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Hacker und Musikindustrie spielen Hase und Igel

27.05.2002 | 14:46 Uhr |

Kaum ist der Trick mit dem Filzstift bekannt, ist er schon wieder veraltet

München/dpa- Großes öffentliches Aufsehen erregte das Computermagazin Chip mit ihrem Filzstift-Trick. Ein einfacher schwarzer Filzstift sollte den CD-Kopierschutz Key2Audio überlisten können, der viele Musik-CDs mit Computern inkompatibel macht.
Bei einigen Laufwerken führt das Einlegen einer CD mit diesem Kopierschutz sogar zu Systemabstürzen. Käufer des neuen iMacs mussten etwa feststellen, dass sich nach dem Einlegen der neuen Celine-Dion-CD ihr Computer nicht mehr benutzen liess. In einigen Fällen half hier nur noch der Trick mit der Büroklammer

Wie die Chip berichtete , muss der aufgemalte Streifen lediglich eine bestimmte Linie auf der Unterseite der CD berühren. Diese Linie trennt die Klang- Informationen von so genannten korrupten Daten. Letztere sind der Kopierschutz. Denn stößt ein CD-Rom-Laufwerk beim Lesen einer CD auf den Schutz, spielt es die Scheibe nicht ab. Kann das Laufwerk diese Daten wegen des Striches nicht vollständig erkennen, sieht es über sie hinweg.

Einfacher Trick, aber leider bereits veraltet


Nachdem der Trick durch die Medien ging, gab es jetzt erste Reaktionen der Musikindustrie. "Die Filzstift-Methode ist so banal, dass wir darauf erstmal gar nicht gekommen sind", so der Kopierschutzbeauftragte von Sony Music Deutschland, Erik Hoffmann. Die Sony-Tochter DADC in Salzburg hat "Key2Audio" entwickelt. Nachdem die Filzstift-Variante den Experten von Sony bereits Ende Dezember 2001 zu Ohren kam, reagierten sie sofort: "Wir haben die zunächst sichtbare Trennlinie ganz einfach unsichtbar gemacht." So weiß niemand mehr, wo der Stift anzusetzen ist und "Key2Audio" ist so sicher wie zuvor angenommen. Zumindest auf den CDs, die von Januar an gepresst wurden.

Den zuvor produzierten Exemplaren kann der Filzstift jedoch noch den Garaus machen. "Bei unseren Tests hatten wir wohl solche "Key2Audio"-Versionen, denn wir haben den Schutz überlistet", sagt "CHIP"-Chefredakteur Thomas Pyczak. Das Computer-Magazin berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über die Filzstift-Methode und erntete ein großes Leser-Echo. Bei den Kopier-Versuchen des Magazins überlistete der Filzstift auch die weit verbreiteten Kopierschutzsysteme "Cactus Data Shield 100/200".

Der Bundesverband der Phonografischen Wirtschaft mit Sitz in Hamburg reagiert auf solche Berichte sehr gereizt. "Viele Menschen kopieren Musik, statt sie zu kaufen, während offenbar diese Zeitschriften das Thema für sich selbst als Möglichkeit zur Umsatzsteigerung entdeckt haben", sagt Verbandsvertreter Michael Karnstedt. "'Schöner Wohnen' schreibt ja auch nicht, wie man am besten in ein Reihenhaus einbricht", ergänzt der Verbandsvorsitzende Gerd Gebhard.

Das dicke Ende kommt noch


Insgesamt sank der Umsatz der Phonoverbände des Verbandes in 2001 im Vergleich zum Vorjahr nach eigenen Angaben um 10,2 Prozent von 2,49 Milliarden auf 2,24 Milliarden Euro. Erstmals sollen mehr CDs illegal "gebrannt" als CD-Alben gekauft worden sein.

"Wir sind gegen den Handel mit Raubkopien, aber es ist nicht verboten, für den privaten Gebrauch Kopien zu machen und auch mal einzelne gebrannte CDs an Freunde zu verschenken", meint Pyczak. "Mich persönlich nervt auch, dass ein Kopierschutz oft verhindert, dass ich mir zum Beispiel bei der Arbeit am Computer eine CD im Laufwerk abspiele." Einige der Schutztechniken verhindern sogar das Abspielen in Auto-CD-Spielern.

Die Musikindustrie fordert eine Novelle des Urheberrechtsgesetzes und bekommt dabei Unterstützung vom Gesetzgeber, berichtet "CHIP". Demnach sollen Kopierschutztechniken nicht mehr umgangen werden dürfen. Pyczak: "Heute ist alles, was nicht explizit verboten ist, erlaubt. Nach der Gesetzesnovelle wird wohl alles, was nicht explizit erlaubt ist, verboten sein." sw/dpa

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