873966

Hackerschule für Computerfreaks in Moskau

21.09.2000 | 00:00 Uhr |

Pragmatisch sieht die Moskauerin Antonina Andrejewa einer Prüfung ihres Sohnes entgegen, die westeuropäische Mütter in blanke Panik versetzen würde. Sie hofft einzig und allein auf ein gutes Abschneiden ihres 14-jährigen Sohnes an einer Schule der modernen Art: Ilja Wassiljews Ziviler Hackerschule.

Dass Hacker einen zweifelhaften Ruf genießen, stört sie dabei wenig. "Was die Zeitungen über Hacker schreiben, interessiert mich nicht", sagt die Mutter bestimmt. So denken die meisten Eltern der rund 50 Prüflinge in diesem Jahr. In einem Land, in dem Computer ein durchschnittliches Jahresgehalt kosten, ist eine gute Ausbildung der Optionsschein auf künftigen Wohlstand.

"Ein Hacker braucht als erstes seinen Kopf, dann Zettel und Stift und zuletzt einen Computer", erklärt der 26-jährige Schulleiter Ilja Wassiljew. Seit 1996 lehrt der Computerfreak mit wallendem Haar und Hippiebart höhere Programmiersprachen, Computertechnik - und wie man Virenprogramme schreibt und bekämpft. Für 20 Mark im Monat und mehr können sich auch Computerfreaks in aller Welt per E-Mail unterrichten lassen. Seine Absolventen sollen als Systemadministratoren später Hackerangriffe abwehren können.

Viel wichtiger als die Computerausbildung ist dem Autodidakten deshalb, dass seine Schule keine Kriminellen züchtet. "Ein Hacker verbindet technisches Können mit hohen moralischen Werten", sagt der Autodidakt. Wassiljew predigt seinen Schülern ein Mantra, das östliche Religion und den Hacker-Knigge aus jenen Tagen verbindet, als die Computergemeinde Russlands noch übersichtlich war. Heute ist der Virenhippie stolz darauf, dass bislang keiner seiner Absolventen straffällig geworden ist.

Inzwischen interessiert sich auch der KGB-Nachfolger, der Inlandsgeheimdienst FSB, für Computerkriminalität. Erst im Juni dieses Jahres hatte der Dienst einen litauischen Computerspezialisten als vermeintlichen CIA-Spion enttarnt. Wassiljew selbst geriet vor drei Jahren ins Fadenkreuz des Ermittler. Damals forderte der FSB den Meister zur Zusammenarbeit auf. Der aber lehnte ab. "Ein Geheimdienst teilt seine Informationen nicht mit anderen. Das aber ist die wichtigste Hackertugend", begründet er seine Entscheidung.

Zumindest bei den mittleren Semestern scheint das Konzept des Virengurus aufzugehen. Maxim Maljakschin (19) ist in der Hackerhierarchie der Wassiljew-Schule so weit aufgestiegen, dass er sich nun um seinen künftigen Arbeitsplatz kaum Gedanken machen muss. "Bald werde ich mir einen Job aussuchen können", sagt er selbstbewusst.

Und noch bietet der Moskauer Programmierermarkt ausreichend Stellen für "moralisches" Hacken. Doch ob Wassiljews Lehre gegen die Logik des Marktes standhält, bleibt abzuwarten. Zu befürchten steht, dass, sobald die Konkurrenz wächst, auch viele Wassiljew-Absolventen ihr Wissen meistbietend verkaufen. Die desolate russische Wirtschaft macht Moral zu einem teuren Luxus. dpa

0 Kommentare zu diesem Artikel
873966