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Handyproduktion in Deutschland vor dem Aus - Nokia knipst Licht aus

15.01.2008 | 21:11 Uhr |

Es war nur ein kurzes Aufbäumen, als der Deutschland-Chef von Motorola vor drei Jahren noch vollmundig erklärte: Auch in diesem Land könnten Handys wettbewerbsfähig hergestellt werden.

Motorola hat im vergangenen Jahr den Rückzug angetreten und seit Mitte Januar 2008 ist klar - die Produktion von Mobilfunkgeräten in Deutschland ist tot. Der weltweit größte Handyhersteller Nokia knipst als letzter namhafter Hersteller das Licht aus. Rund 2300 Menschen am Standort Bochum stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Dass der finnische Weltmarktführer die Reißleine zog, kann Fachleute kaum überraschen. «Die Schließung des Werkes in Bochum ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Nokia langfristig zu sichern», begründete der Aufsichtsratschef der Nokia GmbH, Veli Sundbäck, lapidar den Rückzug der Finnen. Bei den Kosten sei die Handy-Produktion einfach nicht mehr darstellbar. Dabei gehe es nicht nur um die direkten Lohnkosten. «Alle an der Produktion hängenden Kosten sind in Deutschland deutlich höher», wie es bei Nokia hieß. Die Alternativen heißen jetzt: Rumänien, Ungarn und Finnland. Für die betroffenen Beschäftigten ist die Schließung eine bittere Pille. Der neue Bezirksleiter der IG Metall in NRW, Oliver Burkhard, spricht von «bodenloser Sauerei» und kündigt Widerstand an. Tatsächlich werden an diesem Tag für viele Nokianer in Bochum böse Erinnerungen wach: Gar nicht weit entfernt, im niederrheinischen Kamp-Lintfort, gingen Ende 2006 die Lichter aus, nachdem der taiwanesische Hersteller BenQ Mobile die dortige Handyproduktion einstellte.

Auch das Ende der Handyproduktion des US-Herstellers Motorola in Flensburg hatte Wellen geschlagen. Mitte 2007 kündigte das Unternehmen an, die Fertigung komplett nach Asien zu verlagern. Zu Spitzenzeiten standen bei Motorola in Flensburg einmal 3000 Menschen in Lohn und Brot. Doch Standortgarantien konnte der US-Hersteller nicht einhalten, auf dem Weltmarkt geriet Motorola in die Zwickmühle. Der deutsche Hersteller Hagenuk war schon Mitte der 90er Jahre Pleite gegangen und Bosch zog sich im Jahr 2000 aus dem Handy-Geschäft zurück.

Den großen Herstellern geht es inzwischen ums nackte Überleben. Der Druck auf die Margen hat mit dem rasanten Preisverfall enorm zugenommen. Und wer den Trend verschläft, der muss die Zeche zahlen. «Handys sind inzwischen Massenprodukte mit schmaler Marge geworden», sagt der Präsident des Branchenverbandes BITKOM, August-Wilhelm Scheer, der sich enttäuscht zeigt über die Nokia-Entscheidung. Doch bei den Produktionskosten komme es auf jeden Cent an. Das sieht auch Nokia-Personalchef Juha Äkräs so: Die Komplexität der Telefone werde immer höher. Gleichzeitig hätten sich die Preise der Handys in den vergangenen Jahren halbiert. «Dieser Trend wird sich fortsetzen», prophezeit Ärkräs. Tatsächlich lässt sich diese Entwicklung auch an den Zahlen des Verbandes ablesen.

So sind nach BITKOM-Angaben in Deutschland derzeit noch 57 500 Menschen in der Herstellung von Kommunikationstechnik beschäftigt. Im Jahr 2000 waren es 80 000 Frauen und Männer. Die Zuwachsraten flachen ab. 2007 wurden in Deutschland 36,5 Millionen Handys verkauft, sechs Prozent mehr als im Vorjahr. In diesem Jahr soll nur noch ein Plus von zwei Prozent herausspringen. Der Nokia-Konzern, der seit 1989 in Bochum Handys herstellt, hat Deutschland dennoch nicht komplett abgeschrieben. Der deutsche Markt seit weiterhin wichtig. Der Fokus werde künftig auf Forschung und Entwicklung und beim Ausbau von Internet-Services liegen, wo auch 200 neue Stellen geschaffen würden, sagt Sundbäck. Doch das klingt für die Nokia-Beschäftigten in Bochum in diesen Tagen nur wie blanker Hohn. (dpa)

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