstellers.

Verwöhnt von den modernen Smartphones und der Schnelligkeit der eigenen Google Suche via Google Now haben wir erwartet, dass der Entwickler mit einem Sprachbefehl oder mit einer Touch-Geste die Apps wechseln kann. Doch es kam anders als erwartet. Falls sich die Google-Technologie in der Praxis durchsetzt, müssen wir uns an den Anblick von seltsamen Menschen gewöhnen, die geistesabwesend in die Ferne schauen und zärtlich ihr Brillengestell streicheln. So zumindest funktioniert aktuell der App-Wechsel mit dem Google Glass.

Die extrem kurzen Laufzeiten erklären sich fast von selbst: Der Akku steckt im Brillenbügel.
Vergrößern Die extrem kurzen Laufzeiten erklären sich fast von selbst: Der Akku steckt im Brillenbügel.

Der richtige Spaßverderber in der Google-Brille ist der eingebaute Akku. Eine Stunde soll die Batterie in einem Normallbetrieb halten. Auf der Messe in einem Stresstest ständig im Einsatz, verabschiedet sich das Glas nach fünfzehn Minuten. Zugegeben, ein Brillen-Bügel ist eine echte Herausforderung für die Hardware-Ingenieure bei Google, doch die kurzen Laufzeiten fesseln den Nutzer regelrecht an die Steckdose. Lächelnde Menschen, die durch die Straßen mit Google Glass laufen, werden wohl noch eine Weile ein Zukunftstraum bleiben.

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