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Google und Spiegel greifen Wikipedia an

19.12.2007 | 10:24 Uhr |

"Etwas wie Wikipedia - das wollen wir auch": Dieser Satz könnte sowohl bei Spiegel als auch bei Google gefallen sein. Beide Seiten kündigen neue Wissens-Portale an, die mit der kooperativen Online-Enzyklopädie Wikipedia konkurrieren sollen. Und Wikipedia-Gründer Jimmy Wales will mit einer offenen Suchmaschine kontern. Werden die Informationsgiganten erfolgreicher sein als Xanadu, Nupedia und h2g2 in der Vergangenheit?

Das Internet - unendliche Weiten, unendliches Wissen. Aber wie findet man im virtuellen Raum den gewünschten Wissens-Planeten, wie zuverlässig sind Informationen? Mindestens zwei große Ordnungssysteme haben sich durchgesetzt: Die Enzyklopädie und die Suchmaschine. Während die Enzyklopädie Wikipedia fest in der Hand der Open Source-Szene ist, nimmt die Bedeutung von Googles geschlossenem Systems für die allgemeine Suche zu: Das Wort "googlen" für die Suche im Internet ist längst im Sprachgebrauch verankert.  

Google auf Enzyklopädie-Kurs

Die Wikipedia wächst und zieht mehr und mehr Leser an, als Ausgangspunkt für die Informationssuche ist sie oft besser geeignet als Google. Also war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Suchmaschinengigant reagieren und eine eigene "Enzyklopädie" im Netz schaffen würde: Google nennt seine neue Wissensplattform "Knol", am 13.12. hat Udi Manber sie der Öffentlichkeit vorgestellt und die Ziele abgesteckt: Während der einzelne Autor in der Open Source-Enzyklopädie Wikipedia dem Konsens der Masse weichen muss, will ihn Knol in den Vordergrund rücken. Der Google-Manager argumentiert in seinem Blog, dass Bücher und Zeitschriftenartikel den Autorennamen ebenfalls prominent publizierten, die Bedeutung des Verfassers im Web bisher aber nicht genügend gewürdigt werde. Der Hintergrund dieser Aussage: Wikipedia-Artikel sind stets eine Gemeinschaftsarbeit. Google will Autoren Webseiten zur Verfügung stellen, die "knol" genannt werden, mit einem kleinen Anfangsbuchstaben. Der Autor darf seine Artikel nicht nur selbst schreiben und editieren, er soll sich dabei selbst mit Bild ins rechte Licht rücken. Auf die Inhalte will Google keinen Einfluss nehmen, alles sei möglich, vom kleinen Fachartikel bis hin zur Produktvorstellung. Auch die Community soll stark eingebunden werden, obwohl sie nicht direkt in die Artikel eingreifen dürfe: Leser dürften Kommentare schreiben, Fragen stellen, auf zusätzliche Inhalte hinweisen und Artikel ähnlich wie Produkte bei Amazon mit Sternchen bewerten. Ein Artikel werde auch Referenzen und Links und auf Wunsch des Autors sogar Google-Anzeigen enthalten, der könne sich dabei ein wenig dazu verdienen. Klingt alles bekannt? Es wird sich zeigen, ob aus Googles neuem Projekt letztlich nicht doch "nur" eine neue Plattform für Fachblogs unter dem Dach der Suchmaschine wird.  

Wikipedia auf Suchmaschinen-Kurs

Die Reaktion Wikipedias lässt nicht lange auf sich warten. In diesen Tagen will Jimmy Wales mit seiner Firma Wikia.com eine eigene, aber offene Suchmaschine online stellen, wie er der Wochenzeitung "Die Zeit" verrät, die das Interview morgen in der Printausgabe veröffentlicht. Im Gegensatz zu den geschlossenen Systemen will Wales den Suchalgorithmus jedem zugänglich machen und Internetanwender dazu motivieren, an der neuen Suchmaschine mitzuarbeiten. Sie können und sollen gefundene Seiten als Spam markieren können, wenn der Inhalt nicht ihren Erwartungen entspräche. Kämen dabei genügend "Platzerweise" zusammen, werde die Seite aus dem Suchindex entfernt.  

Spiegel spielt mit und spiegelt Wikipedia im eigenen Portal

Etwas konkreter als die Pläne von Google und Wikia erscheint ein Vorhaben des Spiegel, das dieser kurz nach Knol am 17.12. angekündigt hat. Hinter "Spiegel Wissen" steckt ein Joint Venture aus der Spiegel-Gruppe und der Bertelsmann-Tochter Wissen Media Group, das "multimediale Rechercheportal im Internet" soll im Frühar 2008 starten und bislang verstreute Quellen zusammenfassen: Inhalte aus Spiegel, Spiegel Online, Bertelsmann-Lexika, -Wörterbüchern und aus Wikipedia. Die Informationen sollen dabei durch eine achtköpfige Redaktion aufbereitet, aktualisiert und erweitert werden, finanziert wird das neue Portal über Werbung. Ein netter Nebeneffekt: In Zukunft sollen alle Inhalte des Wochenmagazins Spiegels seit der Gründung im Jahr 1947 kostenlos abrufbar sein. Einzige Ausnahme soll das jeweils aktuelle Heft bleiben, das weiterhin als kostenpflichtige E-Paper-Version im Netz erhältlich sein wird.  

Rücksturz: h2g2 und Xanadu

Knol und Spiegel Wissen haben prominente Vorbilder, die aus unterschiedlichen Gründen mehr oder weniger gescheitert sind - trotz prominenter Fürsprecher wie Douglas Adams. Der Kult-Autor hatte 1999 die Plattform h2g2 ins Leben gerufen, der Wikipedia-Vorläufer wurde wegen finanziellr Schwierigkeiten aber schon kurz danach von der Englischen BBC übernommen. Die immer noch existierende "Earth-Edition" des Hitchhiker's Guide to the Galaxy konnte eine eigene, treue Fangemeinde gewinnen, im August 2006 wurde der 8000ste zuverlässige Eintrag verzeichnet. Dazu kommen unzählige nicht überarbeitete Artikel im Wissensuniversum. h2g2 setzt auf die Methode Peer-Review, nach der Gutachter Artikel bewerten und für die zuverlässige Fassung empfehlen - ähnlich wie der Wikipedia-Vorgänger Nupedia von Jimmy Wales und Larry Sanger, der sich nur zäh entwickelte - erst die Öffnung mit Wikipedia im Jahr 2001 brachte den heute bekannten Erfolg. Wer noch weiter zurück schaut, stößt auf ein "sagenhaftes" Projekt: Xanadu wurde schon 1960 von Ted Nelson erdacht und sollte eine universale Bibliothek mit miteinander vernetzten Dokumenten sein. Sogar ein Micropayment-System hat der Erfinder skizziert, allerdings wurde das Hypertext-Projekt nie fertig gestellt. Wenn man Wikipedia trauen kann, dann beeinflusste aber das (zu) komplizierte Enzyklopädie-System Tim Berners-Lee bei der Entwicklung des World Wide Web sowie Ward Cunninghams Wiki-Konzept.  

Ein wenig Zukunft: Semantische Netze

Eine Zukunftsperspektive könnten semantische Netze bieten. Dieser Nebenzweig der künstlichen Intelligenz will aus großen Informationshalden brauchbares Wissen filtern. Im Gegensatz zu bisherigen Computereingaben sollen in einigen Anwendungsgebieten auch ganze Sätze zum Ziel führen: "Was ist der Sinn des Lebens und wer hat ihn entdeckt?" Einem Computer eine Antwort abzuringen, mit der Mensch auch etwas anfangen kann, fiel nicht nur Deep Thought in "Per Anhalter durch die Galaxis" schwer. Wie weit die Entwicklung dieser Technik inzwischen gekommen ist, lässt sich mit einer neuen Suchmaschine überprüfen: True Knowledge wird in Cambridge entwickelt und will "echte" Fragen von Mensch und Computer beantworten. Die öffentliche Betaphase hat begonnen, Anmeldungen sind jetzt möglich. Gleich, welche Ansätze verfolgt werden: Es geht immer darum, die gewaltige, unsortierte Informationsmenge und Informationsmacht im Netz in zugängliches und verständliches Wissen zu verwandeln. Hypertext ermöglichte die Verknüpfung von Information. Suchmaschinen, einen Teil des Internets nach Stichworten zu durchsuchen. Mit Online-Enzyklopädien soll relevantes, möglichst gesichertes Wissen abgebildet werden. So ausgereift diese Systeme uns heute vielleicht erscheinen mögen, perfekt sind sie nicht. Zu viele Fragen sind und bleiben noch unbeantwortet, wie die Frage, wem das Wissen im Internet gehört. Aber wenigstens wissen wir die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Bild: endolith. Some rights reserved. Flickr

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