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Hofiert Intel Apple?

16.04.1999 | 00:00 Uhr |

Von Tony Smith, Macweeks The Register
Übersetzung: Lars Felber

Wenn jemand in einer Usenet-Newsgroup behauptet, Apple wolle den
strategischen Schritt eines Wechsels von der PowerPC-Plattform hin zu
Intel vollziehen, dann kann man das getrost übersehen. Hört man selbiges
aber aus dem Mund eines ranghohen Mitarbeiters der Intel Architecture
Group, die für die Entwicklung der IA-32- und IA-64-Bit-Prozessoren der
Firma verantwortlich ist, dann sollte man innehalten.
The Register hat diese Woche genau diese Behauptung von genau dieser
Quelle vernommen - und die war in der Vergangenheit äußerst zuverlässig.
Das Ganze liest sich in etwa so: Apple arbeitet eng mit Intel an
64-Bit-Versionen von Mac OS X Server und Mac OS X für Intels
bevorstehenden Merced-Prozessor, den ersten mit IA-64-Architektur. Die
IA-64-Version des Serverbetriebssystems wird 2001 ausgeliefert, das
Client-System 2002 oder 2003.
Der Plan steht vor dem Hintergund von Streitigkeiten innerhalb der
PowerPC-Allianz aus Apple, IBM und Motorola (AIM), die sich aus den
jeweiligen Vorlieben der Partner betreffend der Zukunft und der Features
des PowerPC ergeben.

Natürlich kann man einen Intel-Insider nicht einfach beim Wort nehmen,
wenn es um eine Konkurrenz-Plattform geht. Auch wenn Intel-Sprecher außer
Advanced Micro Devices niemanden mehr als echten Konkurrenten sehen,
bleibt der PowerPC speziell dort eine Bedrohung, wo Intel bisher nicht
glänzen konnte - im Embedded-Bereich: Prozessoren, die in Autos,
Kühlschranken und Mobiltelefonen eingesetzt werden, aber nicht in PCs.
Der Embedded-Bereich ist fur die Mac-Sphäre nicht wirklich relevant;
wichtig aber ist, daß Motorolas Halbleiter-Abteilung genau dort seine
höchsten Umsätze macht. Motorola hat erkannt, daß der PowerPC vermutlich
nie ein Renner im PC-Bereich werden wird und hat sich daher darauf
verlegt, den Chip fur den Einsatz im Embedded-Bereich vorzubereiten.
Genau deshalb hat Motorola die Befehlssatzerweiterung AltiVec entwickelt,
mit der der künftige G4 Datenströme verarbeiten wird. AltiVec ist nicht
als Konkurrenz der SIMD Streaming-Erweiterungen des Pentium III zu sehen,
es soll mit Digitalen Signalprozessoren (DSPs) wetteifern.
IBM sieht den Chip dagegen weiterhin für den Einsatz in
Mehrprozessor-Servern vor, die Rolle, die dem Power-Chipsatz (der Basis
für den PowerPC) von Anfang an zugedacht war. Deshalb war man bei IBM nie besonders begeistert von AltiVec, weil die Technologie in den
Haupteinsatzbereichen von IBM-Systemen praktisch bedeutungslos ist. IBM
sehe das Silikon fur die AltiVec-Engine lieber im Bereich Server-Funktionalitat verarbeitet. Der Zwist, der sich über AltiVec zwischen Motorola und IBM entspann, war das erste Zeichen für die Vergänglichkeit der AIM-Allianz. Das hat Intel erkannt und versucht vielleicht deshalb, Apple von den Vorteilen einer Zusammenarbeit mit Intel zu überzeugen. Das hat nichts mit einer
Kriegslist zu tun - Intel betreibt einfach nur Kundenakquisition.
Außerdem hat Motorola Intel wegen einiger übergelaufener
PowerPC-Entwickler verklagt, ein weiterer Grund fur Intel, die
PowerPC-Entwicklung als Sackgasse hinzustellen.

Nichtsdestotrotz sind die Gerüchte uber den Tod des AIM-Bündnisses
verfrüht. Im vergangenen Jahr erklarte Mike Attardo, Geschaftsführer der
IBM-Mikroelektronik-Abteilung, daß die beiden Unternehmen ihren Streit
schnellstmöglich beilegen wollten. Er sagte: "Die drei Firmen wollen und
werden zusammenarbeiten."
Die Partnerschaft hat in letzter Zeit einige Täler durchschritten (welche
Partnerschaft bleibt davon verschont?), aber ein endgültiger Bruch
zwischen zweien der Partner war nie in Sicht. Und selbst wenn IBM alles
hinschmeißen wurde, hätten Motorola und Apple mehr als genug Gründe fur
ein Festhalten an der gemeinsamen Plattform.

Warum also sollte Apple überhaupt mit Intel zusammenarbeiten? Was könnte
Apple von seiner Strategie mit Mac OS X abbringen? Ein kurzer Blick auf
die derzeitige Ausrichtung beider Unternehmen könnte Klarheit bringen.
Im Falle von Apple stellt sich die Lage so dar: Die Vision eines
plattformunabhängigen Betriebssystems macht bei Apple schon seit
Ewigkeiten die Runde. Bereits als die Arbeiten am Pink OS (dem späteren
Taligent) und damit die Auseinandersetzung mit Microkernels begannen, war
Plattformunabhängigkeit ein Thema. Sie war vielleicht nicht immer
Bestandteil der Kernstrategie, aber dennoch immer präsent.
Fur Apple besteht der Reiz der Plattformunabhängigkeit darin, das eigene
Betriebssystem einem großen Publikum inklusive den Anhängern Mac-fremder Plattformen anbieten zu konnen. Kurz nach der Next-Übernahme prophezeite Apple dem Mac OS eine plattformunabhängige Zukunft und behauptete, daß das Yellow-Box-API als Herz des neuen Betriebssystems Rhapsody nativ auf Intel-Prozessoren und unter Windows laufen werde. Seither hat die Kompatibilität zu Intel zwar an Bedeutung verloren, aber das Mach- und BSD-Unix-basierte Mac OS X Server kann - sofern notwendig - leicht auf jeden Prozessor portiert werden.

Möglicherweise erachtet Apple das tatsächlich als notwendig. Apple sieht
in Mac OS X Server mehr als nur ein Betriebssystem fur Mac-Netze, nämlich
eine Konkurrenz zu Windows 2000 Server (bzw. NT). Windows 2000 wird den
Administratoren riesiger Firmennetze sehr viel mehr bieten als Mac OS X
Server, gleichzeitig wird es aber unattraktiv fur kleine bis mittlere
Unternehmen. Es kommt recht spät, es ist wenig vertrauenerweckend in
Sachen Millennium Bug und wartet mit einer derartigen Flut neuer
Features auf, daß IT-Fachleute ewig fur die Schulung und Implementierung
brauchen werden.

Und zu allem Übel fur Microsoft taucht Intel auch noch mit einem rundweg
neuen Highend-64-Bit-Prozessor namens Merced auf. Microsoft hat natürlich
eine Merced-Version von Windows 2000 angekündigt, hält sich aber bedeckt
bei dessen Liefertermin. Daruber ist Intel so besorgt, daß man
sicherheitshalber verschiedenen Linux-Distributoren die Portierung des
Open-Source-Systems auf die neue Plattform finanziert.
Tatsachlich hat Intel in letzter Zeit zahlreichen Betriebssystemen unter
die Arme gegriffen. Es hat in einige Linux-Distributoren investiert, die
das System fur die 32-Bit-Linie (also die x86-Familie) anboten. Es hat
sogar Geld in Be gesteckt.
Die Linie des Unternehmens ist die Forderung aller Betriebssysteme, die
auf der eigenen Hardware laufen; Intel will nicht mehr in einem Atemzug
mit Microsoft genannt werden.

In der Vergangenheit war es wegen der unterschiedlichen
Prozessorplattformen schwierig, Apple Unterstützung zu gewähren, aber das
könnte sich mit Mac OS X Server und seinen plattformunabhängigen
Eigenschaften andern: jetzt kann Intel in die Bresche springen und Apple
helfen, Intel-Versionen für die neuen Betriebssysteme zu entwickeln.
Es ist dennoch keine einfache Partnerschaft. Apple sieht das eigene
System selbstverständlich ungern auf Rechnern laufen, für die Intel das Geld
eingestrichen hat - aber das ist gar nicht der springende Punkt. Intel
kann endlich einen wichtigen Konkurrenten zu Windows 2000 aufbauen, das
"Intel" aus dem "Wintel" streichen und erhält mehr Unterstützung für die
gerade flügge gewordene 64-Bit-Architektur. Apple erhält problemlos
Zugang in den 64-Bit-Himmel, der ansonsten schwer zu erreichen wäre und
hält sich im Falle eines Aussterbens der PowerPC-Plattform ein
Hintertürchen offen.

Sollten Mac-Anwender jetzt beunruhigt sein? Nein, denn Apple steigt
schließlich nicht komplett auf Intel um. Zunächst wird man an der
nächsten und vermutlich der übernächsten PowerPC-Generation festhalten,
soweit eben Motorolas Planung reicht. Zweitens wird Apple die Anwender
nicht zwingen, beim Umstieg von Mac OS 8.x auf Mac OS X auch gleich auf
Intel-Prozessoren umzusteigen. Das Unternehmen ist sich daruber im
Klaren, daß der Umstieg fur Anwender wie Entwickler sanft ablaufen muß,
deswegen wird Mac OS 8.x auch weiterentwickelt werden, solange sich Mac
OS X in der Einführungsphase befindet.
Auch wenn die Anwender das System schnell annehmen; bevor nicht wirklich
solide Zahlen erreicht sind, kann Apple auch keinen Umstieg vom PowerPC
zu Intel verlangen - zumindest nicht von den Privatanwendern. Keines
dieser Argumente wird Apple vom Umstieg auf Intel abhalten, wenn es
vorteilhaft erscheint. Mal ehrlich: Niemand benutzt einen Mac wegen
dessen Prozessor - es ist das Betriebssystem, das den Unterschied macht.
Dennoch wird Apple einen solchen Schritt nur wagen, wenn es als
Unternehmen einen noch sichereren Stand hat als jetzt.
Eine Zusammenarbeit mit Intel, vielleicht in Form von Merced-basierten
Servern im nächsten Jahr, heißt nicht Abschied vom PowerPC, sie bedeutet
eine Ausweitung des Mac OS. Und das sollte nun wirklich niemanden stören.

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