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Identitätsklau via Internet nimmt zu

04.09.2000 | 00:00 Uhr |

Schauspielerin Sandra Bullock machte es vor. Sie
kämpfte als Angela im Thriller «Das Netz» gegen eine Doppelgängerin,
die unter Angelas Namen auftrat. Einen solchen Kampf, wenn auch unter
weniger spektakulären Umständen, müssen neuerdings Tausende von
unbescholtenen Amerikanern führen.

Sie wurden zu Opfern von raffinierten Identitätsbetrügern, die
gezielt das Internet nutzen. Der so genannte «ID Fraud», der
Identitätsschwindel, hat inzwischen die US-Regierung und die
amerikanischen Verbraucherschützer auf den Plan gerufen.

Am Anfang des Betrugs steht eine in den USA zentrale Ziffernfolge:
Die neunstellige Sozialversicherungsnummer. Sie wird lebenslang
behalten, und unter ihr werden auch sämtliche Finanzdokumente einer
Person gespeichert, von der Steuererklärung bis zum Antrag auf eine
neue Kreditkarte.

Wer den Namen und die Sozialversicherungsnummer einer Person
kennt, kann seinen Auftritt als Doppelgänger beginnen. Das Internet
erleichtert diesen Start. Dort liefern professionelle Dienste wie
«docusearch.com» zahlenden Kunden für durchschnittlich 50 Dollar die
persönlichen Daten beliebiger Personen.

Es geht auch billiger, wie der Fall Thomas Seitz beweist, der
inzwischen im Gefängnis sitzt. Der 23 Jahre alte Hacker stieß in
einer schlecht geschützten Datenbank auf Namen und
Sozialversicherungsnummern renommierter Manager. Selbst mit diesen
knappen Angaben gelang es Seitz, im Namen seiner Opfer Kreditschecks
über Beträge von bis 44 000 Dollar zu erhalten und damit einkaufen zu
gehen.

Seitz besorgte sich außerdem im Internet einen nachgemachten
Führerschein mit seinem Bild und dem gestohlenen Namen. Der leicht zu
fälschende Führerschein im Kreditkartenformat gilt in den USA als
Personalausweis, und im Internet boomt der Handel mit nachgemachten
Dokumenten. Der Betrug flog erst auf, als ein Autohändler den von
Seitz vorgelegten Ausweis zufällig einer Routineprüfung unterzog und
eine Kopie an die Führerscheinbehörde faxte.

Seitz wurde festgenommen und sitzt derzeit eine dreijährige Haft
ab. Unlängst allerdings war er der Stargast bei einer Anhörung des
US-Senats. Es ging um die Verbrechenswelle unter dem Stichwort «ID-
Fraud», und der erfahrene «Identitäts-Betrüger» durfte aus seinen
Erfahrungen berichten. Entsetzte Regierungsvertreter erfuhren unter
anderem, dass Seitz sich bei Internet-Anbietern bedienen konnte, die
ganz offen Handel mit Führerschein-Druckvorlagen treiben.

Im kommenden Herbst werden erneut Senatsanhörungen zum Thema «ID-
Fraud» stattfinden. Dort soll über verschärfte Strafen für die
Benutzer gefälschter Dokumente beraten werden, und auch die Anbieter
solcher Fälschungen müssen wohl zukünftig mit längeren
Gefängnisaufenthalten rechnen.

Diese Maßnahmen ergreift die US-Regierung, weil sie bestürzende
Zahlen vor Augen hat. Bei der Verwaltung der Sozialversicherung
gingen im vergangenen Jahr 30 000 Beschwerden über den Missbrauch der
wichtigen Nummern ein. Im Vorjahr waren es nur 11 000 Beschwerden,
und den Zuwachs führen Experten fast ausschließlich auf den immer
weiter um sich greifenden «ID-Fraud» zurück.

Bei den staatlichen Verbraucherschützern der Federal Trade
Commission (FTC) klingeln seit Beginn dieses Jahres die Telefone
heiß. Eine gebührenfreie Hotline wurde in den vergangenen acht
Monaten schon von über 20 000 Menschen angewählt. Immer mehr Personen
melden sich, weil in ihrer Post plötzlich hohe Kreditkartenrechnungen
auftauchen. Betrüger hatten unter falschem Namen einen bargeldlosen
Großeinkauf gemacht, und es kostet die Opfer dann oft Wochen, die
Kreditgeber von ihrer Unschuld zu überzeugen.

Eine amerikanische Versicherungsgesellschaft wittert bereits ein
gutes Geschäft. Die Travellers Property Casualty Corp. bietet
neuerdings eine Police für Opfer eines Identitätsbetrugs. Abgedeckt
werden die üblichen Kosten eines solchen Falls: Die Telefonanrufe mit
Kreditkartengesellschaften etwa, außerdem die Anwaltsgebühren und der
Lohnausfall während der vielen Stunden, in denen der eigene gute Ruf
bei Kreditgebern mühsam wieder hergestellt werden muss.
dpa

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