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Handy-Manie in Ostafrika

06.04.2001 | 00:00 Uhr |

Auf der schneebedeckten Spitze des Kilimandscharo
prangt seit neuestem ein Handy-Sendemast. Der stählerne Turm der
Firma Vodacom auf dem 5 895 Meter hohen Gipfel in Tansania ist nicht
nur der höchste Telekommunikations-Mast der Erde. Er ist auch ein
Symbol für die Handy-Manie in Ostafrika. Handy-Sendemasten sprießen
dort wie Pilze aus der Erde. Sie versprechen nicht nur Entwicklung:
Ein falsches Bimmeln am falschen Ort kann auch gefährlich sein.

«Wir werden unseren Kunden in Kürze das Telefonieren vom
entlegensten Punkt des Landes ermöglichen», sagt ein Sprecher der
kenianischen Mobiltelefongesellschaft Safaricom in Kenia. Auf dem
höchsten Berg des Landes, dem Mount Kenia, sei es bereits möglich.
Und am entlegenen Baringo-See im Norden des Landes gebe es jetzt
neben Hippos auch Handys. Die roten und weißen Masten der
rivalisierenden Handyanbieter sollen demnächst auch die kenianische
Savanne verzieren. «Wenn Sie als Tourist einen Löwen sehen, können
Sie das gleich an ihre Großmutter in Deutschland durchtelefonieren»,
schwärmt der Firmensprecher.

Natürlich gebe es für derartige Einriffe in die Natur wichtigere
Kommunikationsgründe, räumte James Rege von Vodacom Tansania in der
südafrikanischen Zeitung «Business Day» ein. Der Mast am
Kilimandscharo böte wie andere Stationen in einsamen Gegenden auch
schnelle Hilfe in der Not. Das tansanische Gesetz zumal kommt den
Handyanbietern entgegen, indem es gar nicht erst auf langwierige
Umweltstudien pocht. «Um sicherzustellen, dass unsere Aktivitäten
nicht die natürliche Schönheit des Kilimandscharo stören, haben die
Techniker die Basisstation im Marangu-Camp 3 000 Meter vom Gipfel
entfernt aufgebaut», sagte Rege dem Wirtschaftsblatt.

In der afrikanischen Subsahara, in der nach UN-Studien bislang
lediglich 1,4 Prozent aller Menschen an ein festes Telefonnetz
angeschlossen sind, stören sich die wenigsten am Anblick eines
Masten in einem Naturreservat. Er garantiert ihnen blitzschnell den
Anschluss an die Welt, auf den sie sonst unter Umständen 20 Jahre
oder länger warten müssen. Mit 0,5 Prozent Mobiltelefonbesitzern in
der Gesamtbevölkerung liegt das Gebiet jedoch - lediglich unterboten
von Südasien - noch immer an letzter Stelle der Weltskala.

Der neue Handy-Boom birgt für die mobilen Telefonierer in Kenia
jedoch auch Gefahren: So riskieren Parlamentarier in Nairobi, aus
dem Plenum zu fliegen, wenn ihr Handy während einer Sitzung bimmelt.
Das Klingelkonzert der stolzen Telefonbesitzer hatte ihre mitunter
neidischen Kollegen so sehr gestört, dass sie diesen Antrag im
vergangenen November einbrachten.

In Supermärkten oder an Tankstellen der Stadt mit einer der
höchsten Kriminalitätsraten Afrikas kann ein Anruf zur falschen Zeit
noch fatalere Folgen haben: «Ein Kunde, der zum Zeitpunkt eines
Überfalls von den Gangstern beim Telefonieren ertappt wird, riskiert
seinen Kopf», sagt ein Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes: «Der
Gangster denkt sofort, dass er die Polizei alarmiert und schießt.»
Ein Mast in der Savanne, meint der Safaricom-Sprecher dagegen, kann
weit weniger anrichten: «Keine Löwe», behauptet er, «wird sich durch
das Klingeln eines Telefons gestört fühlen.»
dpa

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